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Was hat der Sport davon?

Handball-EM und Kerber Was hat der Sport davon?

Mit den sportlichen Erfolgen der Handball-Nationalmannschaft und Angelique Kerbers verdienen Fernsehsender und Sportler Millionen. Doch kommt auch Geld bei den Sportvereinen an? Dort, wo der Erfolg begann?

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Ihr Erfolg ist die Grundlage des Erfolgs der Nationalmannschaft: Die A-Jugend des THW Kiel feiert.

Quelle: Uwe Paesler (Archivbild)

Kiel. Kurz vor dem abschließenden Hauptrundenspiel der deutschen Handballer sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass die Prämien für ein erfolgreiches EM-Abschneiden erst im Nachhinein ausgehandelt werden sollen. Die Aussagen dazu klangen überwiegend entspannt: „Ich bin nicht aus finanziellen Gründen hier, und bin sicher, dass es eine faire Regelung geben wird“, sagte Kapitän und THW-Akteur Steffen Weinhold. Noch bis heute gibt es keine offizielle Zahl zu den ausgehandelten Prämien. Lediglich Spekulationen, dass insgesamt rund 250 000 Euro für die Mannschaft und Trainer ausgeschüttet werden sollen, hat es Ende Januar gegeben. Das wären um die 12-15.000 Euro pro Spieler.

Nur einen Tag vor dem Erfolg im EM-Finale feierte die in Kiel aufgewachsene Tennisspielerin Angelique Kerber bei den Australian Open den bisher größten Triumph ihrer Karriere – und heimste ebenfalls satte 2,2 Millionen Euro Preisgeld ein. Nach solchen Erfolgen sprechen Funktionäre häufig von einem Ansturm auf ihre Sportart, den sie sich jetzt erhoffen, einem Wachsen der Vereine vor Ort. Doch gilt das auch für deren Finanzen? Können sich die Klubs überhaupt vorbereiten? Was sind direkte wirtschaftlichen Folgen eines Großerfolgs in den Vereinen?

Die direkte Antwort ist: Es gibt keine. Profis gewinnen erstmal nur für sich. „Tennis wird beispielsweise nur im Nachwuchs öffentlich gefördert, da hat Angelique Kerbers Erfolg gar keine unmittelbaren Folgen in der Förderung“, sagt Ulrike Spitz, Sprecherin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Die Dachorganisation des deutschen Sports ist für die Verteilung von Fördergeldern an Spitzen-und Breitensportler verantwortlich. Gelder für den Profisport kommen zumeist aus dem Bundesinnenministerium und werden an eine vierjährige Zielvereinbarung gekoppelt. Wichtigste und umstrittenste Maßgabe dabei: Das Abschneiden bei Olympia.

Lokale Aufmerksamkeit häufig nur im Leistungsbereich

„Durch den Erfolg und die damit verbundene Olympia-Qualifikation bleibt der Handball in der kommenden Olympiade bis 2020 in der höchsten Förderstufe des DOSB. Dadurch sind auch die öffentlichen Mittel höher“, erklärt Klaus-Dieter Petersen, Nachwuchs-Koordinator des THW Kiel. Nicht konkret in Zahlen, aber langfristig wirtschaftlich zu bemessen, sei für die Vereine die lokale Aufmerksamkeit: Besonders der Anteil des Mönkebergers Rune Dahmke spiele dabei eine Rolle. "In den Schulen wird Handball jetzt wieder mehr nachgefragt“, begrüßt Petersen. Er stellt klar: „Es wird leichter, mittelständische Unternehmen als Partner des Nachwuchs-Leistungshandballs zu finden.“

Doch das gilt wohl ausschließlich im Leistungsbereich. Hella Rathje von der Tennisgesellschaft Düsternbrook (TDG) plant ohne Obolus: „Der Verein arbeitet nicht Gewinn orientiert, sondern ist allein den sportlichen Zielen verpflichtet, wobei hier die Ausbildung der Tennisspieler und -spielerinnen im Vordergrund steht“, so die Vorsitzende des Heimatvereins von Angelique Kerber. Rathje hofft vor allem auf mehr Aufmerksamkeit, beispielsweise durch das zehnte bundesweite Aktionswochenende „Deutschland spielt Tennis“ am 23. und 24. April.

Dieses Wochenende wird zwar unterstützt vom Deutschen Tennisbund, doch auch der kann Finanzspritzen dringend gebrauchen. Denn wie fast jeder olympischen Sportverband beklagt er seit Jahren einen Mitgliederschwund (Rückgang 2015 um 2,15 Prozent, im Handball beträgt das Minus 2,47 Prozent). In Schleswig-Holstein sind im Jahr 2015 insgesamt 738 411 Sportler in 2591 Vereinen aktiv gewesen. 2002 waren es noch 885 256 Schleswig-Holsteiner in 100 Vereinen mehr (siehe Grafik unten).

In den Breitensportvereinen kommt lediglich die Förderung an, die beim DOSB im Segment Sportentwicklung läuft. Hier werden Gelder aus unterschiedlichen Ministerien für Aktionen und Projekte an die Klubs vor Ort ausgeschüttet – im Positiven wie im Negativen unabhängig von aktuellen sportlichen Erfolgen der Spitzensportler.

Verbände hofieren Profis

So hofieren die Verbände auch vor allem die professionell aufgestellten Vereine wie in der Flensburg-Akademie, Schleswig-Holsteins größtem Jugendzentrum im Handball: Seit acht Jahren erhält die SG Flensburg-Handewitt durchgängig das HBL-Zertifikat für ausgezeichnete Jugendarbeit und seit zwei Jahren sogar das neu eingeführte HBL-Zertifikat mit Stern. Dies ist in Norddeutschland ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Sport-Direktor Sascha Zollinger. Das Jugendinternat ist eigens als GmbH gegründet worden. „Im SG Flensburg-Handewitt-Nachwuchs wird seit geraumer Zeit der Beitrag für eine erfolgreiche Entwicklung von Nachwuchsleistungshandballern geleistet“, schreibt sich Zollinger einen eigenen Anteil am EM-Erfolg zu.

Foto: Die Flensburg-Akademie ist ein professionelles Handball-Internat für die Jugend der SG Flensburg-Handewitt.

Die Flensburg-Akademie ist ein professionelles Handball-Internat für die Jugend der SG Flensburg-Handewitt.

Quelle: Frank Molter

Der Handballverband Schleswig-Holstein wünscht sich auch ein solches Leistungszentrum, sagt Verbandstrainer Thomas Engler. „Das wäre jetzt sicherlich ein Thema. Natürlich muss das der Spitzensportverband mit den Landesverbänden gemeinsam mit der Politik angehen.“ Zunächst sollte aber auf der niedrigsten Ebene der Schwung der EM-Aufmerksamkeit genutzt werden: „Die Aufgabe liegt jetzt eher bei den Vereinen“, so Engler, die seien aber noch sehr mit der Verminderung des Mitgliederrückgangs beschäftigt.

Unmittelbare Zahlungen resultierten aus so einem Erfolg eben nicht, sagt Engler. Und die großen Probleme der Vereine seien neben sinkenden Mitgliederzahlen immer weniger engagierte Ehrenamtliche. Durch eine erfolgreiche EM wandele sich das nicht plötzlich.

Profis hoffen auf Breitensportler, die auf lokale Wirtschaft

Gerade die kleinen Vereine brauchen daher immer mehr Unterstützung von oben und aus der lokalen Wirtschaft – sonst wird die Quote an Spitzensportlern aus dem Nachwuchs sich nicht aufrechterhalten lassen. Denn bei aller Euphorie und Freude über rasant steigende Zuschauerquoten zur Handball-EM und die enorme Aufmerksamkeit für Angelique Kerber bauen auch die professionellen Vereine ihre Zukunft auf die Arbeit der Breitensportklubs vor Ort – wie die der TG Düsternbrook für Angelique Kerber oder des SV Mönkeberg für Rune Dahmke.

Nicht umsonst sagt Klaus-Dieter Petersen, immerhin als neunmaliger Deutscher Meister mit dem THW Kiel und Europameister 2004 seit Jahren auf höchster professioneller Ebene im Handball aktiv: „Die Vereine sind das Fundament der Erfolge der Nationalmannschaft“, so Petersen, „also sind Erfolge bei der EM, der WM und Olympia nur durch gute Nachwuchsarbeit zu erzielen. Wichtig hierfür ist die Trainerausbildung: Die besten und erfahrensten Trainer gehören in die Nachwuchsarbeit“, fasst er zusammen.

Handball in Schleswig-Holstein
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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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