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Hörmann: "Russland ist nur die Spitze des Eisberges"

Sportpolitik Hörmann: "Russland ist nur die Spitze des Eisberges"

Mit etwas Abstand urteilt DOSB-Präsident Alfons Hörmann etwas anders über die Rio-Spiele und den Doping-Skandal um Russland. Eine Lehre für ihn: Die Nationale Anti-Doping-Agentur soll unabhängiger werden. Und die Leistungssportreform? Hörmann antwortet im dpa-Interview.

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DOSB-Präsident Alfons Hörmann hält Doping in Russland nur die Spitze eines Eisbergs.

Quelle: Felix Kästle

Düsseldorf. DOSB-Präsident Alfons Hörmann blickt kritisch auf die Olympischen Spiele in Rio zurück. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur stellt der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes unter anderem zum Umgang mit den Doping-Skandal um Russland fest: "Absolut unbefriedigend."

Die Paralympics in Rio starten ohne russische Sportler. Bei den Olympischen Spielen durften sie nach Prüfung durch die Weltverbände antreten, was Sie im Prinzip befürwortet haben. Rund 280 Russen waren am Start. Hat das IOC im Nachhinein betrachtet falsch entschieden, Russland wegen Staatsdopings nicht komplett auszuschließen.

Alfons Hörmann: Gerade mit zeitlichem Abstand fällt es leichter, die Dinge sachlich zu bewerten. Die IOC-Entscheidung war und ist, was die Sport-Architektur und die Zuständigkeiten betrifft, nach wie vor klar nachvollziehbar und vertretbar. Der entscheidende Punkt jedoch ist: Wie wurde der IOC-Beschluss von den Fachverbänden umgesetzt? Und dieses Fazit fällt sehr bedenklich aus! Auch deshalb ist es sachlich nachvollziehbar und wertvoll, dass bei den Paralympics der gesamte Behindertensportverband Russlands ausgeschlossen wird.

Bei den Sommerspielen waren nicht ein paar einzelne, sondern 280 russische Athleten dabei!

Hörmann: So, wie die Fachverbände den Beschluss des IOC umgesetzt haben, habe ich es mir anfangs nicht vorstellen können. Damit war es nicht das richtige Signal gegenüber der Weltöffentlichkeit und dem internationalen Sport. Die Fachverbände haben ihre Verantwortung schlichtweg in weiten Teilen nicht so wahrgenommen, wie sie es hätten tun müssen. Schwer zu akzeptieren ist auch, dass es über die zweite Prüfung durch die CAS-Experten bis heute keine Dokumentation gibt, wie viele Athleten dabei noch gestrichen wurden oder nicht. Und dann gab es die Dreier-Kommission des IOC, unter anderem mit Claudia Bokel als Athletenvertreterin. Auch da gab es offensichtlich keinerlei Widerspruch oder Veto. Das alles hat zu der inakzeptablen russischen Mannschaftsgröße geführt und eine öffentliche psychologische Wirkung erzeugt, die ich nur als absolut unbefriedigend bezeichnen kann.

Also doch: Die Kritik am IOC war berechtigt?

Hörmann: Gut gemeint ist nicht zugleich gut gemacht. Ich bin überzeugt, dass aufgrund der zuvor beschriebenen unprofessionellen Umsetzung in den verschiedenen Institutionen des Sports und bei der WADA nun allein das IOC am Pranger steht, obwohl es wahrlich nicht alleine die Verantwortung dafür trägt.

Was ist mit der Welt-Anti-Doping-Agentur? Sie haben die WADA mit Bezug auf das Russland-Problem scharf kritisiert.

Hörmann: Es ist unumstrittener Fakt, dass über Jahre hinweg aus Russland zahlreiche Hinweise auf systematische Doping-Aktivitäten und Staatsdoping vorlagen und die WADA überhaupt nicht oder nur oberflächlich gehandelt hat. Sie hat es sogar fertig gebracht, die Russen vor den entscheidenden Kontrollen zu warnen, womit dort Spuren vertuscht werden konnten. So ist die völlig unbefriedigende Situation entstanden, dass innerhalb weniger Monate und unter großem Zeitdruck komplizierte und wichtige Sachverhalte zu klären waren. Diese für das IOC sehr schwierige Gemengelage zu schaffen, die man über Jahre hinweg viel besser und früher hätte lösen können, war der große Fehler und das große Versagen der WADA. Und ich vermute nach zahlreichen Gesprächen mit Insidern: Russland ist nur die Spitze des Eisberges, weil in zahlreichen Ländern ähnliche Konstellationen von eindeutigen Abweichungen zum aktuellen WADA-Code zu befürchten sind.

Was läuft in der WADA falsch?

Hörmann: So wie die WADA derzeit organisiert ist, ist es offenkundig schwer für sie, die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Politik und Sport schieben sich die Schuld gegenseitig zu. Craig Reedie war lange IOC-Vizepräsident und sitzt an der Spitze der WADA. Warum wurde die Verantwortung von ihm nicht im Sinne von weltweitem Fair Play wahrgenommen? Und die Politik, die sich auch international nun wieder überschlägt bei der Forderung nach drakonischen Maßnahmen kommt ihrer eigenen Verantwortung in den Gremien der WADA selbst bestenfalls mit der dritten oder vierten Ebene nach. Der politische Einfluss entspricht damit nicht ansatzweise dem, was sinnvoll und erkennbar dringend notwendig wäre. So wird die weltweit dringend notwendige Chancengleichheit nicht zu gewährleisten sein.

17 Nationale Anti-Doping-Agenturen haben mehr Unabhängigkeit der WADA gefordert. Schließen Sie sich der Forderung an?

Hörmann: Ja, denn die entscheidende Frage muss nun beantwortet werden: Wie muss der weltweite Anti-Doping-Kampf in Zukunft aufgestellt werden, damit das Vertrauen innerhalb des Sports und der Fans sowie aller Bürger wieder hergestellt werden kann? Die bisherige Form der Vermischung der verschiedenen Rollen und Positionen ist ein Problem - auch unter den heutigen Vorstellungen zu Good Governance und Compliance scheint eine Zäsur notwendig. Je neutraler die Personen an der Spitze sind, umso freier können sie agieren und handeln. Dadurch wird bei konsequenter Arbeit wieder ein Maß an Vertrauen geschaffen, das nach all den Vorkommnissen nur noch sehr bedingt oder nicht mehr gegeben ist. Und wenn sich in Zukunft nichts ändert und die Weltverbände ihrer Verantwortung weiterhin nicht nachkommen, muss man wohl auch darüber nachdenken, die endgültigen Entscheidungen über Sperren vom Sport weg in die Hände Dritter, also beispielsweise in die einer neu und neutral aufgestellten WADA zu legen. Der Sport scheint derzeit an vielen Stellen damit überfordert.

Sollte auch die deutsche NADA neu aufgestellt werden?

Hörmann: Auch und gerade weil wir der festen Überzeugung sind, in Deutschland weltweit eines der Vorbilder zu sein, müssen wir uns immer wieder fragen, was gibt es weiter zu verbessern. Und da scheint es mir auch sinnvoll, bei der NADA diese Grundsatzfrage der Neutralität neu zu diskutieren. Macht es denn weiterhin Sinn, dass der Sport im Aufsichtsrat vertreten ist? Ist es sinnvoll, dass nennenswerte Teile des Geldes für die NADA vom DOSB oder den Fachverbänden kommen und wir sozusagen unsere Kontrolleure selbst finanzieren? Vielleicht sollte gerade jetzt die Politik mehr Verantwortung übernehmen und den Anti-Doping-Kampf noch mehr beeinflussen? Damit hätten wir künftig eine klare Gewaltenteilung. Mir wäre auch die Schaffung einer noch unabhängigeren NADA sehr sympathisch, und damit könnte die NADA auch weltweit glaubwürdig die neutrale Neuaufstellung einfordern und vorantreiben.

Das Anti-Doping-Gesetz ist seit einem Jahr in Kraft. Der DOSB war kein Fan des Gesetzes. Wie lautet die erste Zwischenbilanz?

Hörmann: Es liegen uns noch keine Auswertungen vor, welche Vorteile das Gesetz für den Spitzensport gebracht hat. Ich kann aber bislang auch nirgends die vom Sport ehemals befürchteten Nachteile erkennen. Die damals unterstellte Beeinträchtigung der Sportgerichtsbarkeit durch das Gesetz hat bisher noch zu keinem praktischen Problem geführt. Das ist erst einmal absolut erfreulich.

Der DOSB akzeptiert das Gesetz nun also?

Hörmann: Obwohl wir aus Sicht des Sports das Gesetz in einem Teilbereich als kritisch angesehen und es aus unserem Verständnis in der praktischen Arbeit nicht unbedingt benötigt haben, würde ich heute die Frage weit positiver und offensiver bewerten. Nach all dem, was wir um das Russland-Thema erlebt haben, ist es psychologisch und im Sinne einer klaren Dokumentation unserer Nulltoleranz-Politik enorm wertvoll, dass wir ein solches Gesetz in Deutschland haben.

Der Endspurt der geplanten Leistungssportreform hat begonnen. Vor Rio wurde viel spekuliert, nach Rio soll nun mit den Verbänden und den politischen Gremien darüber diskutiert werden. Es gibt aber Sorgen in den Verbänden, Opfer der Reform zu werden. Zu Recht?

Hörmann: Dass diskutiert wurde, war nicht zu vermeiden. Ebenso war unvermeidbar, dass es durch Einzelinformationen, die aus den Gremien durchgedrungen sind, zu Unsicherheiten kam. Doch am Ende wollen wir doch genau das Gegenteil erreichen: Ein starkes und breit aufgestelltes Sportdeutschland mit guten Perspektiven gerade auch für die nächste Generation der Hochleistungssportler.

Konkret: Werden die in Rio medaillenlos gebliebenen Schwimmer und Fechter abgestraft oder aufgepäppelt?

Hörmann: Das erste und klare Ziel muss immer sein, Verbänden, die Probleme haben zu helfen, damit sie wieder auf einen erfolgreichen Weg kommen. Zu sagen, der Verband, der keine Medaillen bringt, bekommt automatisch kein Geld mehr, wäre keine verantwortungsvolle Sportpolitik. Ein positives Beispiel von Rio sind die Schützen: Nach den medaillenlosen Spielen von London hätte man ihnen empfehlen können, mit ihrem Spitzensport aufzuhören. Doch nach fünf Jahren harter und konsequenter Arbeit - die Schützen hatten bereits vor London einen radikalen Umbruch in Angriff genommen - haben sie in Rio nun eindrucksvoll gezeigt, wie innerhalb weniger Jahre ein Verband wie Phönix aus der Asche zu neuen Erfolgen auferstehen kann. In Zukunft zählt also noch weniger was war und wo Jemand her kommt, sondern vorrangig welches Potenzial der jeweilige Verband in jeder einzelnen Disziplin hat. Da kommt es also weniger darauf an, wie viele Medaillen man in der Vergangenheit holte, sondern welche nachweisbaren Chancen man in der Zukunft aufzeigen kann.

42 Medaillen gab es für Deutschland in Rio, 44 waren es in London. Mit Abstand bewertet: Erfolg, Stagnation oder Rückschritt?

Hörmann: Für mich ist das Ergebnis von Rio, unter anderem wegen des nochmals schärferen Wettbewerbs, die eindeutig bessere Bilanz im Vergleich zu der von London - auch weil wir 17 statt 11 Goldmedaillen gewonnen haben. Doch nicht nur die hocherfreuliche Goldquote, sondern auch die zahlreichen Teamerfolge machen die Bilanz von Rio zu einer sehr erfreulichen. Mehr als jeder dritte Athlet der Olympiamannschaft ist damit als Medaillengewinner zurückgekehrt. Nicht nur dadurch hat unsere Mannschaft die wichtige Rolle des Botschafters für unser Land mustergültig wahrgenommen. Damit dürfte der Nachweis der sinnvollen Mittelverwendung im Sinne der öffentlichen Förderung durch die Politik eindrucksvoll und nachhaltig gelungen sein. Das wird in der nächsten Olympiade hoffentlich auch diesbezüglich zu einer weiteren Verbesserung der Voraussetzungen für den Leistungssport führen.

ZUR PERSON: Alfons Hörmann (55) ist seit Dezember 2013 DOSB-Präsident und war davor unter anderen Präsident des Deutschen Skiverbandes (2005-2013).

dpa

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