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20:07 24.03.2017
Menschen in der U-Bahn: Das Foto von Boubah Barry sorgte für Diskussionen. Quelle: Boubah Barry | Instagram
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Hannover

Es war ein milder Frühlingsmorgen in New York. Wie jeden Tag füllte sich der U-Bahn-Zug der Linie W von Queens nach Manhattan bis auf den letzten Platz. Und wie jeden Tag rückten in der weltoffenen Millionenmetropole massenhaft Menschen mit sehr unterschiedlicher Herkunft und Orientierung aufeinander.

So saß an diesem Morgen eine aufgerüschte Dragqueen, ein junger, als Frau gekleideter Mann, neben einer schüchternen Muslima. Die wiederum schien nun noch tiefer in ihrem sie umhüllenden Nikab zu versinken. Les extremes se touchent, sagt der Franzose: Die Gegensätze berühren sich.

Das Nahesein dauerte nicht lange, nur ein paar Minuten. Die Zeit genügte aber für einen Schnappschuss, aufgenommen von einem Passagier, der gerade gegenüber saß: ein junger Schwarzer, aus Guinea eingewandert. Der machte mal schnell ein Foto von den beiden und postete es auf Instagram, als kleinen Beitrag zum Thema “Subway Creatures“ – U-Bahn-Kreaturen.

“Die saßen da, und es hat niemanden interessiert“

Der Hobbyfotograf heißt Boubah Barry, er will Immobilienhändler werden, derzeit ist er Student. Fotos, die er zuvor ins Netz gestellt hat, zeigen eher Belangloses: ein Eishockeyteam etwa, die schlichte Überfüllung an einem Bahnhof. Oder ihn selbst, schlecht belichtet, vor dem Rockefeller Center in Manhattan. An diesem Tag aber gelang ihm ein besonderes Bild. Der Schnappschuss aus dem W-Zug ging viral, wie man heute sagt: Er wurde geteilt, weitergeleitet, multipliziert, kommentiert – und schließlich sogar zum ideologischen Streitobjekt.

“Dies ist die Zukunft, die sich die Liberalen wünschen“, ätzten Kritiker von ganz rechts, die sich in ihren von weißen Nationalisten dominierten Foren schüttelten vor Ekel über so viel geballtes Anderssein in New York: Schauderhaft. Wohin sind wir gekommen? Barry Boubah aus Guinea konterte mit dem coolen Stolz des liberalen Neu-New-Yorkers: “Das ist Diversität“, schrieb er auf Twitter. “Die saßen da, und es hat niemanden interessiert.“

Toleranz trotz Trump

Bald entdeckte auch der Mann im Frauenkostüm sich selbst im Netz. Samuel Themer kommt ursprünglich aus Kentucky, in New York tritt er als Sängerin Gilda Wabbit auf die Bühne. Gilda singt in Bars, hat aber auch Opernarien drauf. Er habe sich gar nichts dabei gedacht, sich im Zug neben die Frau im Nikab zu setzen: “Das ist doch nun wirklich keine große Sache.“

Auch Nikab-Trägerinnen schalteten sich in die Debatte ein. Eine junge Muslima lobte die Lässigkeit in New York: “Wenn ich mit dem Nikab in der Moskauer U-Bahn unterwegs bin, mag sich immer keiner neben mich setzen.“ Der Kommentator eines New Yorker Magazins sah ein schönes Zeichen für Toleranz trotz Trump: “Wenn eine Dragqueen, eine Nikab-Trägerin und ein Einwanderer aus Guinea im W-Zug friedliche Koexistenz hinbekommen, sollte dies doch wohl auch allen anderen möglich sein.“

Mal ehrlich: Wie würden wir selbst bei einer Zugreise in Deutschland auf ein solches Duo reagieren? Ein grell geschminkter Transvestit? Der mag zwar abends in der Bar sein Publikum finden, löst doch aber morgens in der U-Bahn allenfalls bei einer Minderheit Freude aus. Und die Nikab-Trägerin, die mühsam durch ihren schmalen Sehschlitz äugt? Warum in aller Welt, fragen auch Wohlmeinende, will oder darf diese Frau nicht ihr Gesicht zeigen?

Das Gute an der Gleichgültigkeit

Erfreulich an dem Duo ist in Wahrheit weniger die eine oder andere Gestalt mit ihrer jeweils provokativen Entfernung von der Norm. Erfreulich sind die Selbstverständlichkeit und die Aufgeräumtheit, mit der die beiden einander begegnen – und sei es nur für einige Minuten, irgendwo zwischen Queens und Manhattan.

Oft wird die Kühle der großen Städte beklagt. Aber liegt nicht auch in einer gewissen Gleichgültigkeit Gutes? Die Botschaft aus der New Yorker U-Bahn lautet: Wir kommen miteinander klar. Oder, sparsamer und zugleich noch ein bisschen realistischer ausgedrückt: Wir kommen zumindest ohne Probleme aneinander vorbei. Genau diese Haltung aber würde schon genügen, um die Welt schlagartig von sehr vielen Problemen zu befreien: Fundamentalismus, Rassismus, Nationalismus.

In Italien zeichnete der Karikaturist Mauro Biani eine beklemmende Verlängerung des Bildes: Er ließ, als stehende Passagiere, zwei illiberale Gestalten mit düsterem Blick in der U-Bahn hinzutreten, den Chef der Terrororganisation “Islamischer Staat“, Abu Bakr al-Baghdadi, und US-Präsident Donald Trump. Als hilfsbereite Begleiter eines entspannten Miteinanders über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg taugen beide in der Tat nicht. Eher böte sich als Schutzpatron ein preußischer König an, der schon vor 300 Jahren Toleranz, Gelassenheit und Gleichbehandlung empfahl.

Ein Ja zur Koexistenz

Friedrich II. musste anno 1740 die Anfrage bearbeiten, ob man nicht in Preußen die römisch-katholischen Kirchen wegen ihrer diversen Andersartigartigkeiten wieder schließen solle. Eigenhändig schrieb Friedrich II. an den Rand der Eingabe unvergessene Worte: „Die Religionen Müßen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben das keine der anderen abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden.“ Es folgt das Kürzel des Königs: “Fr.“

Hätten sich nachfolgende Generationen von Regierenden und Regierten daran gehalten, wären Europa und der Welt mehrere Kriege erspart worden, furchtbare menschliche Tragödien, abgrundtiefe Zivilisationsbrüche. Frieden beginnt heute wie zu allen Zeiten mit einem höflichen, vielleicht auch schüchternen Ja zur Koexistenz mit dem, den man als ganz anders empfindet.

Von Matthias Koch

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