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Gewalt im kleinen Fußball

Kreisklasse Kiel Gewalt im kleinen Fußball

Beleidigungen, Drohungen, Schläge, Polizeieinsätze, Spielabbrüche – das Kopfschütteln über Ausschreitungen im Amateur- und Jugendfußball auch in Schleswig-Holstein hält an. Die gefühlte Wahrnehmung zeugt sogar von einer Anhäufung der Gewalt.

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Der Schiedsrichter hantiert, der Spieler reklamiert – und die Lage eskaliert mitunter.

Quelle: Fotolia

Kiel. „Das kann ich nicht bestätigen“, sagt Tim Cassel, stellvertretender Geschäftsführer des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes (SHFV) und in dieser Funktion verantwortlich für die Kampagne „Schleswig-Holstein kickt fair“, die 2011 als bestes Breitensportprojekt Europas ausgezeichnet wurde. Eine Aussage des ehemaligen Torwarts, die sich indes nur auf die Quantität der Vergehen („die liegen bei 2500 Spielen pro Wochenende konstant im Promillebereich“) bezieht. Auf der anderen Seite sei „die Qualität einzelner Fälle Besorgnis erregend“, ergänzt Cassel mit Blick auf Auswüchse an Brutalität.

 Cassel meint damit ausdrücklich (noch) nicht die jüngsten Ausschreitungen beim Kreisklasse-A-Spiel zwischen dem FC Süd Kiel und Med SV am vergangenen Sonntag (wir berichteten). Eine Vorverurteilung einzelner Spieler oder Trainer sei vor der Auswertung sämtlicher Zeugenaussagen mindestens kontraproduktiv, sagt er. Seit einem Jahr, so der SHFV-Funktionär weiter, biete ein Online-Tool des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bundesweit einen genauen Überblick über die von den Schiedsrichtern per Spielbericht gemeldeten Zwischenfälle. Auf Landesebene sei dazu ein zusätzliches Meldesystem installiert. Auch anhand dieser Datenbanken „ist statistisch zumindest in Schleswig-Holstein keine signifikante Häufung der Ausschreitungen von Mannschaften mit großem Migrationshintergrund zu erkennen“, tritt Cassel zudem einem Vorurteil entgegen. Das Gefahrenpotenzial interkultureller Konflikte auf dem Fußballplatz mag der 43-Jährige allerdings nicht leugnen. „Häufig kommt Provokation vor Aggression“, so Cassel, der sich mit dieser Meinung auf einer Linie mit Professor Manfred Wegner (59) befindet.

 Der Sportpsychologe der Christian-Albrechts-Universität Kiel glaubt grundsätzlich nicht an eine latente Verrohung der Gesellschaft, spricht aber von einer verschobenen Grenze im menschlichen Miteinander, von fehlenden guten Sitten. Der passionierte Handballer empfiehlt folgenden Leitsatz als mentales Ventil für aufgestauten Frust: „Ich bin nicht Deutscher oder Ausländer, ich bei ein guter oder mittelguter Fußballer.“

 Fußball als Medium für den Abbau von Aggressionen? Die Kieler Kreisliga-Begegnung zwischen SV Elmschenhagen und Fortuna Wellsee musste im März abgebrochen werden, als nach einem nicht gegebenen Elfmeter und der folgenden Roten Karte in der Nachspielzeit bei SWE-Akteur Ken P. die Nerven durchbrannten, er den Unparteiischen mit Hieben gegen die Brust traktiert haben soll. Im Mai vergangenen Jahres musste nach dem Abbruch eines A-Jugend-Matches zwischen der SG Schwansen und dem Med SV ein SG-Spieler nach Schlägen und Tritten des Gegners mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht werden. In Hamburg mussten im Januar sechs Streifenwagen anrücken – wegen handfester Auseinandersetzungen bei einem E-Jugend-Turnier.

 Drei zufällig ausgewählte Negativbeispiele, die ans Licht der Öffentlichkeit gerieten. Die Dunkelziffer an nicht offiziell vermerkten Verbal-Attacken dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

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Ein Artikel von
Andreas Geidel
Sportredaktion

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