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Mit Beinprothese erfolgreich im Extremsport

Stephan Büchler Mit Beinprothese erfolgreich im Extremsport

Um zu erkennen, wie Stephan Büchler tickt, genügt eine Frage: „Wie groß sind Sie?“ Antwort: „Links 1,94 Meter, rechts 1,43 Meter.“ Um das zu verstehen, muss man wissen, dass dem Wahl-Kieler vor 19 Jahren der rechte Unterschenkel amputiert wurde, genau 51 Zentimeter. Trotzdem fährt er Mountainbike.

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Beherrscht sein Mountainbike: Stephan Büchler.

Quelle: Jenny Ahr

Kiel. Kein Grund für anhaltende Trübsal, ganz im Gegenteil, findet der 36-Jährige, dem der massive Eingriff in die Unversehrtheit eines Teenagers damals das Leben rettete. Heute ist sein Handicap die Basis von Beruf und Hobby gleichermaßen. Der Orthopädie-Techniker startet an diesem Wochenende zum zweiten Mal nach 2013 beim Megavalange, einem waghalsigen Downhill-Race für Mountainbiker vom höchsten Punkt in Alpe d’Huez, dem weltbekannten Etappenziel der Tour de France.

 Büchlers heitere Gelassenheit, gepaart mit der Lust auf extreme Herausforderungen, hat seinen Anfang in einer fatalen Fehldiagnose – nur scheinbar ein Widerspruch. Nachdem bei dem 15-Jährigen eine Knochenhautentzündung im rechten Bein festgestellt worden war, vergehen anderthalb Jahre, bis die Ärzte die wahre Ursache der chronischen Schmerzen entdecken: Ewing-Sarkom, Knochenkrebs, mittlerweile in fortgeschrittenem Stadium. „Man sagte mir, dass ich mein 17. Jahr vielleicht nicht erleben werde“ erzählt Büchler, vor der Erkrankung ein begeisterter Basketballer und Leichtathlet. Vor und nach der unumgänglichen Amputation muss er sich einer intensiven, nebenwirkungsreichen Chemotherapie unterziehen. „Am 7. Februar 1997 um 7.38 Uhr wurde ich in Rostock in den OP geschoben.“ Den Moment wird er nie vergessen.

 „Zwei Jahre lang wurde ich von der Chemo voll vergiftet. Ich wog phasenweise nur noch 52 Kilo, heute sind es 88“, ergänzt der austrainierte Athlet und spricht von einer „Nahtod-Erfahrung, die zu einem unbezahlbaren Reichtum in meinem Kopf geführt hat. Ich habe den Krebs überlebt. Was danach an Schlechtem im Leben kommt, kann nur noch Pipifax sein“. Diese Erkenntnis in einem um 51 Zentimeter gekürzten, aber ansonsten wieder gesunden Körper befeuert Lebensmut und Tatendrang sowie den Wunsch, Menschen mit vergleichbarem Schicksal zu helfen. 1998 entdeckt er seine Passion für den Radsport der rustikalen Art auf dem Mountainbike, den er seit 2002 auf professionellem Level betreibt. Ende 2003 schließt er an der Universität Witten-Herdecke die vierjährige Ausbildung zum Orthopädie-Techniker ab, spezialisiert sich auf Entwicklung und Marketing von Prothesenteilen, arbeitet als Gangschul-Trainer. In Seminaren informiert er Ärzte, Therapeuten, Medizinstudenten und Berufsschüler über die Möglichkeiten prothetischer Versorgung.

 Sport und Job gehen ein Symbiose ein. Bei den Extremity Games für Behinderte in den USA holt er zwischen 2008 und 2012 jeweils zweimal Gold und Bronze im Downhill Racing. Als erster amputierter Sportler absolviert er 2013 die Megavalange, das längste Downhill-Rennen der Welt, bei dem es über 30 Kilometer insgesamt 3300 Höhenmeter abwärts geht. „Der Moderator hat erst nach dem Zieleinlauf mitbekommen, dass ich amputiert bin. Er hat nicht schlecht gestaunt“, verrät Büchler grinsend.

 Seit August 2015 bringt er sein mit der reichhaltigen, eigenen Praxis-Erfahrung angereichertes Fachwissen für den Kieler Orthopädietechnik-Hersteller OT-Kiel ein. „Ich fühle mich wohl hier, Kiel ist meine zweite Heimat geworden“, bekräftigt der geborene Wismarer. Fitness, Wille und gute Orthopädie-Technik sind für Stephan Büchler die drei Komponenten, die vielen Amputierten ein Leben wie sein eigenes ermöglichen können: „Mir geht es besser als manchem Zweibeiner.“

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Ein Artikel von
Thomas Pfeiffer
Sportredaktion

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