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Dagur Sigurdsson: 14 Handballer für Rio

Olympische Spiele Dagur Sigurdsson: 14 Handballer für Rio

Herzlichen Glückwunsch, Dagur Sigurdsson! Zum 43. Geburtstag (am Sonntag), zu den Testspielen gegen Dänemark (33:26) und Österreich (26:20), zur schwierigsten Aufgabe, die der Handball in den kommenden Monaten zu bieten hat. Der Isländer will davon (noch) nichts hören, aber er wird Herzen brechen müssen.

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Bundestrainer Dagur Sigurdsson macht seinen Spielern Dampf. In den kommenden Wochen muss er entscheiden, wen er mit nach Rio nimmt.

Quelle: Sascha Klahn

Köln. „Ich denke noch nicht an Rio“, lautet die Standardantwort der deutschen Nationalspieler. Verdrängungsmechanismen im Verdrängungswettbewerb? Der Bundestrainer darf aus dem Kreis von geschätzt 35 starken Akteuren nur 14 mit zu den Olympischen Spielen an die Copacabana nehmen und weiß: „Das wird sehr schwer, denn auf jeder Position habe ich drei bis vier Leute, die Anspruch auf ein Ticket erheben.“ Im Juni wird Sigurdsson zunächst einen Trainingskader nominieren. „Dann sehen wir weiter.“ Dänemark, Österreich, zwei starke Auftritte – die Gewinner und Verlierer.

 Prunkstück des deutschen Teams ist die Abwehr. Unangefochtener Chef im Mittelblock ist Finn Lemke. Vergessen der Hörsturz des Magdeburgers vor zwei Wochen. Was Lemke sagt? „Ich mache mir keine Gedanken.“ Ob der 23-jährige Abwehrriese (2,10 Meter) und seine Kollegen gebrieft seien, diese sich immer gleichende Antwort zu geben? „Nein“, sagt Lemke und lacht. Was passiert eigentlich, wenn sich der Kieler Patrick Wiencek (Kreuzbandriss) doch noch zurückkämpft? In der 5:1-Deckung spielt Rhein-Neckar Löwe Hendrik Pekeler an der Spitze einen super Part, Mittelblock kann er auch.

 Und hinter der Abwehr? Im Tor stehen mit Andreas Wolff und Carsten Lichtlein zwei EM-Helden. Für den „ewigen Dritten“ Lichtlein (35) wäre Olympia die Krönung seiner Karriere. Aber der Berliner Silvio Heinevetter drängt zurück in den Kader, hinterließ am Sonnabend und Sonntag einen starken Eindruck. Guckt am Ende doch der „Bart der Nation“ Wolff in die Röhre? „Ich denke noch nicht über Rio nach“, sagt der künftige Kieler übrigens – und wirkte am Sonntag als Tribünengast irgendwie geknickt.

 Am Kreis ist das Gedränge auf dem Casting-Laufsteg am größten: Pekeler, Jannik Kohlbacher, Evgeni Pevnov, Erik Schmidt (verletzt), Wiencek (verletzt). Nur zwei können mit nach Rio de Janeiro. „Konkurrenz belebt das Geschäft. Jeder hat jetzt noch acht bis zehn Spiele in der Bundesliga, einige dazu in der Champions League und im Pokal. Mir ist klar: Dagur kann aus dem Vollen schöpfen“, sagt Kraftmaschine Kohlbacher von der HSG Wetzlar. Diplomatie allenthalben. Für THW-Kreisläufer Wiencek hat Kohlbacher nur lobende Worte übrig: „Patrick Wiencek ist ein hervorragender Kreisläufer. Er braucht Spiele, um wieder zurückzukommen. Wenn er die bekommt, ist er ein hundertprozentiger Kandidat für den Kreis. Das muss man dann einfach so hinnehmen.“

 In Köln sangen als Entschädigung für den Ärger um die peinliche Hallen-Posse die Höhner ihren ewig durchgenudelten WM-2007-Hit „Wenn nicht jetzt, wann dann“. Passt irgendwie. Wenn nicht jetzt, dann klappt es für Carsten Lichtlein oder Martin Strobel mit Olympia wohl nie mehr.

 Strobel, der stille Strippenzieher in der Rückraummitte mit dem unaufgeregten (aber effektiven) Spiel, gehört ins Boot, das hat er schon bei der EM bewiesen. Neu-Fuchs Steffen Fäth ebenso.

 Auf Halblinks war der Kieler Christian Dissinger bis zu seiner Verletzung heißester Ticket-Anwärter. In Köln und Gummersbach spielte sich Julius Kühn eindrucksvoll in Erinnerung – und der Berliner Paul Drux, meilenweit von seiner Form entfernt, fast schon aus dem Geschäft. Auf Halbrechts hat Rekonvaleszent und EM-Captain Steffen Weinhold ebenso wie Fabian Wiede Riesenchancen auf Olympia. Oder doch Michael Müller (stark) und Kai Häfner (verletzt)?

 Bleiben die Außen. „Der Druck wächst natürlich. Aber viele Gedanken habe ich mir noch nicht gemacht. Die Außenpositionen sind vielleicht die ersten, wo Abstriche gemacht werden und vielleicht nur je ein Spieler mitkommt nach Rio. Und Patrick Groetzki ist ebenso ein starker Rechtsaußen“, sagt Tobias Reichmann, der sich als bester EM-Schütze und Siebenmeter-Spezialist in die Herzen der Fans spielte, während Groetzki mit einem Wadenbeinbruch fehlte. Einer der beiden könnte nun zum Härtefall werden. Der Kieler Linksaußen Rune Dahmke äußerte sich bereits ähnlich. Er wisse nicht, ob er und Uwe Gensheimer gesetzt seien. Vielleicht komme auch nur ein Linksaußen mit zum wichtigsten Turnier des Jahres.

 Das Casting läuft, nur der Bundestrainer will von einem Casting nichts wissen. Entscheidend, betont Sigurdsson immer wieder, sei jetzt die Leistung in den Vereinen. Um die Teilnehmerzahl nicht ins Unermessliche wachsen zu lassen und das Olympische Dorf halbwegs überschaubar zu halten, hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Zahl der Aktiven in allen Mannschaftssportarten verringert. 18 Profis wurden in Polen Handball-Europameister. Nur 14 darf der Bundestrainer nach Brasilien mitnehmen, dazu einen Ersatzmann nominieren. 14 für Rio: Es wird lange Gesichter geben – und gebrochene Handballer-Herzen.

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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