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Warum wir nicht Europameister werden

Löws Lehren für die Politik Warum wir nicht Europameister werden

Wenn Fußball ein Spiegelbild der Politik ist, stehen der deutschen Mannschaft bei der EM schwere Zeiten bevor. Merkels Regierungsstil schreit nicht nach Titeln. Eine Rückbesinnung auf Schröders Sprunghaftigkeit und Kohlsches „Aussitzen“ kommt auch nicht infrage. Bleibt die Hoffnung auf einen Bundestrainer, der einen Plan hat. Ein etwas anderer Blick auf die EM von unserem Redakteur Patrick Tiede

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Bundestrainer Löw will den EM-Titel.

Quelle: dpa

Noch vor ein paar Jahren glaubte man, die Kanzlerin denke die Dinge vom Ende her. So wie sich das eben gehört für eine promovierte Physikerin. Dann kamen die Energie- und noch ein paar andere Wenden. Seither weiß man: Angela Merkel fährt tatsächlich auf Sicht. Wie ein Mittelklasse-Boxer schlägt sie sich ohne echte Idee Runde für Runde einfach durch – in der Hoffnung, dass am Ende etwas Vernünftiges dabei herauskommt und andere im Staub liegen.

 Fußballphilosophisch ist Merkel damit in den Achtzigern steckengeblieben. Auch Rummenigge, Hrubesch & Co. quälten sich damals bei großen Turnieren ohne großen Plan von Spiel zu Spiel. Andere ließen die Kugel besser laufen (Brasilien), waren taktisch geschulter (Italien) oder hatten göttlichen Beistand (Argentinien). Am Ende aber standen meist die Deutschen im Finale, und manchmal gewannen sie es auch. Es war ein großes teutonisches Durchwurschteln, ein nationales „Mir san mir“, und weil die Bezüge zur bleiernen Kohl-Kanzlerschaft auf der Hand lagen, begannen eifrige Soziologen, Psychologen und Tresenphilosophen, die Analogien zwischen Fußball, Politik und Gesellschaft zu beleuchten.

 Und siehe da: Mit ein bisschen Geschichtsklitterung passt im Rückblick so einiges. Das „Wunder von Bern“ 1954 zum Beispiel, das so schön mit dem Wirtschaftswunder korrespondierte und heute gerne zum Gründungsmythos der Republik verklärt wird. Auch der WM-Titel 1974 mit einer Egomanen-Startruppe, die in ihrem Nonkonformismus bis hin zum Trainer Helmut Schön bestens zum amtierenden Kanzler Willy Brandt passte. Und 1990 natürlich, der Titel im Überschwang der Wiedervereinigung. Dass der „Kaiser“ Großmachtphantasien streute („Werden auf Jahre unschlagbar sein“), war historisch anmaßend, aber strukturell interessant: Beckenbauer dachte die Dinge vom Ende her, allerdings ohne dabei nachzudenken. Worin er sich bis heute treu geblieben ist.

 Doch, man kann das schon ein bisschen so sehen: So wie Deutschland tickt, so wie es regiert wird, so spielt es auch. Da ist der „Aussitzer“ Berti Vogts als Kohl-Pendant – beide irgendwie gescheitert, trotz Titelgewinn und Wiedervereinigung. Da ist das Stürmer-Duo Schröder/Völler. Groß im Ton, frisch in der Spielweise und doch völlig abgeschrieben im Jahr 2002. Am Ende aber holte Rudi fast den WM-Titel und Gerhard seine zweite Amtszeit.

 Und nun also Merkel. Kann man mit „Mutti“ als Blaupause den Titel holen? Merkel ist die mächtigste Frau Europas. Sie steuert Deutschland mehr recht als schlecht durch die Krise. Und doch scheint der Titel ausgeschlossen. Ihre Mannschaft ist heillos zerstritten, jeder zweite Minister ausgewechselt, man spielt mehr gegen- als miteinander. Eisern gibt die Kanzlerin an der Seitenlinie die Richtung vor und scheut nicht die spontane Blutgrätsche, falls einer wie Röttgen den Robben macht. Beim Public-Viewing kommt das nicht gut an, das Land ist von der Sommermärchen-Neuauflage so weit entfernt wie Griechenland vom zweiten EM-Titel.

 Doch es besteht Hoffnung – und die heißt Jogi Löw. Der Bundestrainer ist der Winfried Kretschmann des Fußballs. Grün in der Wolle, rot in der Denke, schwarz im Herzen. Ein konservativer Modernisierer, ein gründlicher Badener mit „högschter Konzentration“, ein kühler Analytiker mit flammender Ansprache, der dabei auch noch Mensch ist. Nicht auszuhalten vor Sympathie, dieser Bundestrainer!

 Nüchtern betrachtet: Löw ist ein Fachmann vor dem Herrn. Er hat den deutschen Fußball in sechs Jahren Amtszeit systematisch an die Weltspitze geführt. Man spielt jetzt wie Spanien, taktiert wie Italien, und päpstlichen Beistand hat man auch noch. Sicher: Auch dieser Bundestrainer hat Ballack und Frings über die Klinge springen lassen. Auch dieser Bundestrainer tritt auf die Reformbremse, wenn er Dortmunds Meister-Jungspunden auf der Bank Abkühlung verschafft. Auch der Avantgarde-Löw hält stur am 4-5-1-System fest, das er über Jahre hat trainieren lassen.

 Doch höre, deutscher Fußballfan! Der Mann tut dies alles, weil es Teil seines Plans ist. Er will den Titel und er glaubt, ihn genau so holen zu können. Und das ist das, was ihn von der Bundeskanzlerin unterscheidet. Sollte sie jemals bestanden haben, die Analogie zwischen Regierungshandeln und deutschem Fußball – hier endet sie. Jogi ist die „Anti-Mutti“: Wenn er den Titel holt, dann tut er es nicht wegen, sondern trotz Angela Merkel. Was auch heißt: Dann wird es wohl tatsächlich Zeit für einen neuen Kanzler. So einen wie Jogi Löw.

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Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

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