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Top-Thema Müssen wir jetzt alle Vegetarier werden?
Sonntag Top-Thema Müssen wir jetzt alle Vegetarier werden?
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14:06 20.11.2015
Von Thorsten Fuchs
Weckt Kindheitserinnerungen bei den einen und Ekelgefühle bei anderen: Die Bratwurst hat es zur Zeit nicht leicht. Quelle: flickr / Tim Lucas / CC BY 2.0

Das erste Mal, dass ich ernsthaft erwog, Vegetarier zu werden, war mit 18, und es ging mir nicht um Tierwohl, es ging um eine Frau. Meine Freundin war in eine Veganer-WG gezogen, und die große Prüfung für mich bestand darin, nur ja nicht mit der Wimper zu zucken, wenn mir am Abendbrottisch jemand irgendeine bröselige Paste rüberschob, die ich auf mein Dinkelbrot schmieren sollte.

Das mit der Wurst fiel mir nicht schwer, aber dass es auch kein Nutella gab, nahm ich ihnen dann doch übel. Zu viel Zucker, und vor allem: Milchpulver. Stattdessen gab es Carob-Creme, einen schmalbrüstigen Ersatz, von dem ich bis heute nicht genau weiß, woraus er besteht. Zu Hause gönnte ich mir dann erst mal ein paar Löffel vom Original. Esslöffel. Nicht aus Entzug, sondern aus Trotz.

Trotz großer Auswahl: Die beliebteste Wurst ist in Deutschland noch immer die Salami. 2,5 Kilogramm davon verzehrt ein Durchschnittshaushalt pro Jahr. Fleischwurst liegt mit 2 Kilogramm auf Platz 3 hinter dem Kochschinken. Quelle: flickr / Erich Ferdinand / CC BY 2.0

Ich war nicht sehr fleischlastig erzogen worden. Kotelett war das, was auf dem Teller auch mal fehlen durfte. Wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern im Ruhrgebiet war, spielte ich dort bei einer Fußballmannschaft, zu deren Ritualen es gehörte, auf dem Weg zu fremden Sportplätzen beim Schlachter anzuhalten, wo jeder ein faustgroßes Stück Fleischwurst in die Hand bekam. Das war das, was sie in Bochum in den Achtzigerjahren unter Wettkampfkost verstanden.

Mein Stück landete regelmäßig im Grünstreifen. Ich fühlte mich dort fremd. Genauso wenig jedoch wurde ich ein Teil dieser Veganer-WG. Irgendwas in mir dachte an Bratwurst, das mussten sie gespürt haben. Mir fehlte die letzte Entschlossenheit. So groß konnte die Liebe gar nicht sein.

Fleischgenuss als Grundrecht?

Als die Weltgesundheitsorganisation jetzt Wurst und rotes Fleisch auf eine Stufe mit Nikotin und Asbest stellte und als krebserregend einstufte, da konnten einem die Reaktionen bekannt vorkommen. Es ist, als sei Deutschland gespalten. Der eine Teil, der weit größere, setzt in der Kantine kompromisslos auf Currywurst, befeuert nach Feierabend seinen Spießbratenbrenner und hält Fleischgenuss für ein Grundrecht ungefähr auf einer Stufe mit Meinungsfreiheit und Menschenwürde.

Die anderen schüttelt es schon beim Gedanken an die Schweinegelatine in den Gummibärchen. So absehbar waren dann auch die Kommentare zu der Studie. "Jetzt wollen sie uns das auch vermiesen", stöhnen die einen. "Haben wir ja schon immer gewusst", triumphieren die anderen. Dazwischen ist nicht viel. Was schade ist.

Es gibt ja keinen wirklich vernünftigen Grund, Fleisch zu essen. Zur Ernährung brauchen wir es nicht, es muss uns auch ohne Schnitzel und Steak an nichts mangeln. Ökologisch steht Fleisch ungefähr auf einer Stufe mit Flugzeugen und Autoverkehr: Gut die Hälfte aller klimaschädlichen Gase entstammt der Viehzucht. Und wer einmal in jenen Ställen stand, aus denen unsere Discounter-Koteletts stammen, der wird auch nicht sagen: Sehr schön, lecker, da nehme ich noch ein Scheibchen. Es soll Landwirte geben, die das Fleisch ihrer eigenen Tiere schon lange nicht mehr essen.

Wenig verlockende Massenware: 1950 lag laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft der pro-Kopf-Konsum von Fleisch in Deutschland noch bei 26,2 Kilogramm. 2013 waren es schon 60,3 Kilogramm. Quelle: flickr / Robert Couse-Baker / CC BY 2.0

Das alles ist nicht neu. Wir kennen die Bilder der Puten, die mit überzüchteter Brust vornüberkippen, wir kennen den Anblick überzüchteter Schweine, die in ihren Ställen verenden. Wir wissen um die Regenwälder, die für den Sojaanbau abgeholzt werden, und wir ahnen, dass wir auch ohne Bratwurst ganz gut durch den Tag kommen, oder vielleicht sogar besser.

Fleisch tut uns und der Welt nur in Maßen gut. Und dennoch essen wir davon fast so viel wie eh und je. Der Fleischkonsum jedenfalls ist in Deutschland so gut wie nicht gesunken. Männer, in dieser Hinsicht deutlich das schlimmere Geschlecht, verputzen jede Woche mehr als ein Kilogramm. Trotz allem. Woran das liegt? Daran, dass Fleisch schmeckt, oder: schmecken kann, ja, sicher. Aber es liegt auch daran, dass wir mühelos in der Lage sind, selbst die größten Widersprüche in uns zu vereinen.

Wir legen uns an einem Tag diese neuen vegetarischen Schinkenspicker in den Einkaufswagen und greifen im nächsten Geschäft dann doch zum Rinderhack im Vorteilspack. Wir schimpfen auf die Käfighaltung, sind entsetzt über den Anblick übervoller Geflügelstätte, aber wundern uns dann nicht im Geringsten, dass der Hähnchen-Döner für gerade mal 3 Euro zu haben ist.

Geschmack der Kindheit

Und wo sonst wären wir so empfänglich für Unvernunft wie beim Essen? Essen ist ja zum Beispiel immer auch Erinnerung, ist immer die Suche nach dem Geschmack der Kindheit. Wahrscheinlich werde ich für den Rest meines Lebens immer vor dem Bremer Bahnhof eine Bratwurst essen, wenn ich mal dort bin. Einfach, weil wir dort früher immer eine Bratwurst aßen, wenn wir dort umstiegen. Bratwurst am Bremer Bahnhof, das war immer wie nach Hause kommen. Oder wie wegfahren. Beides gut.

Vielleicht wäre ja schon viel gewonnen, wenn wir aufhören würden, Essen zu einer Identitätsfrage zu machen. Nein, man ist nicht gleich "Beef"-Abonnent, nur weil mal ganz gern ein Dry-Aged-Hüftsteak auf den Grill legt. Und nein, man ist auch nicht gleich Vegetarier, nur weil man in der Kantine lieber Gemüsepfanne statt Schweineschnitzel nimmt. Essen ist kein Bekenntnis, auch wenn Ernährung anscheinend immer stärker zur Glaubensfrage wird. Allein das Wort Vegetarier klingt nach so viel Konsequenz, wie die meisten von uns sie kaum aufbringen und die sie auch nicht wollen.

Weniger ist besser

Aber vielleicht geht es auch eine Nummer kleiner. Vielleicht kann man Essen auch als eine tägliche Entscheidung sehen, und wenn es am Ende ein paarmal weniger Fleisch wird oder wenn man sich schließlich doch zum Kauf beim Fleischer im Stadtteil durchringt, statt das Sechs-Schnitzel-Pack bei Aldi abzugreifen, ist es schon ein Fortschritt. Man kann ja Wurst lieben und muss sie dennoch nicht dauernd essen. Es gibt einen Internethandel, "Meine kleine Farm", der das Fleisch einiger Brandenburger Bauern verkauft und auf jedes Glas Wurst ein Foto von dem Tier klebt, von dem sie stammt. Wahrscheinlich regelt sich manches dadurch von ganz allein.

Die Gastzeit in der Veganer-WG habe ich, trotz allem, in ganz guter Erinnerung. Ich aß Tofu im Sesammantel, Sellerieschnitzel und käselose Vollkornpizza, aber ich spürte, dass ich niemals wirklich dazugehören würde. Die Carob-Creme und ich, wir wurden bis heute keine Freunde. Meine Freundin von damals hat, soweit ich weiß, bis heute nie mehr ein Stück Fleisch angerührt. Aus mir wurde ein Vegetarier mit einer ausgeprägten Schwäche für Lammfilet.

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