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Top-Thema Wir alten Pfleger
Sonntag Top-Thema Wir alten Pfleger
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20:06 15.07.2016
Von Thorsten Fuchs
Demenz, Vergessen, Fremdwerden: Wenn ein Ehepartner oder Angehöriger zum Pflegefall wird, laufen viele Pflegenden Gefahr, sich zu überfordern – seelisch und körperlich. Eine Geschichte vom Durchhalten. Quelle: iStock
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Natürlich war es nicht richtig, Manfred Henneberger wusste das, aber er wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Einem Demenzkranken zeigen, was er alles nicht mehr kann, ihm sein Unvermögen vorführen, das ist wahrscheinlich die schlechteste aller Möglichkeiten. Eine Niederlage, die den Kranken schmerzt, ein schaler Triumph für den Gesunden. Henneberger war das klar. Aber manchmal, sagt er, braucht man Kraft, um das Richtige zu tun. Und manchmal hat man diese Kraft einfach nicht mehr.

Über Wochen hatte ihm seine Frau die immer gleichen Fragen gestellt. "Was kann ich tun?", hatte sie gesagt, oder, in drängendem Ton: "Nun lass mich doch Abendbrot machen." Die ganze Zeit hatte er sich irgendwelche Ausreden einfallen lassen. "Heute nicht", hatte er gesagt, oder er hatte ihr etwas in die Hand gedrückt, einen Teller oder einen Löffel, und dann hatte er selbst den Tisch gedeckt. An diesem Abend im Januar jedoch war sein Vorrat an Geduld aufgezehrt.

"Bitte, dann mach doch", sagte er. Und dann sah er zu, wie sie ratlos dastand. Wie sie sich umsah, wie sie zum Bad ging, weinte, ihn anschaute. Und jetzt? Es war, sagt Manfred Henneberger heute, einer dieser Momente, in denen ihm klar wurde, dass er an eine Grenze geraten war. Dass es so nicht mehr ging.

Die Gesunden sind die Patienten

Manfred Henneberger aus Meckenheim bei Bonn ist 76 Jahre alt, seine Frau Agnes ist 79. Vor sieben Jahren diagnostizierten die Ärzte bei ihr Alzheimer. Seit sieben Jahren pflegt er sie. "Sie hat immer gesagt, dass sie nie ins Heim will", erzählt Henneberger. "Das wollte ich ihr ermöglichen." Henneberger war früher Bauingenieur, mit Pflege hatte er nie etwas zu tun. Er wusste nicht, welcher Weg vor ihm lag.

Seit zwei Wochen sind Agnes und Manfred Henneberger nun in Ratzeburg, aus den großen Fenstern des Restaurants sieht er auf einen grauen Plattenbau und sanfte holsteinische Hügel. Alzheimer Therapiezentrum, das ist der Name der Klinik, in der sie insgesamt vier Wochen bleiben. Wobei der Name in die Irre führt. Zwar werden hier auch Alzheimerkranke behandelt, Pflegekräfte absolvieren ein Trainingsprogramm mit ihnen, ein sehr erfolgreiches sogar.

Aber diesmal sind die Kranken nur die Begleiter. Die vermeintlich Gesunden sind die Patienten. Das Alzheimer Therapiezentrum in Ratzeburg ist eine Klinik für pflegende Angehörige – und die einzige, die auf die Angehörigen von Demenzkranken spezialisiert ist.

Pflege kann krank machen

"Deutschlands größter Pflegedienst" – so kann man die Gruppe auch nennen, um die es hier geht. Denn trotz aller Heime, Tagespflegen, ambulanter Hilfen: Die meisten Pflegebedürftigen werden in Deutschland zu Hause versorgt von Kindern, Schwiegerkindern, Partnern. Fast fünf Millionen Menschen pflegen regelmäßig jemanden, der alt ist, krank oder beides.

Pflegen, das ist eine hoch angesehene Tätigkeit. Etwas, wofür es anerkennende Blicke gibt, lobende Worte. Nur ist Pflege etwas, das auch die Pflegenden krank macht. Jeder Dritte klagt über Rückenschmerzen, jeder Zweite über allgemeine gesundheitliche Einschränkungen, jeder Fünfte über eine starke seelische Belastung.

Macht pflegen krank? Nicht unbedingt, sagt Synan Al-Hashimy. "Aber man muss aufpassen, damit es nicht passiert." Al-Hashimy, groß gewachsen, kurzes dunkles Haar, sanfte Stimme, hat früher selbst seine Großmutter gepflegt. Heute ist er Chefarzt des Alzheimer Therapiezentrums.

"Wer sich nicht um sich selbst kümmert, kann sich nicht um andere kümmern": Synan Al-Hashimy ist Chefarzt des Alzheimer Therapiezentrums. Quelle: Kutter

Die Vorträge, die er nebenbei hält, beginnt er immer mit einer Frage über die Sicherheitshinweise kurz vor dem Start eines Flugzeugs: Wenn die Sauerstoffmasken von der Decke fallen, wem soll man sie dann zuerst aufsetzen, sich selbst oder seinen Kindern? Die meisten, sagt Al-Hashimy, sagen intuitiv: den Kindern – doch das ist genau die falsche Antwort. Was Al-Hashimy mit seinem Beispiel sagen will: "Wer sich nicht um sich selbst kümmert, der kann sich auch nicht um andere kümmern."

Al-Hashimy, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, hat das Zentrum vor vier Jahren mitbegründet, seit einem Jahr existiert es in der jetzigen Form. Platz für 30 Pflegende und ihre Angehörigen hat die Klinik. Aus ganz Deutschland kommen sie nach Ratzeburg, und die Diagnosen klingen alle etwas unterschiedlich: Burn-out, psychosomatische Beschwerden, auch Depression.

Der Weg dahin ist jedoch bei den meisten gleich. "Sie sind in die Falle getappt", sagt Al-Hashimy. "Die Falle", das ist die Missachtung der eigenen Bedürfnisse. Zuerst dem anderen die Sauerstoffmaske aufzusetzen und dann erst sich selbst.

Diagnose Alzheimer

Es begann damit, erinnert sich Manfred Henneberger, dass seine Frau die Sätze nicht mehr zu Ende sprach. Jedenfalls war es eines der ersten Zeichen. Sie brach ab, wartete, "ach, ich komme nicht mehr drauf", sagte sie dann. Sie vergaß, wo ihre Schlüssel waren, ihr Portemonnaie, und irgendwann vergaß sie auch, wo sie eigentlich gerade hinwollte, wenn sie aus dem Haus ging. Früher war ihr so etwas nie passiert, sie war Buchhalterin, sie war in allem sehr genau.

Es dauerte einige Wochen, bis die Ärzte alle Tests ausgewertet hatten. Es war, als wollten sie jeden Zweifel ausschließen, bevor sie sich meldeten. Aber dann, es war das Jahr 2009, riefen sie an. Agnes Henneberger ging selbst ran, das Telefon stand auf laut. "Als sie 'Alzheimer' hörte, hörte sie überhaupt nicht mehr auf zu weinen", sagt ihr Mann. Sie wusste ja, was kommen würde.

Manfred Henneberger hatte nie viel im Haushalt gemacht, sie hatten ihre Rollen sehr klassisch aufgeteilt. Er hatte das  Haus gebaut, "ich hatte da jeden Stein in der Hand". Nur die Arbeit in dem Haus war nie seine Sache. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mehr als Wasser kochen müsste", sagt er heute. Als er früher mal die Windel seines Sohnes wechseln wollte, hat er sich übergeben. Henneberger musste sich sehr überwinden, als er beschloss, seine Frau zu pflegen.

Lernen, Dinge zu akzeptieren

Manche Dinge sind einfach. Die Dinge, die man lernen kann. Kochen zum Beispiel. Er zog ein altes Kochbuch voller Klassiker aus dem Regal, seitdem kocht er zum Beispiel Bohnensuppe. "Immer gleich zehn Portionen auf einmal, auf Vorrat." Die Reste friert er ein.

Aber es gibt auch die schwierigen Dinge. Das, was man einfach hinnehmen muss. Dass sie beim Essen das Fleisch auskaut und dann ausspuckt, zum Beispiel. Oder dass sie, wenn sie auf der Toilette war, einfach stocksteif dasteht, als wolle sie es ihm möglichst schwer machen, sie zu waschen. Es sind Dinge, die ihn nerven und die er doch nicht ändern kann, weil Appelle nicht helfen. Wie kann man lernen, diese Dinge zu akzeptieren?

Manchmal, wenn sie neben ihm sitzt, schaut Manfred Henneberger seine Frau versonnen lächelnd an. Sein Blick wirkt, immer noch, verliebt. Im vergangenen Jahr waren sie 50 Jahre verheiratet. Da bat er seine Frau in seinen 36 Jahre alten Mercedes SLC, gemeinsam machten sie eine Spritztour, und als sie an der Meckenheimer Kirche vorbeikamen, sagte er: "Ach, lass uns da doch mal wieder reinschauen." Als sie die Tür öffneten, war die Kirche voller Menschen, Freunde und Bekannte, die Manfred Henneberger eingeladen hatte. Eine Überraschungsparty zur goldenen Hochzeit.

"Meine schöne Frau": Seit sieben Jahren pflegt Manfred Henneberger seine demente Frau Agnes. Quelle: Kutter

"Meine schöne Frau", so spricht Manfred Henneberger über sie. Verleiht Liebe unbegrenzte Kräfte? Einmal in der Woche, Montagabend, geht er zum Chor. Zwei Stunden ist er weg. "Das muss sie aushalten", sagt er, robuster, als er es meint. Einen Tag bringt Henneberger seine Frau zur Tagespflege. Da erledigt er alle nötigen Dinge, Putzen, Behördengänge, solche Sachen.

Ansonsten ist er Tag und Nacht mit ihr zusammen. Beim Einkaufen, wenn sie sich mal in die andere Regalreihe verirrt, pfeift Henneberger einen kurzen Dreiklang, ihr Erkennungszeichen, dann ist sie wieder bei ihm. Permanente Zweisamkeit, Tag und Nacht, über Jahre, das ist schon mit einem Gesunden nicht immer leicht. Wie geht das mit einem Kranken?

Es gibt Sätze, die hört Synan Al-Hashimy von seinen Patienten immer wieder. Einer lautet: "Das ist der erste Tag seit fünf Jahren ohne meinen Mann." Die Patienten in der Ratzeburger Klinik, also die Angehörigen, absolvieren Einzeltherapie, Gruppentherapie, Ergotherapie. Aber wenn Chefarzt Al-Hashimy wissen will, wie weit sie schon sind, dann schaut er, wie lange sie durchhalten, ohne ihren Partner zu sehen. Ob sie es schaffen, ihn oder sie bis zum Abend den Pflegern und Therapeuten anzuvertrauen, die sich hier um sie kümmern.

Moralischer Druck als mächtiger Gegner

"Nach einer Woche reden sie dann schon nicht mehr nur über ihren Partner, sondern auch darüber, welchen Volkshochschulkurs sie als nächstes belegen wollen", sagt Al-Hashimy. Sie denken dann auch wieder an sich. Das ist ein gutes Zeichen.

Der Arzt hat mächtige Gegner. Einer ist die Angst des Kranken vor allem Fremden, der Wille, nur seinen Partner um sich zu haben. "Hertha, mir kommt niemand anderes ins Haus", das sind Sätze, die pflegende Angehörige oft gut kennen. Der zweite Gegner sitzt in den Köpfen der Pflegenden. Es ist der Glaube, niemand anders könne sich so gut um ihre kranken Liebsten kümmern wie sie selbst. Und es ist das Bedürfnis, gebraucht zu werden.

Geht es auch um Geld? Darum, die Ausgaben für Tagespflegeeinrichtungen zu sparen? Nein, sagt Chefarzt Al-Hashimy. Tatsächlich übernimmt die Pflegekasse einen Großteil der Kosten für tageweise Hilfe. Die meisten setzen sich offenbar schlicht vor allem unter moralischen Druck, wenn sie die Unterstützung ablehnen.

Die meisten Pflegenden sind Frauen

Als der Mann von Brunhild Schewe vor drei Jahren sein eigenes Haus nicht mehr erkannte, da dachte sie zunächst: Ach, wird halt am Alkohol liegen. Sie kamen vom Dorffest und, ja, er hatte etwas getrunken. Aber als er zwei Tage später noch immer verwirrt wirkt, gehen sie zum Arzt. Schlaganfall, so lautet die Diagnose. Seitdem ist ihr Mann dement. "Es kam von einem Tag auf den anderen", sagt sie. Auf einmal war er ein anderer.

Die meisten pflegenden Angehörigen sind Frauen. Nur etwa ein Drittel sind Männer. Es gibt dafür zwei Erklärungen. Die eine lautet, dass Frauen eben länger leben als Männer. Die andere ist, dass es die Gesellschaft Männern eher verzeiht, wenn sie sich nicht kümmern.

Brunhild Schewe wäre nach der Schule gerne Krankenschwester geworden. Aber damals, Ende der Fünfzigerjahre, musste sie ihre Mutter pflegen. Also verzichtete sie auf die Ausbildung und verdiente von zuhause mit Zigarettendrehen etwas Geld dazu. Jetzt, mit 77 und den Folgen eines Bandscheibenvorfalls im Rücken, pflegt sie wieder, nun ihren Mann. Wobei es nicht schlimm sei, sagt sie, dass er ihr im Haushalt nicht helfen kann.

Kümmert sich im Alltag allein um ihren Mann Heinz: Hannelore Sprünken nutzt die Kur im Therapiezentrum, um Hilfe und Erholung zu finden. Quelle: Kutter

Das Schlimmste ist, dass sie nicht zur Ruhe kommt. Dass sie ihn jede Nacht zur Toilette begleitet und dann bis zum Morgen wachliegt, weil sie spätestens nach dem zweiten Mal nicht mehr einschlafen kann. Oder dass sie die Sorge nie ganz abstreifen kann, dass er wieder das Haus verlässt und einfach davonläuft, wie einmal während einer Reha, als sie ihn erst nach Stunden wiederfand. "Das", sagt sie, "steckt mir total in den Knochen." Ruhe? Kaum dran zu denken.

Was sie vermisst? Einfach mal mit Freundinnen durch die Innenstadt bummeln, einen Kaffee trinken, sagt sie. Das wäre schon alles. Ein paar ziellose Stunden für sich selbst. Wann sie das das letzte Mal gemacht hat? "Ich weiß es nicht mehr."

Längst schon, sagt Chefarzt Al-Hashimy, bekommt er für die Klinik Anfragen aus ganz Deutschland. Für das nächste Jahr ist eine Erweiterung geplant. Der Bedarf ist groß, und in den meisten Fällen, bei entsprechender Diagnose, übernimmt die Kasse die Kosten. Wenn Interessenten dann doch nicht kommen, erklärt Al-Hashimy, dann liegt es daran, dass sie sich nicht vorstellen können, ihre Angehörigen jeden Tag anderen Menschen anzuvertrauen. "Das ist das größte Hindernis."

Anfragen aus ganz Deutschland

Dabei, so wirkt es hier, scheint den Kranken ein Tag ohne ihre pflegenden Partner gar nicht schwer zu fallen. Für die Dementen gibt es ein eigenes Programm. An diesem Tag sitzen fünf von ihnen an einem großen Tisch und schlagen, gemeinsam mit Betreuern, mit Fliegenklatschen Bälle über die Tischplatte.

Jeden Tag spielen sie Geschicklichkeitsspiele, Denkspiele, trainieren ihr Gedächtnis. Maks-Therapie, so heißt das Programm – eine Behandlungsmethode für Demente, die ohne Medikamente auskommt. "Am Anfang konnte mein Mann bis 20 zählen", sagt Hannelore Sprünken. "Jetzt geht es bis 40." Sie klingt, als sei sie selbst noch erstaunt darüber.

Hannelore Sprünken ist 65, und mit ihrem rheinischen Tonfall klingt sie selbst dann noch unbeschwert, wenn sie von sehr beschwerlichen Zeiten erzählt. Sie sei mit Bauchschmerzen nach Ratzeburg gekommen, sagt sie, mit Angst. Sie waren sich immer nah, sogar früher bei der Arbeit.

Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen: Das Teilen der eigenen Geschichte fällt im Therapiezentrum leichter als im Alltag. Quelle: Kutter

Hannelore Sprünken stand hinten in der Küche und ihr Mann Heinz, zwölf Jahre älter, vorne am Tresen. So war das in der "Klosterpforte" und später im "Bienenhaus". Gemeinsam haben sie die beiden Gasthäuser in Kamp-Lintfort geführt. Das wurde schwieriger, als ihr Mann 1998 an Morbus Gaucher erkrankte, einer seltenen Stoffwechselkrankheit. Es wurde noch schwieriger, als sie 2003 an Darmkrebs erkrankte. Als sie nach zwei Jahren genesen war, wurde ihr Mann zum Pflegefall.

Es ist ihr letzter Tag in der Ratzeburger Klinik, vier Wochen waren sie hier. Gleich fahren sie zurück, noch einmal sitzen sie nun im Restaurant und essen mit denen, die sie hier kennengelernt haben. Frau Schewe ist dabei, Herr Henneberger sitzt einen Tisch weiter. Es sind herzliche Szenen dabei, sie alle lachen viel, zum Abschied umarmen sie einander.

Sie habe feste Pläne, sagt Hannelore Sprünken am Ende. Zum Beispiel den, sich mehr Hilfe zu holen, ihren Mann häufiger der Tagespflege anzuvertrauen. Und, sagt sie, sie nimmt noch etwas mit. Das Gefühl, nicht allein zu sein. Sie hat hier die Geschichten der anderen gehört – und ihre eigene erzählt. "Es war", sagt sie, "das erste Mal."

 

Interview mit Sebastian Fischer vom Verein "wir pflegen"

Sebastian Fischer vom Verein "wir pflegen", Interessenvertretung pflegender Angehöriger in Deutschland. Quelle: privat

Herr Fischer, macht Pflege tatsächlich arm?
Leider ja, rund 75 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause von Angehörigen gepflegt, und viele Menschen verarmen – finanziell und durch Verlust sozialer Kontakte. Immer mehr geraten sogar in Hartz IV. Die wenigsten können sich Pflege wirklich leisten.

Wie kommt es dazu?
Zwei Drittel aller Pflegekosten werden von Familien getragen, denn die Pflegeversicherung übernimmt nur einen Teil. Die tatsächlichen Aufwendungen für Medizin, Hilfsmittel, Transporte oder auch Heizkosten sind weit höher. Viele pflegende Angehörige sehen sich zudem gezwungen, ihre Stelle zu reduzieren oder ihre Arbeit ganz aufzugeben, um mehr Zeit für die Pflege zu haben. Dies verringert sofort die eigene soziale Absicherung. Die durchschnittliche Pflegedauer ist 9,3 Jahre, doch bereits wenn man drei oder vier Jahre gepflegt hat, merkt man das für den Rest seines Lebens.

Die Pflegestärkungsgesetze haben die Situation der pflegenden Angehörigen doch durchaus verbessert.
Es gab einige deutliche Verbesserungen, doch die meisten Neuerungen haben minimale Wirkung und ändern nichts am Grundproblem. Wer zum Beispiel ein Jahr lang einen Angehörigen in Pflegestufe II pflegt, und zwar mindestens 21 Stunden in der Woche, erhält dafür im Alter monatlich 11,23 Euro an Rente angerechnet. Und die erhalten pflegende Angehörige nur, wenn sie keine Fachkräfte zur Erleichterung der Pflege hinzuziehen. Für alle, die so wichtige gesellschaftliche Leistungen erbringen, ist dies eine Ohrfeige.

Auch die Bundesfamilienministerin wollte Ihnen mit einer Pflegezeit und dem Pflegedarlehen Gutes tun.
Diese Regelung wurde gewiss nicht von Betroffenen mitgeplant. Dass beides kaum in Anspruch genommen wird, zeigt doch, dass dies nur für wenige eine Lösung sein kann. Sich zur Pflege hinzu noch langfristig zu verschulden verschlechtert die Situation eher noch.

Wie soll die Vollfinanzierung der Pflege finanziert werden?
Als die Pflegeversicherung eingeführt wurde, hat man zur Finanzierung einen Feiertag in einen Arbeitstag umgewandelt. Warum sollte eine verbesserte und gerechtere Finanzierung nicht wieder möglich sein? Wo ein politischer Wille ist, gibt es auch einen Weg.

Ein höheres Pflegegeld könnte dazu führen, dass sich Menschen vor allem des Geldes wegen fürs Pflegen entscheiden, ohne dazu wirklich in der Lage zu sein – oder?
Anders als die Betreiber von Pflegeheimen können pflegende Angehörige an der Pflege nichts verdienen. Pflegegeld geht immer an die Pflegebedürftigen. Die meisten Angehörigen entscheiden sich aus menschlichen Gründen und Nächstenliebe für die Pflege. Eine gerechtere Finanzierung würde nur die wirklichen Kosten decken und die Spirale in die Altersarmut verhindern.  

Hat Sie die Pflege auch arm gemacht?
Glücklicherweise nicht. Mein pflegebedürftiger Vater hat als Arzt gut verdient, aber auch seine Pflege kann nun von der Rente nicht mehr abgedeckt werden, und wir müssen seine Ersparnisse hinzuziehen.

Haben es Pflegende in anderen Ländern besser?
Sie erfahren oft mehr Anerkennung und Unterstützung. Ich leite einen Stützpunkt für pflegende Angehörige in Edinburgh. Dort bieten 35 Mitarbeiter Kurse, Selbsthilfegruppen, praktische Hilfe, Rechtsberatung und Therapien an  und unterstützen über 7000 pflegende Familien in der Region. Ähnliche Zentren gibt es überall in Großbritannien und auch in Finnland und anderen Ländern. Trotz der Pflegestärkungsgesetze hinkt Deutschland da leider weit hinterher.

Interview von Thorsten Fuchs

Generation Helfer: Unternehmen denken um

Der Vater: allmählich dement. Die Mutter: kann nach zwei Knieoperationen nur noch schlecht laufen. Sie wohnen drei Autostunden entfernt – und brauchen dringend regelmäßig Hilfe beim Einkaufen, beim Putzen und bei vielen anderen Dingen. Einmal in der Woche müsste man eigentlich hinfahren – aber da sind ja auch noch die eigenen kleinen Kinder. Und, nicht zu vergessen, die Arbeit.

Solche Konstellationen werden häufiger – und Unternehmen versuchen zunehmend, durch besondere Modelle die Belastung ihrer Mitarbeiter in der Generation Helfer zu verringern. Beim Reifenhersteller und Automobilzulieferer Continental etwa gibt es "mehrfach verlängerbare Teilzeitmodelle", wie eine Sprecherin erklärt, damit Angestellte sich auf solche Situationen einstellen können.

Bei Volkswagen in Wolfsburg haben Unternehmen und Betriebsrat gerade eine Betriebsvereinbarung besiegelt, die es Mitarbeitern möglich macht, häufiger auch von daheim zu arbeiten. "Wenn betrieblich nichts dagegen spricht, können sie ihre Arbeit künftig so organisieren, dass dies zu ihrer Lebensphase passt", sagt Personalvorstand Karlheinz Blessing. "Die einen, weil sie junge Eltern sind, die anderen, weil sie Angehörige pflegen müssen."

Flexibler arbeiten – aber nicht für alle

Die Telekom, die als Vorreiter bereits 2012 Pflegezeiten für ihre Mitarbeiter einführte, will demnächst ein Rückkehrrecht für Teilzeitmodelle verankern: Wer seine Arbeitszeit, etwa für die Pflege von Angehörigen, reduziert, soll danach in jedem Fall wieder auf die volle Arbeitszeit aufstocken können – unabhängig davon, ob dies dem Arbeitgeber betrieblich gerade passt. "Damit wollen wir die Mitarbeiter zu solchen Modellen ermutigen und ihnen die Angst vor der sogenannten Teilzeitfalle nehmen", erklärt Malgorzata Anna Hibben, Senior Expertin bei der Telekom.

Doch ganz uneingeschränkt gelten all diese Angebote nicht. Continental prüft nach Angaben einer Sprecherin derzeit erst, wie die Modelle "künftig für alle Mitarbeiter in Deutschland" angeboten werden können. Bei Volkswagen bleibt das "mobile Arbeiten" jenen Berufsgruppen vorbehalten, die ihre Aufgaben mit nach Hause nehmen können – für den Arbeiter am Band gilt dies naturgemäß nicht. Und Telekom-Managerin Hibben räumt ein, dass die Angebote zur Pflegezeit bislang wenig genutzt werden. "Viele Mitarbeiter kennen diese Möglichkeiten bislang gar nicht", erklärt sie – und kündigt an, intern stärker dafür zu werben.

Pflege und Beruf besser vereinbar zu machen, das war auch das Ziel von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), als sie im vergangenen Jahr ein neues Gesetz zur Pflegezeit auf den Weg brachte. Wer Pflege und Beruf vereinbaren muss, kann seitdem in akuten Fällen eine zehntägige Auszeit vom Job nehmen und dafür Pflegeunterstützungsgeld erhalten. Außerdem kann man seit 2015 seine Arbeit für sechs Monate ganz ruhen lassen oder für bis zu zwei Jahre reduzieren  – und dafür beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ein zinsloses Darlehen beantragen.

Finanzielle Einbußen tragen die Pflegenden

Aber ist den Pflegenden damit entscheidend geholfen? Das ist zumindest umstritten. Nach Angaben des Ministeriums haben bislang mindestens 39 000 Frauen und Männer eine mehrmonatige Auszeit vom Job genommen. 13 600 Angehörige von Pflegebedürftigen haben im vergangenen Jahr zudem das Pflegeunterstützungsgeld in Anspruch genommen – sie haben sich also in einem akuten Pflegefall für einige Tage freistellen lassen.

Ministerin Schwesig wertet die Zahlen als Erfolg. "Die Neuregelungen zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf greifen", erklärt sie. "Die Auszeiten werden erfreulicherweise mehr und mehr in Anspruch genommen." Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sieht dagegen "keinen Grund für Jubelmeldungen". Das neue Pflegezeitmodell "geht an den Bedürfnissen der berufstätigen Pflegenden vorbei", kritisiert deren Vorstand Eugen Brysch.

Diese müssen die finanziellen Einbußen während der Pflegezeit selbst tragen – ein für viele offenbar unattraktives Modell. Das zinslose Darlehen ist da für die meisten anscheinend auch kein Ausweg: Bislang wurde es gerade mal 320 Mal in Anspruch genommen.

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