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Unser glücklichstes Jahrzehnt

Sehnsucht nach den Achtzigern Unser glücklichstes Jahrzehnt

Es war die Dekade mit den buntesten Klamotten, den seltsamsten Frisuren, komischer Musik und – angeblich – dem Ende der Geschichte. Dennoch sind die Achtzigerjahre das Lieblingsjahrzehnt der Deutschen. Warum nur sehnen wir uns so oft zurück in diese alte Welt?

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War früher wirklich alles besser? Oder sehnen sich die meisten Deutschen doch eher nur nach der Einfachheit der Achtzigerjahre?

Quelle: Fotolia

In Fragen zur Geschichte sollte man Augenzeugen grundsätzlich wenig Glauben schenken. Sagen zumindest Historiker. Denn die menschliche Erinnerung ist kein starres Archiv, sondern ein lebendiges, ständig sich veränderndes Gebilde. Man könnte auch sagen: Das, was man als eigenes Leben im Kopf hat, ist zum großen Teil eine Erfindung, kompiliert aus den eigenen und den Erfahrungen von anderen, mit Fernsehschnipseln noch dazu.

Sogar Erlebnisse von Romanfiguren bauen die Menschen Forschern zufolge regelmäßig in ihre Biografie ein. Und zwar so überzeugend, dass sie manchmal selbst daran glauben. Schlechte Erfahrungen lassen wir verblassen, Gutes wird konserviert, sogar überhöht.

Heraus kommt Nostalgie – ein überaus mächtiger Mechanismus. Er ist der Grund dafür, dass ganze TV-Shows, Magazine und unzählige Webseiten rund um die Uhr an die liebsten Jahre ihrer Hörer, Zuschauer und Leser erinnern. "Es war die beste Zeit Ihres Lebens", bewerben Radiosender die "Hits der Achtziger", obwohl die Achtziger doch im in Ost und West geteilten Deutschland ganz unterschiedlich erlebt wurden.

Lieblingsjahrzehnt in Ost und West

Trotzdem sind die Achtziger der popkulturellen Erinnerungsindustrie besonders teuer. Aus einem einfachen Grund: Die Achtzigerjahre sind das Lieblingsjahrzehnt der Deutschen. Kürzlich hat eine repräsentative Meinungsumfrage – in Ost und in West – das bestätigt.

Knapp ein Viertel der Deutschen würde am liebsten noch einmal wie vor 30 Jahren leben. Zwischen "Dalli Dalli" und "Das Krankenhaus am Rande der Stadt", zwischen Pankows "Keine Stars", "Lambada" und Trios gnadenlos hirnverbranntem "Da Da Da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha". Mit Helmut Schmidt und Helmut Kohl im Bonner Kanzlerbungalow und Erich Honecker im Staatsratsgebäude in Ostberlin.

Die Vorliebe für die Achtziger hat sicherlich zum Teil damit zu tun, dass viele Menschen, die heute den Zeitgeist prägen, in dieser Zeit "die Jugend" waren. Wer mit den Achtzigern seinen ersten Kuss oder seine erste eigene Wohnung verbindet, wird ein besseres Gefühl bei der Dekade haben als jemand, der gerade damit beschäftigt war, die letzten Raten seiner Doppelhaushälfte abzubezahlen.

Ende einer Epoche

Aber es sind eben nicht nur die Verklärungen und Streiche der eigenen Erinnerung, die diese Dekade heute so attraktiv erscheinen lassen. Die Achtziger sind tatsächlich ein besonderes Jahrzehnt: 1989 ist eine Epoche zu Ende gegangen, ein Jahrhundert. Frisurentechnisch. Aber auch kulturell, technologisch. Und weltpolitisch sowieso.

Die Achtzigerjahre waren das letzte analoge Jahrzehnt. Die Urlaubsfotos musste man noch zum Entwickeln geben, Musik nahm man aus dem Radio auf Kassette auf und spielte sie dann – wie ungebunden! – mit dem Sony-Walkman ab.

Wer es in den Achtzigern informationstechnisch wissen wollte, hantierte im Westen mit dem von den Beamten der Deutschen Bundespost entwickelten Bildschirmtext Btx. Oder mit dem C64 – dem ersten Massenheimcomputer, der zwar streng genommen schon digital arbeitete, aber dennoch mit seinen riesigen Disketten und dem grauen Kasten eher an einen zu groß geratenen Taschenrechner erinnerte.

Eigenwillig und eigenständig

Das Internet war noch ein unbedeutendes Netzwerk für Technikfreaks. Internetblogs, die Halbwahrheiten verbreiten und verschwörerische Facebook-Einträge, die Gerüchte zu Nachrichten machen, zeigen dagegen in diesen Tagen deutlich, wie destabilisierend es für eine Gesellschaft sein kann, wenn nicht mehr alle in etwa über das Gleiche reden.

Modisch waren die Achtziger extrem eigenwillig – und gleichzeitig die letzte in Geschmacksfragen eigenständige Dekade. Seitdem erleben wir ein Revival nach dem nächsten. Die Rückkehr der sechziger, der Siebziger-, der Zwanzigerjahre. Sogar ein Neunziger-Revival gibt es schon, obwohl doch die Neunziger selbst schon die vorangegangenen Jahrzehnte zitiert haben. Seit einiger Zeit arbeitet sich die Mode- und Popwelt zudem auch munter an den Achtzigerjahren ab.

Zuerst kam der Trash zurück mit den Neue-Deutsche-Welle-Glitzeranzügen und den Karottenhosen, großes Karo, Schulterpolster, Föhnfrisuren, vorne kurz, hinten lang. Ja, auch Schnäuzer. Mittlerweile erinnert man sich daran, dass auch Popikonen wie The Smiths oder Depeche Mode der Neonwelt der Achtziger entstiegen sind. Genauso wie die Punks, die sich erkennbar bemühten, nicht dazuzugehören. Und doch so zu den Achtzigern gehören wie der Popper auch.

Klare Feindbilder, klare Fronten

Damals war die Welt zumindest in einigen Lebensbereichen noch klar sortiert. Nicht nur in Punks und Yuppies. Auch zwischen Gut und Böse, zwischen rechts und links, zwischen wir und die. Die Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss haben im Westen die Friedensbewegung entstehen lassen und ganz nebenbei die Grünen-Partei. Klare Feindbilder allüberall. Im Osten begann die Auflehnung gegen die Diktatur. Der Eiserne Vorhang teilte Deutschland und die Welt in zwei fest gefügte Blöcke. Der Kalte Krieg, die Diktatur, die Mauer.

Doch was soll daran nostalgische Wärme verströmen? Die Antwort ist gar nicht so originell. Man muss nicht zu den letzten Hinterwäldlern gehören, die sich noch immer die Mauer zurückwünschen, um sich einzugestehen: Die Orientierung in der Welt fiel nie wieder so leicht wie damals. Für Politiker, aber auch für Journalisten. Wer einmal ein paar "Tagesschau"-Berichte von vor 30 Jahren gesehen hat, weiß, wie irritierend festgefügt mancher angeblich objektive Standpunkt doch war. Und wie klar das Feindbild.

Okay, eine Mauer hatte Deutschland geteilt, es gab Angst vor dem Krieg und vor dem Atomtod und der RAF, mittlerweile in dritter Generation. Und dennoch war da auch immer Helmut Kohl mit seiner unendlichen Selbstzufriedenheit, die bis heute ausstrahlt. Während Ost-Berlin mit wirtschaftlichen Krisen und politischem Aufbegehren kämpfte, lebten die Westdeutschen noch immer nahe der Vollbeschäftigung Peter Stuyvesant paffend in den Tag hinein.

Diskriminierung an der Tagesordnung

Aids, Klimawandel, die Vermüllung der Meere, Fleischindustrie-Skandale, Feinstaubalarm, "Islamischer Staat" – all das gab es nicht. Und wenn, hat es niemanden geschert. Auch sprachlich war die Welt einfacher. Arbeitsämter mussten noch nicht Jobcenter heißen. Und die Political Correctness – also das Vermeiden von irgendwie diskriminierenden Begriffen in der Alltagssprache – beherrschte noch nicht die Debatten.

Nicht, dass an diskriminierender Sprache grundsätzlich etwas Gutes wäre. Eine achtsame Sprache ist gerade in aufgeregten Zeiten, wie wir sie heute erleben, viel wert. Aber es macht das Leben eben auch komplizierter, wenn in jedem Small Talk ein Fettnapf lauert. Es passt, dass es bis 1991 dauerte, dass der Begriff der politischen Korrektheit von den USA nach Deutschland schwappte.

Im "Spiegel" etwa ist damals von einer "Sprach- und Denkpolizei radikaler Minderheiten" die Rede, die nun auch in Deutschland "Vorlesungsverzeichnisse oder Feuilletons kontrolliert". Dem Autor Matthias Matussek hört man die Vertreibung aus dem Paradies der Achtzigerjahre regelrecht an.

Das letzte Happy End

Heute ist das Bedürfnis nach Klarheit und Einfachheit wieder sehr stark. Die Versuchung, mit Russland den Gesprächsfaden abzubrechen, um klare Verhältnisse zu schaffen, wie einst US-Präsident Ronald Reagan, ist bei manchen wohl ebenso groß wie bei anderen die Putin-Freundschaft. Nur die Welt ist nicht mehr schwarz-weiß, sie ist bunt bis zur Unübersichtlichkeit – wie in den Achtzigern nur die Klamotten. Schon weil heute jeder mit jedem reden kann und sich nicht mehr nur zwei große Blöcke böse und starr gegenüberstehen.

Wer schon einmal versucht hat aufzumalen, welche Gruppe zurzeit in Syrien gegen wen kämpft, der ahnt, dass so ein Konflikt nicht zu beenden ist, sondern nur einzudämmen. Wie so vieles. Ein glückliches Ende ist nicht in Sicht. Es ist deshalb richtig: Die Achtzigerjahre waren für die Deutschen nicht das Ende der Geschichte, wie es einmal beschrieben wurde. Aber es war das letzte Jahrzehnt mit Happy End. Seitdem irren wir herum – frei, aber ohne die ganz große Orientierung. Und erinnern uns an bessere Zeiten.

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