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Happy End mit Haken

Schwimmtrainer aus Syrien Happy End mit Haken

Nizar Al-Makkawi zeigt auf sein Herz. In dieses Herz hat er Neumünster geschlossen. Die schleswig-holsteinische Stadt ist die neue Heimat des inzwischen 40-Jährigen. Bis 2019 ist ihm Asyl gewährt.

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Nizar Al-Makkawi (re.) beim Coaching von Linus Weder in der Traglufthalle des Bads am Stadtwald in Neumünster. Im Hintergrund PSV-Abteilungsleiter Manfred Bruhn, der sich über die Unterstützung freut.

Quelle: Jörg Lühn

Neumünster. Zuvor war er im Zweitjob Nationaltrainer der Schwimmer Syriens und arbeitet hauptsächlich im Parlament seiner Geburtsstadt Damaskus. Der kriegerische Konflikt im Nahen Osten zwingt Al-Makkawi im August 2015, sein Land zu verlassen. Die bewaffneten Auseinandersetzungen dauern schon vier Jahre an. Plötzlich zischt eine Rakete in sein Haus im Süden von Damaskus, wo sich die Anhänger der Terrormiliz IS niedergelassen haben. „Wir hatten Glück, dass wir nicht zu Hause waren“, sagte Al-Makkawi. Sie leben im Anschluss bei seinen und ihren Eltern. Außerdem soll der Reservist zur Armee eingezogen werden. „Das will ich nicht, dann sieht mich meine Familie nie wieder.“

 Er reist an die Grenze nach Libanon und gebraucht eine Notlüge: „Meine Schwester will heiraten, in 24 Stunden bin ich zurück.“ Dank des Parlaments-Ausweises kann er das Land verlassen. Später geht es im Flugzeug in die Türkei weiter. Weitere Stationen sind Istanbul, Izmir und die türkische Küste. „Ich kaufte für 1000 Dollar einen Platz in einem Boot.“

Schlauchboot geht kaputt auf der Flucht

 Das Gummiboot ist für 20 Menschen geeignet, 50 kommen hinein. „Keine Angst, Leute, ich bin Schwimmertrainer“, ruft Al-Makkawi den anderen zu. Fünf Kinder im Alter zwischen zehn Monaten und fünf Jahren nimmt er auf Bitte der Eltern in seine Obhut. Auf der Überfahrt geht das Schlauchboot kaputt. Al-Makkawi, selbst bis zum Alter von 30 Jahren Mitglied der Nationalmannschaft, springt ins Wasser, schwimmt und zieht das Boot. In Syrien heißt es: Entweder du läufst oder du schwimmst. Bei ruhiger See geht es sechs Kilometer durchs Mittelmeer, dann nimmt sie die Küstenwache auf und bringt alle an Land der griechischen Insel Lesbos.

 Von Griechenland aus schlägt er sich nach Deutschland durch. Vier Tage nach seinem 39. Geburtstag landet er in Hamburg. „Das Ticket war sehr teuer, ich sage nicht, wie viel ich dafür bezahlt habe.“ Mit dem Zug kommt er nach Neumünster in die Erstaufnahme. Al-Makkawi muss drei Tage auf dem Fußboden schlafen, so überfüllt ist die Einrichtung. Sofort bietet der Syrer sich als ehrenamtlicher Helfer an. Nach dem Medizin-Check werden die sprachlichen Fähigkeiten und die beruflichen Kompetenzen ausgelotet.

 Al-Makkawi kann helfen, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Landesamt für Ausländerangelegenheiten und nicht zuletzt der Polizei. Ein Islamist, der sich mit einem dieser abscheulichen Kriegsfotos brüstet, wird nach Hinweis Al-Makkawis festgenommen. „Wegen solcher Leute müssen wir flüchten, was will er hier?“, fragt Al-Makkawi voller Entsetzen. Er ist fast jeden Tag zwölf Stunden im Einsatz, wird als Dolmetscher benötigt und lernt selbst immer besser die deutsche Sprache. Schnell hat er das Niveau der Fortgeschrittenen (98 Prozent) erreicht. Im Orientierungskurs Leben schafft er 27 von 33 Punkten. „Jetzt will ich B2 machen.“

Schwimmertrainer beim PSV Neumünster

 Dank der Sprache und der Trainer-Ausbildung ist der PSV Neumünster aufmerksam geworden und bietet einen Nebenjob als Schwimmertrainer an. Er arbeitet mit Kindern von acht bis 16 Jahren und einer Erwachsenengruppe, die in der Mehrzahl aus Migranten besteht. „Es ist unglaublich, aber Nizar kommt mit allen zurecht“, sagte PSV-Abteilungsleiter Manfred Bruhn. Obwohl Al-Makkawi über die höchste Lizenz des Schwimm-Weltverbandes verfügt, muss er zurzeit bei einem Trainerlehrgang in Bad Malente die Qualifikation des Landesschwimmverbandes erwerben. Wer ihn beim Training erlebt, weiß, das ist die kleinste Hürde auf dem Weg in ein ruhigeres Leben.

 Vor rund 14 Tagen kann er erstmals nach fast 20 Monaten seine Frau Rawaa, Sohn Ghassan (5 Jahre) und sogar den einjährigen Ryan in Hamburg in die Arme schließen. Tränen der Freude laufen allen übers Gesicht. Jetzt wohnt das Quartett vereint in Neumünster; auf 20 Quadratmetern. „Es ist klein, aber ich will nicht klagen“, sagt Al-Makkawi, dessen Geschichte keinem Hollywood-Film entstammt. Es ist die Wirklichkeit für Familie Al-Makkawi und hat trotzdem ein Happy End.

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Kommentar

Es klingt so unglaublich wie die Fluchtgeschichte selbst. Der Schleswig-Holsteinische Schwimmverband spricht dem Schwimmtrainer Nizar Al-Makkawi Wissen und Können ab.

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