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Der Mann mit der Überdosis Fußball-Wissen

Holstein-Trainer Karsten Neitzel Der Mann mit der Überdosis Fußball-Wissen

Riesig war die Überraschung und mindestens ebenso groß die Skepsis, als Holstein Kiel am 18. Juni 2013 Karsten Neitzel als neuen Mann auf dem Sessel des Cheftrainers präsentierte.

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Immer 100 Prozent: Holstein-Trainer Karsten Neitzel (li.) instruiert Störche-Defensivmann Manuel Hartmann während des 3:1-Heimsieges gegen Sonnenhof-Großaspach.

Quelle: Uwe Paesler

KIEL. 16 Tage zuvor waren die Störche mit einem 2:1-Sieg in Kassel triumphal in Liga drei zurückgekehrt. Nur zwei Tage später hatte der an der Förde äußerst beliebte Aufstiegscoach und Kieler Jung, Thorsten Gutzeit, mitten im kollektiven Jubel fast sensationell seinen Rücktritt erklärt. Verschwörungstheorien ob dieses Vorgangs schossen ins Kraut. Und nun sollte ausgerechnet ein dem Gros der Nordlichter unbekannter Fremdling, ein in Dresden geborener und beim SC Freiburg an der Seite von Breisgau-Legende Volker Finke gereifter Fußballlehrer das Kieler Flaggschiff führen? Einer, der bis auf eine vergleichsweise kurze Episode beim Zweitligisten VfL Bochum noch nie einer ersten Mannschaft eigenverantwortlich vorgestanden hatte? Gut 23 Monate später ist Karsten Neitzel der Fußball-König von Kiel.

 König? Eigentlich eine unzutreffende Würdigung. Denn Neitzel führt keine sportliche Allein-Regentschaft. Er ist mehr eine Art Che Guevara von der Förde, ein Führer der sportlichen Revolution gegen die Dritte Liga. Einer, für den der Begriff Teamgeist auch abseits der Kreidelinien oberste Priorität besitzt. „Das ist nicht meine Mannschaft. Das ist das Produkt aller Beteiligten. Von meinen Trainerkollegen, den Physios und Ärzten bis hin zur sportlichen Führung“, rügt er dauerhaft, wenn er sich in den Medien mit derartigen Sätzen über Gebühr gelobt fühlt. Zudem ist der Mann mit der Überdosis Fußball-Wissen einer, der sich so gar nicht in die branchenübliche Schublade eines Cheftrainers pressen lassen mag.

 Das zeigte sich schon an jenem 18. Juni 2013, als nach der offiziellen Vorstellung auf dem Parkplatz des Nachwuchsleistungszentrums der Störche in Projensdorf ein erster persönlicher Kontakt entstand. Keinen Wagen des Luxussegments bestieg Neitzel, sondern ein Mittelklasse-Auto durchschnittlicher Prägung. Wenige Wochen nach Amtsantritt kam die obligatorische Frage, ob er denn sein Hotelleben gegen eine schmucke Wohnung eingetauscht habe. Vielleicht mit Blick auf die Förde sogar? Die Antwort war entwaffnend: „So etwas brauche ich nicht. Ich habe zweieinhalb Zimmer in Hassee. Wenn ich nach Hause komme, sitze ich sowieso nur vor dem Laptop und mache Spielanalysen.“

 Der Beruf ist für Neitzel Berufung. 24 Stunden, vom Scheitel bis zur Sohle. Hinter der ständigen Auseinandersetzung mit dem Fußball kommt lange Zeit nichts. Und danach folgt … natürlich der Fußball. Zwölf Jahre lang hat er an der Seite von Volker Finke gearbeitet. Jenem Trainer, der Anfang der 90er Jahre mit einer innovativen Taktik den deutschen Fußball auf den Kopf stellte. „Raumdeckung über den ganzen Platz“, „Überzahl in Ballnähe“ – so lauteten die Erfolgsformeln der fortan als „Breisgau-Express“ gepriesenen Strategie. Eine Zeit, die Neitzel fundamental geprägt hat. 1993 stieg der ehemalige Lehrer Finke mit dem „ewigen Zweitligisten“ SC Freiburg in die Bundesliga auf, wurde in der Saison 1994/95 trotz schmalem Budgets sensationell Dritter – nur drei Punkte hinter dem deutschen Meister Borussia Dortmund. In Finkes Kader stand auch Karsten Neitzel.

 Auch aufgrund von Verletzungen kam der ehemalige Kapitän des U19-Europameisterteams der DDR von 1986 und des U20-WM-Dritten von 1987 nur auf 18 Erstliga-Einsätze, beendete 1997 seine aktive Karriere. Finke erkannte frühzeitig das Trainertalent in Neitzel und nahm ihn in seinen Stab auf. Dort wirkte Neitzel verantwortlich für die Freiburger Nachwuchsmannschaft. „Gut, dass er mein erster Chef war“, lautet Neitzels Credo. 2008 folgte er seinem Mentor Finke nach Japan zu den Urawa Red Diamonds. Eine zweijährige Phase, über die Neitzel, Vater eines Sohnes und Gatte einer Flugbegleiterin, auch im Rückblick noch sagt: „Da trifft sich die kleine Familie Neitzel in Japan, unglaublich!“ Dass er sogar im Reich asiatischer Gourmets nach eigenen Angaben selbst gemachte „Ost-Penne“ (Nudeln zubereitet auf sächsische Art) bevorzugte, verwundert nicht wirklich, zeugt von seinem Bodenstand.

 Multi-Kulti, Internationalität – für den im Dresdner „Tal der Ahnunglosen“ aufgewachsenen Ex-Mittelfeld- und Abwehrspieler, der den Fall der Mauer mit gepflegtem „Vokuhila“-Schnitt in Halle an der Saale erlebte, noch heute das ungewöhnlichste Kapitel seines facettenreichen Lebens. Und dies, obwohl er als Vorzeige-Talent des DDR-Fußballs schon frühzeitig andere Länder und Gebräuche kennen lernen durfte. Mittlerweile erklärt Neitzel mit breitem Grinsen: „Ich bin anpassungsfähig wie eine Kakerlake. Ich komme überall zurecht.“

 Kein Zweifel, der Mann eckt mit seiner Mischung aus philosophischen Ergüssen und äußerst klar formulierter Fußballersprache mitunter an. Abende im kleinen Kreis beispielsweise im Hinterhofzimmer beim Fan-Projekt mit kreativ angerichteter Hausmannskost sind ihm lieber als offizielle Anlässe mit Sekt und Co. Anzugpflicht setzt er eher mit Sportbekleidung gleich. Er ist mit jeder Phase authentisch, kann verbal explodieren, um in der nächsten Minute mit Feingefühl auf die Sorgen anderer Menschen einzugehen. Das kommt an bei seinen Spielern. Auch, weil sein Hang zur Selbstironie gut ausgeprägt ist und er die stetig lauernden Tücken im Leben junger Männer aus eigener Erfahrung zur Genüge kennt.

 Über allem aber steht für Neitzel die akribische Arbeit: „Was zählt, ist die seriöse Spielvorbereitung.“ Die Messlatte, die er an sich selbst legt, gilt auch als das unabdingbare Maß für andere. Ein Fußballprofi darf einen Fehlpass spielen, eine Torchance kläglich vergeben. Ernährt er sich aber nicht professionell oder zieht sich gar in wichtigen Saisonabschnitten wegen zu leichter Bekleidung eine Erkältung zu oder lässt sich von Kinderkrankheiten anstecken, rastet Neitzel aus. Schimpft wie ein Rohrspatz und stellt die berufliche Qualifikation des betreffenden Spielers ernsthaft in Frage. Zumindest für einige Stunden.

 Niederlagen stören „Mr. 100 Prozent“, den Ungeduldigen, den ständig getrieben Wirkenden, extrem. Unwissende Journalisten nerven ihn. Und so kann es passieren, dass eine Pressekonferenz zu Gunsten einer privaten Video-Analyse zwecks Nachhilfe unterbrochen wird. Er wirbt um Verständnis für seine Maßnahmen, hofft auf den Lerneffekt des anderen. Unter diesem Motto steht auch die Alltagsarbeit mit dem Kader, den er unter der Überschrift „Nachhaltigkeit“ zusammen stellt und betreut.

 Sieht er sich illoyal behandelt, ist Ärger programmiert. Unabhängig von der vermeintlichen Wichtigkeit des Gegenübers. Doch wer einmal einen Disput mit Neitzel am eigenen Leib erlebt hat, weiß um die angenehme Streitkultur des Sachverständigen für nahezu alle Fußballfragen. Für Neitzel war es in Kiel ein elementares Erlebnis, nach 13 Spielen ohne Sieg, dem sich nähernden Abstieg und der teils massiven Kritik der Öffentlichkeit in der vergangenen Saison von den Offiziellen nicht in Frage gestellt worden zu sein. Auch nicht vom ehemaligen Sportlichen Leiter und Ex-Freiburger Andreas Bornemann, der ihn 2013 in das Nest der Störche gelotst hatte. „Karsten Neitzel stammt aus der Freiburger Fußballschule. Dort sind ausschließlich positiv Fußballverrückte am Werk“, hatte Bornemann einst über seinen neuen Coach gesagt.

Am Dienstag hat der 1,76 Meter große „Verrückte“ als maßgeblich Verantwortlicher an dem großen Fußball-Traum geschnuppert, Kiel nach 34-jähriger Abstinenz zurück in die Zweite Bundesliga zu führen. Mit einer Mannschaft, die nur als Kollektiv überhaupt zu dieser Chance kommen konnte, die sie ob der realen individuellen Qualität der Spieler nie wirklich besaß. Ein riesiger Erfolg. Und übermorgen? Da wird er sich zurückziehen und sich eventuell einen Tag der Besinnlichkeit gönnen. Schließlich bietet das Fernsehen sicher Bilder eines Kicks, der irgendwo auf diesem Planeten stattfindet. „Es ist für mich Entspannung pur, ein Fußballspiel zu beobachten, bei dem es mir egal ist, wer gewinnt.“ Wer würde Karsten Neitzel diese Art des Stressabbaus nicht gönnen?

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Ein Artikel von
Andreas Geidel
Sportredaktion

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