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Wir Risikomanager

Die Angst vor dem Zufall Wir Risikomanager

Nichts, was vor uns liegt, soll dem Zufall überlassen bleiben: Die Polizei versucht sich an der Vorhersage von Verbrechen, und Gentests verraten, welche Krankheiten wir im Lauf eines Lebens bekommen werden. Der einst der Natur unterworfene Mensch sichert sich heutzutage rundum ab – und schafft damit neue Risiken.

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Das Troubadix-Syndrom

Menschen sind evolutionsbedingt Meister der Risikoabschätzung – und heute scheint moderne Technik beinahe jeden Kontrollwunsch erfüllen zu können.

Quelle: Montage: RND, Fotos: iStock, Fotolia

Hannover. Früher waren Prophezeiungen vor allem das Geschäft der Wahrsager auf den Jahrmärkten. Heute treffen Algorithmen die Zukunftsprognosen. Im Predictive Policing, der Big-Data-gestützten Verbrechensvorhersage, nimmt bereits Gestalt an, was der Science-Fiction-Thriller “Minority Report“ 2002 noch als unendlich ferne Zukunftsvision schildert: Polizisten, die schneller sind als das Verbrechen.

Auch in Deutschland wird Predictive Policing erprobt, vor allem zur Verhütung von Einbruchskriminalität. Denn Einbrecher sind leicht zu durchschauen: Sie sind zumeist Serientäter, haben ein Tatmuster und probieren es oft mehrfach in derselben Gegend. Der Algorithmus analysiert Zehntausende Fälle und gewinnt so Aufschlüsse über Täter und Tatmuster, über besonders gefährdete Gebiete und Faktoren, die Einbruchsdelikte begünstigen. Im besten Fall wird der Einbrecher eines Tages tatsächlich schon in jenem Moment, in dem er seinen Dietrich zückt, von herannahendem Blaulicht in die Flucht geschlagen – oder er hat angesichts der immer gewiefter werdenden Ordnungshüter ohnehin schon längst eine bürgerliche Karriere eingeschlagen.

Risiko in kalkulierbaren Bahnen

Predicitve Policing ist eine moderne Antwort auf eines der ältesten Bedürfnisse des Menschen: eine ungewisse, mit zahllosen Risiken behaftete Zukunft berechen- und planbar zu machen. Risiken auszuschalten, bevor sie uns zum Verhängnis werden können.

Auch der Sozialstaat ist ein Beispiel für dieses Bestreben: Durch ein umfassendes System der Für- und Vorsorge wie Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung werden individuelle Lebensrisiken kollektiviert und in kalkulierbare Bahnen gelenkt. Im Gegenzug passt sich das Individuum dem Halt gebenden System an – und trägt damit zu seiner Stabilisierung bei.

Auf in etwa diesem Gedanken basiert die Ende der Dreißigerjahre formulierte Zivilisationstheorie des Soziologen Norbert Elias: Der einstmals den Kräften der Natur unterworfene Mensch gewinnt durch den Prozess der Zivilisation zwar Macht über das Schicksal, gerät dafür aber in die Abhängigkeit der von ihm geschaffenen Verhältnisse, der Kultur. Ihre vielleicht folgenreichste Hervorbringung ist jene Instanz unseres Inneren, die Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, vor mehr als einem Jahrhundert als Über-Ich bezeichnete: ein kritisches Selbstbewusstsein, das alles Denken, Fühlen und Handeln im Sinne kultureller Normen prüft und filtert.

Wir Meister der Folgenabschätzung

Das Über-Ich, das unser archaisches Triebleben auf ein zivilisiertes Niveau herunterregelt, fungiert als Zensor, aber auch als Ermöglicher: Es hat uns gelehrt, Konflikte nicht mit der Keule, sondern mit Argumenten auszutragen. Und es lässt uns unser vergangenes und gegenwärtiges Handeln in Hinblick auf die Zukunft beurteilen. Es macht uns zu moralischen, zu lernfähigen und verantwortungsbewussten Wesen. Es lässt uns den übernächsten Schritt bedenken, ehe wir den nächsten machen.

Jahrtausende kultureller Evolution haben uns zu Meistern der Vorausschau, der Folgenabschätzung und Risikominimierung gemacht. Die Werkzeuge, die wir dafür entwickelt haben, gleichen den Stirnlampen der Höhlenforscher: Hell erleuchten sie das vor uns liegende Terrain – und scheinen mit fortschreitender technischer Entwicklung an Lichtstärke zu gewinnen. Predictive Policing ist erst der Anfang.

Anfang Juni gaben Forscher von der University of Adelaide in Australien bekannt, sie hätten eine künstliche Intelligenz darauf trainiert, den ungefähren Todeszeitpunkt eines Menschen anhand von Computertomografieaufnahmen vorherzusagen. Bislang kann das System nur Bilder des Brustraumes analysieren und bestimmen, ob ein Patient innerhalb der nächsten fünf Jahre sterben wird. Nach Aussagen der Wissenschaftler meistert es diese Aufgabe immerhin mit einer Trefferquote von fast 70 Prozent.

Risikoprognosen für Versicherungen und Arbeitgeber

Auch wenn der Todesalgorithmus noch recht grob arbeitet: Es ist nicht viel Fantasie erforderlich, um sich künftige Einsatzzwecke dieser Technologie auszumalen. Präzisere Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung sind ebenso denkbar wie eine Nutzbarmachung für Versicherungen und Arbeitgeber – denn wer schließt schon gern mit jemandem einen Vertrag, der absehbar das Zeitliche segnen wird?

Schon heute zeichnet sich ab, dass unser uferloses Streben nach Vorsorge, die eigentlich Sicherheit bringen soll, sich gegen uns wenden könnte. Denn indem wir immer mehr Licht in die Zukunft bringen, schaffen wir nicht nur Klarheit, sondern produzieren zugleich neue Verunsicherung. Die prädiktive Gendiagnostik etwa erlaubt nicht nur eine präzise Vorhersage erblichen Brust- und Eierstockkrebses, sondern auch von Chorea Huntington, einer degenerativen Erkrankung des Nervensystems, die oft jahrelange Qualen bringt und immer tödlich verläuft.

Im ersten Fall kann das Vorwissen immerhin dazu führen, dass die Krankheit durch Vorsorge gar nicht erst zum Ausbruch kommt – radikalstenfalls, wie bei der erblich vorbelasteten US-Schauspielerin Angelina Jolie, durch eine Entfernung von Brüsten, Gebärmutter und Eierstöcken. Im zweiten Fall hat die Prognose indes keinen Einfluss auf die Lebenserwartung des Patienten. Er wird an einer tückischen Krankheit sterben, egal, was er tut. Diese Gewissheit kann dazu anspornen, die verbleibende Zeit intensiver zu nutzen. Sie kann aber auch tiefe Verzweiflung bringen. Sie kann Menschen zerbrechen lassen.

Von der Belohnung zur Sanktion

Auch in der Kriminalitätsprävention bringen neue Methoden nicht nur Chancen, sondern ebenso Risiken. Rasante Fortschritte bei künstlicher Intelligenz und Big-Data-Analysen machen die Vorratsdatenspeicherung immer interessanter. Längst verschlucken sich die Systeme nicht mehr an den gewaltigen Datensätzen, sondern scannen sie erfolgreich nach verdächtigen Mustern – irgendwann womöglich derart präzise, dass Verbrecher nicht mehr zum Zuge kommen.

Wenn aber derartige Fahndungsmethoden – etwa mit Verweis auf akute Terrorgefahr – politisch legitimiert und in großem Stil angewandt werden, ist eine Entwicklung hin zu einem Überwachungsstaat, in dem jeder zunächst als potenzieller Staatsfeind gilt, nicht auszuschließen. Die Gefahr besteht, dass ein Mehr an Sicherheit durch ein Weniger an Freiheit und Vertrauen erkauft wird. Ein hoher Preis.

Auch jenseits derartiger Extrembeispiele hinterlässt unser Vorsorgeeifer tiefe Spuren. Wir stecken Geld in kaum durchschaubare Sparverträge, weil die jährliche Renteninformation eher alarmiert als beruhigt. Wir definieren beständig neue Bildungsstandards, damit unsere Kinder auch künftig im Wettstreit um Leistung und gute Jobs bestehen können. Krankenkassen belohnen jene, die Sport treiben und regelmäßig zum Check-up gehen. Nicht, dass derartige Anreize fragwürdig wären. Doch wo Anreize geboten werden, liegen Sanktionen nahe: etwa gegen die Dicken und die Raucher, die leichtfertig ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und der Gemeinschaft Kosten aufbürden.

Gegen den Zufall hilft keine Vorsorge

Selbst die Bevorratung mit lebensnotwendigen Gütern für den Katastrophenfall ist nicht mehr nur ein Thema für Survival-Freaks und Paranoiker. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät ausdrücklich dazu. Falls ein Cyberangriff die Infrastruktur lahmlegen sollte. Wir sind darauf geeicht, mit dem Schlimmsten zu rechnen – obwohl die meisten von uns, zumindest hierzulande, allen Horrormeldungen zum Trotz in Frieden und Sicherheit leben.

Bezeichnenderweise malen wir uns drohende Gefahren zumeist sehr dramatisch aus: ein Abstieg in die Gosse, grausame Krankheiten, Terror, nationaler Notstand – so arg muss es schon sein. Den zufällig herabstürzenden Dachziegel, gegen den wir uns ohnehin kaum wappnen können, haben wir nicht auf der Rechnung. Womöglich, weil wir einsehen müssten, dass das Leben ein Wagnis, ein einmaliges, unwiederholbares Abenteuer bleibt, das jeder von uns, früher oder später, mit dem Tod bezahlt. Egal, wie umfassend er vorsorgt.

Von Daniel Behrendt

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