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Alfred Gislason drückt in Island die Daumen

THW-Trainer Alfred Gislason drückt in Island die Daumen

Bei der Fußball-EM empfängt Gastgeber Frankreich die Überraschungsmannschaft Island. Einer, der mit den „Stràkarnir Okkar“ („Unsere Jungs“) von der Insel mitfiebert, ist Alfred Gislason. Rechtzeitig zum Entscheidungsspiel ist der Trainer des THW Kiel in seiner Heimat gelandet.

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Alfred Gislason schaut das Spiel von zu Hause in Island aus.

Quelle: Uwe Paesler

Magdeburg/Akureyri. Sonnabend landete Alfred Gislason, Trainer des THW Kiel, auf Island. Mit dem Mietwagen ging es von Reykjavik bis nach Hause in Akureyri im Norden der Insel. Schließlich geht der Traum der Isländer bei der Fußball-EMmit dem Viertelfinale gegen Gastgeber Frankreich am Sonntag in die nächste Runde. Gislason sagt: „Auch ich bin, genau wie das ganze Land, außer mir vor Stolz.“

Am Montag  war der Kieler Erfolgscoach noch in seiner Wahlheimat in Wendgräben bei Magdeburg. Die Sensation gegen England verfolgte Gislason mit Ehefrau Kara. In Akureyri wird es genauso sein, außer dass Gislason dann ein isländisches Bier der Marke „Viking“ („Es ist das beste Bier, gebraut in Akureyri“) genießen wird. „Was auf Island los ist, ist unbeschreiblich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass in den Betrieben überhaupt noch gearbeitet wird. Die feiern doch jeden Tag“, sagt der 56-Jährige, der ein „großartiges“ Spiel gegen England sah, lachend: „Dabei dachte ich nach dem 0:1 schon: Jetzt ist der Traum vorbei.“

In Terminschwierigkeiten kann Gislason auf jeden Fall schon einmal nicht kommen. Am 9. Juli heiratet sein Sohn Elfar Alfredsson, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Erst einen Tag später wird das EM-Finale angepfiffen. Ist für die „Stràkarnir Okkar“ („Unsere Jungs“) von der Insel jetzt alles möglich? Sieg gegen Frankreich, Halbfinale gegen Deutschland und dann ins Finale? „Ich rechne Island gegen Frankreich im eigenen Land nicht allzu viele Chancen aus, auch wenn die Mannschaft bisher einen Riesencharakter und Zusammenhalt gezeigt hat“, sagt Gislason. Um einen Anruf bei Gunnar Gunnarsson kommt er vermutlich so oder so nicht herum. Jahrelang begegneten sich die beiden Männer aus der mit 18000 Einwohnern viertgrößten Stadt Islands an dem atemberaubend schönen Fjord Eyjafjördur in den Handball-Hallen der schroffen Insel. Heute ist Gunnarssons einer Sohn Arnór Thór (28) Rechtsaußen beim Handball-Bundesligisten Bergischer HC (und damit seit 2012 regelmäßig Gegner des THW). Der andere, Aron (27), Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft. Genau, der mit dem Bart, den tätowierten Armen und den meilenweiten, handballartigen Einwürfen, von denen einer gegen England zum 1:1 durch Ragnar Sigurdsson führte. „Aron hat früher auch sehr gut Handball gespielt“, sagt Gislason. Und Arons Bruder Arnór wird mit den Worten zitiert, Aron hätte sicher auch Handball-Nationalspieler werden können.

„Im Moment“, sagt Alfred Gislason, der selbst von 2006 bis 2008 isländischer Handball-Nationaltrainer war, „läuft der Fußball dem Handball auf Island den Rang ab.“ Vor 20 Jahren sei viel in die Fußball-Infrastruktur, in Kunstrasenplätze und Fußball-Hallen investiert worden. „Auch vorher gab es schon starke, sehr robuste Spieler wie Asgeir Sigurvinsson“, so Gislason. „Aber mittlerweile sind die Isländer technisch sehr beschlagen und taktisch sehr gut ausgebildet.“  Genau das zeige sich jetzt in der aktuellen Generation an Nationalspielern, die auch als U20 schon auf sich aufmerksam machte. Im Handball laufe die Entwicklung gleichzeitig in eine andere Richtung. 2008 gewann Island Olympia-Silber, bei der EM 2016 in Polen schied das Team als enttäuschender 13. nach der Vorrunde aus. In der Champions League sind die besten Klubs des Landes längst nicht mehr vertreten. „Die meisten wollen auch gar nicht. Wenn im August die Quali-Spiele anstehen, kommt niemand in die Hallen, das machen die Zuschauer erst ab Ende September. Dann musst Du vielleicht  in Weißrussland oder Aserbaidschan spielen – bis dahin ist der Verein dann schon pleite.“

Beamer, große Leinwand, so wird es bei der Familie von Alfred Gislason auch am Sonntag wieder aussehen, wenn ganz Island von der nächsten Sensation träumt.  „Bei der Nationalhymne stehe ich natürlich auf“, sagt Alfred Gislason, ansonsten eher sparsam im Umgang mit Emotionen.  „Und dann muss ich fast heulen.“

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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