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Deutschland ist den Italien-Fluch endlich los

Fußball-EM Deutschland ist den Italien-Fluch endlich los

Das war ein hartes Stück Arbeit. Nach 120 Minuten ringt Weltmeister Deutschland seinen Angstgegner Italien nieder und ist nur noch zwei Schritte vom vierten EM-Titel entfernt. Matchwinner war Neuer mit zwei gehaltenen Elfmetern.

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Deutschland feiert nach dem Elfmeterschießen den Einzug ins Halbfinale.

Quelle: Christian Charisius/dpa

Bordeaux. Endlich! Der Italien-Fluch ist nach einem Elfmeter-Drama Geschichte. Dank Manuel Neuer hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im neunten Anlauf den ersten Turniersieg gegen den Angstgegner Italien und damit den Einzug ins Halbfinale geschafft. Der Keeper war beim 6:5 im Elfmeterschießen der Held in einem zähen Abnutzungskampf am Samstag in Bordeaux. Der Welttorhüter hielt zwei Elfmeter, ehe Jonas Hector im 18. Schuss den Sieg sicherstellte. Nach 120 Minuten hatte es 1:1 (1:1, 0:0) gestanden. Damit nimmt der Weltmeister nun mit Volldampf Kurs auf den vierten Titel bei einer Europameisterschaft. Nur Gastgeber Frankreich oder Außenseiter Island können am Donnerstag (21.00 Uhr) in Marseille noch den siebten Einzug einer deutschen Auswahl in ein EM-Finale verhindern. Dabei wird allerdings Mats Hummels wegen einer zweiten Gelben Karte fehlen.

Für Deutschland war es bereits der sechste Sieg im siebten Elfmeterschießen bei einem großen Turnier. Die Entscheidung fiel erst durch den neunten deutschen Schützen. Zuvor hatten sich Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger Fehlschüsse geleistet, während Toni Kroos, Julian Draxler, Mats Hummels, Joshua Kimmich und Jerome Boateng trafen. In der regulären Spielzeit hatte Mesut Özil die deutsche Elf in der 65. Minute in Führung gebracht, doch die Italiener kamen durch einen verwandelten Handelfmeter von Leonardo Bonucci noch zurück ins Spiel (78.). Vorausgegangen war ein Handspiel von Abwehrchef Jérôme Boateng.

Das 34. Aufeinandertreffen der viermaligen Weltmeister war von höchstem Respekt geprägt. Nur keinen Fehler machen, lautete auf beiden Seiten die Devise. Bereits die deutsche Aufstellung hatte gezeigt, dass Löw vor allem eine sichere Defensive wichtig war. Wie schon beim 4:1 im letzten Aufeinandertreffen im März in München stellte der Bundestrainer von einer Vierer- auf eine Dreier-Abwehrkette um. Benedikt Höwedes kehrte damit ins Team zurück, dafür wurde der gegen die Slowakei noch überragende Wolfsburger Julian Draxler geopfert.

Es sei die Formation, von der man glaube, dass sie Italien schlage, hatte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff die etwas überraschende Systemumstellung begründet. Bereits vor vier Jahren im EM-Halbfinale gegen Italien hatte Löw umgestellt, damals war seine Maßnahme beim 1:2 erfolglos geblieben, was ihm harsche Kritik einbrachte.

Hier sehen Sie Bilder vom Spiel Deutschland gegen Italien im EM-Viertelfinale.

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Vor 38 764 Zuschauern im Nouveau Stade de Bordeaux glich das Duell eher einer Partie Rasenschach. Die Italiener, bei denen es für den angeschlagenen 2006er Weltmeister Daniel de Rossi erwartungsgemäß nicht zu einem Startelf-Einsatz reichte, agierten äußerst defensiv und überließen der DFB-Auswahl die Spielkontrolle. Beim Weltmeister ging jedoch die defensive Kompaktheit zulasten des Offensivspiels, in dem es kaum zu Überzahlsituationen kam. Gerade die linke Draxler-Seite lag völlig brach, Özil hing in der Luft. Vom Chancen-Feuerwerk wie etwa gegen Nordirland (1:0) oder der Slowakei (3:0) blieb nicht mehr viel übrig.

Schon nach 15 Minuten war Löw außerdem gezwungen, erneut umzustellen, als für Bastian Schweinsteiger der Ernstfall eintrat. Sami Khedira humpelte mit Adduktorenproblemen vom Platz. Ausgerechnet Khedira, der sich als Italien-Legionär gegen seine Kollegen von Juventus Turin viel vorgenommen hatte. Schon vor dem WM-Finale 2014 hatte er kurz vor dem Anpfiff verletzungsbedingt passen müssen. So musste der Kapitän ran und Schweinsteiger schnappte sich sogleich die Binde. Der Mittelfeldchef war zwar nicht so präsent, teilte sich aber gut die Kräfte ein.

Es dauerte bis kurz vor der Pause, ehe die deutsche Mannschaft zu ersten zaghaften Chancen kam. Ein Kopfball von Mario Gomez nach Flanke des soliden Joshua Kimmich verfehlte aber deutlich das Ziel (41.). Eine Minute später kam Thomas Müller frei zum Schuss, doch der bei EM-Endrunden bislang so glücklose Münchner traf den Ball nicht richtig, so dass Italiens Startorhüter Gianluigi Buffon keine Probleme hatte, den Ball aufzunehmen. Der 38-Jährige war wie auf der Gegenseite Manuel Neuer ohne Gegentor in sein 160. Länderspiel gegangen.

Neuer übertraf derweil schon nach wenigen Minuten den Rekord von Sepp Maier, der vom EM-Finale 1976 bis zum fünften Spiel bei der WM 1978 insgesamt 481 Minuten ohne Gegentor geblieben war. In der 43. Minute wäre die Zu-Null-Serie von Neuer fast schon gerissen. Emanuele Giaccherini gab aus spitzem Winkel einen Schuss auf das Tor ab, den Neuer noch parierte. Beim anschließenden Nachschuss von Stefano Sturaro wäre der Bayern-Schlussmann aber wohl machtlos gewesen, Boateng fälschte den Ball noch leicht ins Toraus ab.

Ein unverändertes Bild bot sich den Zuschauern auch in der zweiten Halbzeit. Die deutsche Mannschaft befand sich mit viel Respekt weiter im Vorwärtsgang und stand in der 54. Minute dicht vor der Führung. Gomez legte den Ball gut auf Müller ab, der diesmal alles richtig machte. Sein Schuss wurde aber noch spektakulär von Alessandro Florenzi abgewehrt. Elf Minuten später war es dann soweit. Nachdem sich Gomez im Stile eines Spielmachers gegen drei Italiener an der Außenlinie behauptet und den Ball auf Jonas Hector weitergeleitet hatte, gelangte der Ball auf Özil, der in Mittelstürmer-Position zur Führung einschoss.

Eine starke Aktion von Gomez, der drei Minuten später seine gute Vorstellung fast mit einem Tor veredelt hätte. Nach einem feinen Pass von Özil legte sich der Torschützenkönig aus der Türkei den Ball mit der Brust vor, um schließlich mit einem sehenswerten Hackentrick Buffon zu einer Glanztat zu zwingen. Nach dieser Aktion war aber Schluss für Gomez, der angeschlagen vom Feld musste.

Deutschland hatte das Spiel eigentlich im Griff, doch ein unnötiges Handspiel von Boateng im Zweikampf gegen Giorgio Chiellini brachte Italien zurück ins Spiel. Damit kassierte Neuer nach 557 Turnierminuten sein erstes Gegentor. Danach wurde Italien besser, hochkarätige Torchancen blieben aus, auch in der Verlängerung.

Kurze Panik auf Pariser Fanmeile während Deutschlandspiel

Auf der Pariser EM-Fanmeile am Eiffelturm hat es während des Spiels Deutschland gegen Italien eine kurze Panik unter den Zuschauern gegeben. Im vordersten Bereich vor der Großleinwand auf dem Marsfeld liefen kurz vor Ende der regulären Spielzeit am Sonnabend plötzlich Hunderte Menschen auseinander, wie ein dpa-Reporter beobachtete. Auslöser war nach Angaben mehrerer Augenzeugen eine Schlägerei. Einige Menschen stürzten, vereinzelt brachen Besucher in Tränen aus. Die Situation beruhigte sich jedoch sehr schnell wieder, die Übertragung des Spiels lief weiter.

Aus Furcht vor Anschlägen gelten an den Fanmeilen zur Europameisterschaft strenge Sicherheitsvorkehrungen. Wer die Pariser Fanmeile besuchen will, wird an drei aufeinanderfolgenden Kontrollpunkten kontrolliert und abgetastet. Auf dem Gelände am Wahrzeichen der französischen Hauptstadt ist Platz für bis zu 92.000 Menschen, am Samstagabend verfolgten Zehntausende Fans das Viertelfinale - darunter viele in den Farben Deutschlands oder Italiens.

Angstgegner Italien - ein Rückblick

Nicht weniger als achtmal hatte Deutschland bei großen Turnieren versucht, Italien zu knacken - achtmal ging es schief, in legendären Duellen wie dem „Jahrhundertspiel“ im WM-Halbfinale 1970 oder dem WM-Endspiel 1982. Und zuletzt im EM-Halbfinale 2012, als Löw sich beim 1:2 vercoachte.

Die schmerzensreiche Erinnerung an dieses Spiel war ein Teil des Antriebs für das Duell am Sonntag. „Heute ist Italien fällig!“, rief DFB-Präsident Reinhard Grindel den deutschen Fans am Nachmittag zu. Löw hatte sich geschworen, seine Fehler nicht zu wiederholen: An der deutschen Stärke sollte die Aufstellung ausgerichtet werden, nicht am Spiel der Italiener.

Das sah aber dann doch ganz anders aus. Sechs defensive Spieler standen auf dem Platz, Torhüter Manuel Neuer nicht mitgerechnet. Benedikt Höwedes gab bei gegnerischem Ballbesitz in einer Fünferkette den dritten Innenverteidiger gegen das italienische 3-5-2, um das Zentrum gegen Graziano Pellé und Éder zu verdichten. Es wirkte. Im März hatte die DFB-Auswahl Italien in dieser Formation 4:1 besiegt.

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