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Top-Thema Not und Spiele in Rio
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20:06 29.07.2016
Wenige Tage vor Beginn der Olympischen Sommerspiele soll der Blick der Welt auf Rio durch nichts getrübt werden – trotz Armut, Gewalt und dramatischer Wirtschaftslage. Ein Besuch hinter den Fassaden von Rio de Janeiro. Quelle: afp
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Die Straßenkinder sind verschwunden. Zuerst habe ich das gar nicht bemerkt, doch gestern Abend ist es mir beim Einkaufen aufgefallen. Hier, an der Ampel an der Avenida Nossa Senhora do Copacabana, fangen sie sonst immer die Autos ab.

Eine Gruppe von fünf, sechs Kids im Alter von sechs bis zehn Jahren. Sie tragen zerlumpte Hosen und schmutzige, zerrissene Hemden. Ihre nackten Füße klatschen auf dem Asphalt, wenn sie bei jeder Rotphase auf die Autos zustürmen und versuchen, für eine Handvoll Centavos die Windschutzscheiben zu putzen. Sie wissen genau, wie viele Sekunden ihnen zwischen Rot und Grün bleiben.

An dieser Ampel mitten in Rio de Janeiro teilen Arm und Reich genau 30 Sekunden. Eine halbe Minute treffen die Welten aufeinander: die Mittel- und die Oberschicht und jene, die nur das besitzen, was sie am Leib tragen. Manchmal haben die Kinder Glück, wenn ein Fahrer mal 2 Reais, umgerechnet knapp 50 europäische Cent, aus dem Fenster reicht. Es ist der kleinste brasilianische Geldschein. Für die Kinder ist er ein Gottesgeschenk. Noch die kleinsten Beträge sind überlebenswichtig, retten sie über den Tag.

Nichts soll den Blick belasten

Doch nun sind die Kinder weg, und niemand fragt, wo sie abgeblieben sind. Ich erinnere mich an eine Pressetour durch Rio de Janeiro vor wenigen Wochen, mit dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Es ging um die Kampagne der deutschen und brasilianischen Kirche, zahlreicher Hilfsorganisationen und des Deutschen Olympischen Sportbundes. Der Titel: "Rio bewegt. Uns." Die Kampagne dringt auf Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit bei den Olympischen Spielen an der Copacabana.

Ein besorgter brasilianischer Priester erzählte uns damals: "Vor den Spielen werden sie wohl die Straßen im Zentrum von den zerlumpten Kindern säubern." Bestenfalls würden die Kinder in andere Stadtteile gebracht. Es gäbe aber auch andere Befürchtungen, dass nämlich die Kinder spurlos verschwinden könnten. Nichts solle den Blick der Welt auf Olympia belasten.

Die Kinder in meiner Straße sind jedenfalls nicht mehr da. Stattdessen leuchten auf ihrem ehemaligen Arbeitsplatz grüne Buchstaben und Zahlen auf dem dunklen Asphalt: Rio 2016 steht da aufgemalt. Es ist die für den Olympiaverkehr reservierte Spur. Kein noch so kleines Hindernis soll die Sportler, die Touristen und die Journalisten aufhalten. Erst recht  keine Straßenkinder, die Windschutzscheiben putzen. Olympia hat Vorfahrt, wenn sich die Jugend der Welt am 5. August in Rio de Janeiro versammelt. Das ist die Jugend, die erwünscht ist.

Bahn frei für die prestigeträchtigen Gäste: Auf den großen Straßen ist eine Spur für den Olympiaverkehr reserviert. Quelle: afp

Der Alltag hat sich verändert in Rio de Janeiro. Als ich vor gut drei Jahren angefangen habe, intensiv aus dieser Stadt zu berichten, war die Euphorie noch groß. Brasilien freute sich auf den Confed-Cup 2013, den Weltjugendtag mit Papst Franziskus, die Fußball-WM 2014, die 450-Jahr-Feier 2015 und die Olympischen Spiele 2016.

Luiz Inacio Lula da Silva, Brasiliens Präsident von 2003 bis 2011, hatte am ganz großen Rad gedreht. Sein erfolgreicher Kampf gegen Hunger, Armut und Analphabetentum galt als beispielhaft in der Welt. Er hatte globale Großereignisse nach Brasilien geholt und sah sein Land auf bestem Weg zur neuen Supermacht Amerikas. Geblieben ist von der Euphorie nicht viel.

Mein Freund Bira, der Musiklehrer, erklärt mir bei einem Bier, warum das so ist. "Wir werden von einer Mafia regiert. Ich habe die Bilder aus den Jahren noch ganz genau vor Augen, als Brasilien den Zuschlag für die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele bekam. Man konnte den Politikern damals ansehen: Die haben sich nicht gefreut, weil Brasilien Gastgeber wird. Die haben sich gefreut, weil sie bald sehr reich sein würden."

Schüler verbarrikadieren sich

Bira zählt zu den Tausenden Angestellten, die seit Monaten auf ihre Gehälter warten. Er zeigt mir seinen leeren Kühlschrank, in dem nur noch zwei verschrumpelte Äpfel liegen, und er zeigt mir die Rechnungen, die sich auf seinem Tisch türmen. Bira bittet mich um Hilfe. Genau ­400 Reais, etwa 110 Euro, muss er für die Stromrechnung zahlen, sonst gehen bei ihm die Lichter aus.

Es ist ihm peinlich, deswegen fragt er nicht direkt, sondern um die Ecke. „Wenn ich nur diese eine Sorge weniger hätte“, brummelt er immer wieder auf der Fahrt zu seiner Schule. Ich helfe ihm, danach reden wir nicht mehr über die Sache.

In der Schule, die in dem Viertel Rio de Janeiros steht, in dem einst Brasiliens "weiße Perle" Zico das Kicken lernte, herrscht der Ausnahmezustand. Die Lehrer streiken, die Schüler haben sich verbarrikadiert. Gestern waren auch ein paar Schweine und Pferde da, die im Müll gewühlt haben, erzählt Bira. "So schnell kann ein Gebäude verwahrlosen."

"Wenn ich nur eine Sorge weniger hätte ...": Seit Monaten erhalten Lehrer wie Bira und andere Staatsangestellte kein Gehalt. Quelle: Käufer

Er ist wütend auf die Politik. Auf Lula da Silva, den Ex-Präsidenten und Mitbegründer der brasilianischen Arbeiterpartei, der erst die WM und die Spiele nach Rio holte und dann als Lobbyist für die Bauindustrie arbeitete. Auf die vom Amt suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff, die die Korruption eben doch nicht unterband, obwohl sie genau das versprochen hatte.

Und auch auf Interimspräsident Michel Temer, weil "der doch mit allen unter einer Decke steckt". Für Bira, dessen Vater die berühmteste Samba-Schule des Landes gründete, die Mangueira, ist klar, warum er seit Monaten kein Geld mehr gesehen hat: "Wir haben uns übernommen. WM und Olympia, das ist zu viel für unser Land und für unsere Stadt. Das wird kein gutes Ende nehmen."

Die Schüler haben das Eingangstor zu ihrer Schule mit einem schweren Kettenschloss versperrt. Hier fühlen sie sich sicher. "Die Jugendlichen haben Angst vor der Polizei und deren Knüppeln", erzählt uns Bira. Deswegen gehen sie nicht auf die Straße, sondern transportieren ihren Unmut ins Netz. Zumindest in den sozialen Netzwerken werden sie dafür gefeiert, doch die Medien und die Politik nehmen kaum Notiz von ihnen. "Wie sollen wir ein modernes Land werden, wenn unsere Schulen auf dem Stand der Achtzigerjahre sind", haben sie auf ihre Plakate geschrieben. Und: "Bildung und Gesundheit statt teurer Stadien."

Ausbleibende Gehälter, leere Geschäfte

Wir gehen rüber zu Biras Stammlokal. Wir sind die einzigen Mittagsgäste im sogenannten Kilo-Restaurant. Hier wird nur bezahlt, was auch tatsächlich gegessen wird. Das Gewicht der Mahlzeit bestimmt den Preis. Wer sparen muss wie Bira, der weiß, wie der Teller für den Kampfpreis von umgerechnet 3 Euro voll zu bekommen ist. Trotz des Sonderangebotes bleiben die Tische leer.

"Weil niemand hier in dem Viertel noch Geld hat. Alle leben von der Schule. Es ist wie ein Teufelskreis", berichtet der Restaurantbesitzer. Ausbleibende Gehälter sorgen für leere Konten, leere Konten sorgen für leere Geschäfte und leere Restaurants. Und so frisst sich die Krise mitten hinein in Rios Gesellschaft, auch dort, wo sie auf den ersten Blick nicht vermutet wird.

Nervosität über der Stadt

Auf meiner Straße, von der die Kinder verschwunden sind, tauchen inzwischen andere Figuren auf. Rios Stadtpolizei hat Stellung bezogen. Weil schon die ersten internationalen Gäste in der Stadt sind, sollen sie nun ein Gefühl von Sicherheit ausstrahlen. Und doch liegt ein Hauch von Nervosität über dieser einzigartig schönen Stadt. Schon frühmorgens, wenn Brasiliens allmächtiger TV-Sender Globo die Menschen mit den Frühnachrichten weckt, hängen die Cariocas, die Einwohner Rios, wie gebannt vor den Bildschirmen.

Auf ihrem Weg zur Arbeit registrieren sie die Bilder auf den unzähligen Flachbildschirmen der Bars, die rund um die Uhr geöffnet haben. Und in denen sich um diese Uhrzeit die Schnapsleichen der Nacht mühsam auf den Hockern halten. Jene, die zu den Verlierern der letzten Jahre zählen. Die sich von Nacht zu Nacht schleppen, abends bei den unzähligen Fußballübertragungen für ein paar Sekunden entspannen können, wenn ihre Mannschaft Tore schießt.

Erschrocken schauen sie gemeinsam mit denen, die noch Arbeit haben, auf die Nachrichten aus Nizza, aus Orlando oder Würzburg. An den Kiosken hängen die Titelseiten mit den Bildern der jüngsten Terroranschläge aus Europa. Und ich denke an meine Zeit als junger Journalist zurück, als ich in meinem Heimatdorf Korschenbroich am Niederrhein für ein lokales Wochenblatt Nachrichten über den lokalen Handballverein schrieb.

Angst vor Terroranschlägen: Polizei und Militär schützen die Olympia­stätten wie die Arena Carioca. Auch ihre Gehälter sind wegen der Plaeite des Bundesstaats Rio de Janeiro nicht regelmäßig gezahlt worden. Quelle: afp

Damals schaute ich erschrocken nach Südamerika. Gefährlich müsse es dort sein, mit all den Bomben in Kolumbien, den Razzien in den Favelas von Rio, den Militärputschen in Argentinien oder Chile. Die Vorzeichen auf dieser Welt haben sich geändert. Nun explodieren die Bomben in Frankreich, putscht das Militär in der Türkei und Touristen sind weder vor dem Kölner Hauptbahnhof noch in einer fränkischen Regionalbahn sicher. Auch ein Brasilianer kam bei dem Terroranschlag in Nizza ums Leben. Europa macht den Brasilianern Angst und ich tue mich schwer, ihnen die Angst zu nehmen.

"Was ist bei euch los?", fragt mich Washington, der bärtige Kioskbesitzer, bei dem ich morgens meine Zeitung kaufe. Immer dann, wenn in Europa wieder irgendwo alles aus den Fugen gerät. Washington hat Angst, dass der Terror mit den Spielen auch nach Rio kommt. Vor ein paar Tagen machte die Meldung die Runde, dass sich eine radikale brasilianische Islamistengruppe zum IS bekannt habe.

Das kennen sie nicht in Rio de Janeiro. Es ist ihre erste Begegnung mit dieser Art von Gewalt. Washington kennt all diese Nachrichten, denn er liest jede seiner Zeitungen vom Anfang bis Ende. Deswegen freut er sich nicht auf Olympia. "Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee war, die Spiele hierher zu holen."

Säuberungen im Rotlichtviertel

Nur einen Steinwurf weiter brüllen Prediger aus improvisierten Kirchen. Vor allem abends und am Wochenende mischen sich die Rufe der Priester evangelikaler Kirchen in den Straßenlärm. Es geht rabiat zu bei diesen Gottesdiensten in umgebauten ehemaligen Ladenlokalen. Viele versprechen Glück und beruflichen Erfolg, bieten so etwas wie einen Weg aus der Krise an. So wie auf der Avenida Prado Junior gleich bei mir um die Ecke.

Die kurze Straße war einst berüchtigt für ihre vielen Rotlichtbars. Doch die Stadtverwaltung säubert auch hier. Zwielichtigen Bars wird die Lizenz entzogen, andere werden über Nacht geschlossen und mit Holzverschlägen verbarrikadiert. In einigen dieser ehemaligen Bars haben sich evangelikale Kirchen eingerichtet. Ein paar Holztische, Bänke und eine Orgel reichen für den Strukturwandel. Der Rest ist Gottes Wille.

Aber mit Gottes Wille ist das so eine Sache. Mein Freund Bernhard ruft mich ganz aufgeregt an. Auch er ist wütend auf Olympia, denn im ökumenischen Zentrum der Spiele ist zwar Platz für Christen, Juden, Moslems und Hindus, aber nicht für die traditionelle Religion der Nachfahren der afrobrasilianischen Sklaven, den Candomblés. "Für die eigenen Leute ist kein Platz, das ist beschämend", sagt er und verweist auf seine Frau, die diesem Glauben angehört.

Jenseits von Olympia: In den touristisch uninteressanten Gegenden der Stadt ist das Leben von Trostlosigkeit und Arbeitslosigkeit geprägt. Quelle: Käufer

Bernhard ist von Beruf Touristenführer. Er stammt aus Stuttgart-Feuerbach und ist in Rio bekannt wie ein bunter Hund. Bernhard wohnt mit seiner Familie in einer Favela über der Stadt. Sie ist ein guter Seismograf dafür, wie es um die Situation in Rio de Janeiro bestellt ist. Vor ein paar Tagen haben sich Bernhard, seine Frau Danielle und die Tochter Liane mal wieder bäuchlings auf den Boden geschmissen. Es wurde wieder geschossen von dem Berg hoch oben über der Stadt. Die Gewalt ist zurückgekommen.

"Man hat viel Schlechtes über die Befriedungspolizei gelesen und gehört", sagt Bernhard. "Aber sie hat auch Positives bewirkt." Die Einheiten der Militärpolizei sollten vor der WM vor allem den der Drogenclans in den Favelas ein Ende machen – indem sie die Milizen der Clans vertrieb. Doch seit die Polizisten abgezogen sind, wird in Bernhards Favela wieder geschossen. Fast jede Nacht. Rios Sicherheitskonzept wird ständig verändert.

Inzwischen hat sich ein selbst ernannter Beschützer vor dem Eingangstor der Favela eingerichtet. Bis zu 18 Stunden am Tag verschanzt er sich dort. Und wenn er auf Koks ist, schießt er auf alles, was sich in der Nacht dem Eingang nähert. Auch auf Polizisten. Und die schießen zurück.

Die Leere nach der Fußball-WM

Wegen dieser Querschläger und der Schießereien zwischen den Drogenfraktionen heißt es dann für die Menschen in den Häusern und auf der Straße, sich auf den Boden zu werfen. Hier oben in der Favela ist es mindestens so gefährlich wie im Europa der Fernsehnachrichten. Und so, wie ich es mir einst in meinem Heimatdorf vorgestellt habe.

Die Werbung im Fernsehen ist ein Gradmesser dafür, was die Brasilianer fühlen und denken. Oder was sie fühlen und denken sollen. Sie ist zurückhaltender geworden. Vor der Fußball-WM 2014 prallte noch die ganze Wucht der enormen Erwartungen auf die Zuschauer ein. Zwei Spots sind mir ganz besonders in Erinnerung geblieben: Ein Clip zeigte die brasilianischen Fußballer als Superhelden, die wie Giganten den Rest der Welt ausspielten und natürlich den Weltpokal nach Hause holten. Am Seitenrand nickten Pelé und Ronaldo wohlwollend dem Publikum zu.

Es kam anders: Bis heute hat das 1:7 gegen Deutschland die brasilianische Seele tief gekränkt. Und sie ist mit ein Grund für die tiefe Depression des Landes. Wenn eine Nation, die Rekordweltmeister ist, sich vor allem über den Fußball definiert und dann ein solches Debakel erlebt, bleibt erst einmal eine große Leere. Wie nach einer großen Liebe, die sich als die größte Enttäuschung herausstellt.

Im Zuge des Petrobras-Korruptionsskandals wurden die Arbeiten an den Raffinerien von Itaborai eingestellt. Zehntausende Arbeiter haben ihre Jobs verloren, Hotels, Geschäfte und Restaurants sind leer. Quelle: dpa

Der zweite Werbespot, der mir in Erinnerung geblieben ist, ist der über die Erfolge des Erdölkonzerns Petrobras. Der Clip zeigte in atemberaubenden Bildern den Aufstieg zum Weltkonzern. Auch das ist nur zwei Jahre her. Bei einem Ausflug in die Industriestadt Itaborai vor den Toren Rio de Janeiros habe ich erlebt, was aus diesem Traum geworden ist.

Von den fast 30 000 Arbeiternehmern, die in den Raffinerien den Aufstieg Brasiliens zur Energie-Supermacht vorbereiten sollten, haben fast 80 Prozent ihre Jobs verloren. Die Hotels für die Geschäftsreisenden stehen leer. Mietshäuser haben keine Bewohner mehr, nur vor der Lotteriebude steht eine ewig lange Schlange.

Glück, Gott, geplatzte Träume

Es geht apokalyptisch zu in Itobarai. Am Busbahnhof, der für Hunderte Menschen ausgelegt ist, treffe ich einen einzigen Arbeiter. Ich nehme ihn mit zur Raffinerie. Seinen Namen will er nicht nennen. Es gebe Hoffnung auf einen chinesischen Investor, hat er gehört. Und dass der Ölpreis wieder steigt. Angekommen auf dem riesigen Parkplatz vor der Raffinerie stelle ich fest, dass ich das einzige Fahrzeug dort abgestellt habe. Ein paar Minuten später verschwindet mein Fahrgast im Nichts der gewaltigen Anlagen. Hinter einem Horizont voller Schornsteine, die nicht rauchen.

Der dramatische Ölpreisverfall, dazu der gigantische Korruptionsskandal um politische Parteien, die sich Gelder direkt in die Parteikassen abzweigten, haben aus dem Rückgrat der brasilianischen Wirtschaft einen dahinsiechenden Patienten gemacht. Geplatzte Träume sorgen in der Lotterieannahmestelle und bei den evangelikalen Kirchen für rege Betriebsamkeit. Es gibt nicht mehr viel, woran die Brasilianer sonst noch glauben könnten. Nur Glück und Gott können jetzt helfen.

Von Tobias Käufer

Olympia 2016: Unsicherheit vor den Spielen

Angespannt: Die Sicherheitslage in Rio vor den Olympischen Spielen. Quelle: Agência Brasil Fotografias / CC BY 2.0

Morgens um sechs entfaltet diese wunderschöne Stadt ihren größten Reiz. An der Copacabana in Rio de Janeiro hat die Natur ihrer guten Laune freien Lauf gelassen, hat eine wunderbare Kurve und geschwungene Hügel in die Bucht gezaubert. Jeder Morgen ist anders, mal ist der Himmel feuerrot, mal ein blau-weißer Wolkenteppich, immer wie ein Gemälde. Das Meer rauscht, und die "Cidade maravilhosa", die wunderbare Stadt, erwacht.

Morgens um sechs zeigen allerdings auch Brasiliens Sicherheitskräfte Flagge: Mit ohrenbetäubendem Lärm startet eine Helikopterstaffel der Armee und zieht ihre Kreise über die populäre Südzone Rio de Janeiros mit ihren berühmten Stränden Copacabana und Ipanema. Unten auf der Straße beziehen Polizisten Stellung und in der Innenstadt prägen zehn Tage vor Eröffnung der diesjährigen Olympischen Sommerspiele schwer bewaffnete Militärs das Stadtbild. Zum Säbelrasseln gehört auch eine Anti-Terror-Übung. Der martialische Auftritt soll klarmachen: Rio de Janeiro wird während der nächsten Wochen die bestbewachte Stadt der Welt sein.

Zehntausende Überprüfungen

Die Anstrengungen der Sicherheitskräfte sind offenbar notwendig. Rios Tageszeitung "O Globo" meldet, dass in Brasilien eine Gruppe radikaler Unterstützer dem Terrornetzwerk "Islamischer Staat" (IS) die Treue geschworen hat. Der IS wiederum bedankt sich mit der Gründung eines Kanals in portugiesischer Sprache. Den Brasilianern scheint das unfassbar. Bislang hat der islamistisch motivierte Terror einen großen Bogen um Lateinamerika gemacht. Das liegt auch daran, dass der Islam im fast durchgehend christlich geprägten Lateinamerika nur eine untergeordnete Rolle spielt und eine verschwindend kleine Minderheit darstellt.

Trotzdem sind die Behörden alarmiert. Nach Informationen brasilianischer Medien sollen vier Personen, die in Zusammenhang mit Ermittlungen wegen Terrorismus stehen, versucht haben, an Akkreditierungen für die Olympischen Spiele zu kommen. Ihnen wurde bei der Sicherheitsüberprüfung der Zugang zu den Spielen verweigert. Brasiliens Sicherheitskräfte und das IOC haben eine Mammutaufgabe gestemmt: Zehntausende Olympia-Reisende aus dem Ausland mussten überprüft werden. Journalisten wurde vorab eine Identifikationskarte zugeschickt – nach Sicherheitsüberprüfung.

Gehälter der Polizisten bleiben aus

Der "Islamische Staat" hat Brasilien jüngst in den Reigen seiner möglichen Zielorte aufgenommen. In Rio de Janeiro gibt es eine ganze Anzahl von potentiellen Zielen: Seien es offene Wettkampfstätten wie beim Marathonlauf oder beim Radrennen, die beliebten Touristenattraktionen am Strand oder Angehörige bestimmter Nationen. Nach den Anschlägen von Orlando und Nizza, bei denen offenbar radikalisierte Einzeltäter mit einfachsten Mitteln einen größtmöglichen Schaden anrichteten, wächst in Brasilien die Furcht vor ähnlichen Individualtätern.

Hinzu kommt ein hausgemachtes Problem: Brasiliens Bundesstaat Rio de Janeiro ist pleite. Seit Monaten warten Angehörige der Sicherheitskräfte auf ihre Gehälter. Entsprechend angeschlagen ist die Moral der Einheiten, die zudem in der Terror-Abwehr unerfahren sind: Polizei und Armee sind auf die Abwehr von Kriminalität und Gewalt in den Favelas spezialisiert.

Von Tobias Käufer

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