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EM-Aus für Sami Khedira, Mats Hummels gesperrt

Löw muss umstellen EM-Aus für Sami Khedira, Mats Hummels gesperrt

Ein Jahrhundertspiel ist's nicht gewesen - aber ein Elfmeterschießen, das in Deutschlands Fußballhistorie eingeht. Turnierneuling Hector und Torwartgigant Neuer sind die Helden von Bordeaux. „Taktikfuchs“ Löw braucht neue Lösungen für die Schlussetappe nach Paris.

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Sami Khedira hat sich im Spiel gegen Italien verletzt.

Quelle: Federico Gambarini/dpa

Bordeaux. Nach dem Drama von Bordeaux wollen die deutschen Elfmeter-Glücksritter trotz schwerwiegender Ausfälle mit aller Macht die EM-Krone. In der Nacht nach dem Blutdruck steigernden Fußballkrimi mit der Rekordzahl von 18 Schützen gab es keine Siegesparty der Weltmeister, sondern einen Schwur: Joachim Löws glückliche, erschöpfte und dezimierte Kicker wollen sich nicht allein mit dem Titel als Italienfluch-Besieger schmücken. „Jetzt wollen wir natürlich auch mehr“, verkündete der Bundestrainer.

„Wenn man im Halbfinale steht, will man auch ins Endspiel nach Paris“, sagte Teufelskerl Manuel Neuer, neben dem allerletzten, umjubelten Schützen Jonas Hector der Held des Abends am Atlantik. „Was die Mannschaft geleistet hat, ist eines Champions würdig“, tönte Sami Khedira.

Der 29-Jährige kann selbst nichts mehr zum Titelgewinn beitragen. Die Adduktorenverletzung, die er sich zuzog, ist nach Informationen des Fachmagazins „Kicker“ so schwerwiegend, dass das Turnier für den Mittelfeldspieler vorzeitig beendet ist. Im Halbfinale am Donnerstag in Marseille fällt zudem Abwehrspieler Mats Hummels als zweiter Leistungsträger wegen einer Gelb-Sperre aus.

Es war kein Jahrhundertspiel, aber ein Jahrhundert-Elfmeterschießen. Fesselnd, dramatisch, ein ständiges Auf und Ab mit persönlichen Dramen und Glücksmomenten. Und dem Happy-End für das Team, das vor dem 6:5 vom Punkt die 120 Minuten zuvor trotz des 1:1 dominiert hatte. „Wir haben Italien am Ende ein bisschen glücklich niedergerungen, aber wir waren die überlegene Mannschaft“, sagte Löw.

Der 56-Jährige suchte nach dem erlösenden Elfmeter von Hector die Einsamkeit in der Kabine. „Ich wollte ein bisschen Ruhe. Es war ein dramatisches Spiel bis zum letzten Schuss“, berichtete Löw geschafft. Hilflos hatte er auf seine Schützen hoffen müssen. „Bei einem Elfmeterschießen kann man nicht viel tun. Das ist gerade für die Spieler eine hohe Nervenbelastung“, schilderte der Bundestrainer. „Nach so vielen Jahren sind wir auch mal dran gewesen gegen die Italiener“, sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel überglücklich.

„Unser Weg ist noch nicht zu Ende“, erklärte Thomas Müller. Jetzt könne kommen, wer will, ob Frankreich oder Island am Donnerstag im Halbfinale in Marseille sowie Portugal oder Wales im Endspiel drei Tage später. „So, wie wir auftreten, spielen wir wie eine erwachsene Mannschaft, wie eine Herrenmannschaft, die weiß, worum es geht“, erklärte der rackernde, aber weiter glücklos agierende Müller. „Von den abgezockten Italienern war gegen uns Bubis nicht viel zu sehen.“

Nach der Rückkehr im Morgengrauen ins Stammquartier am Genfer See war am Sonntag zunächst Ausschlafen angesagt. „Solche Schlachten“ hinterließen Spuren, bemerkte Löw. „Das Spiel steckt in den Körpern. Wir müssen jetzt schauen, dass unsere Spieler gut regenerieren“, sagte der Chefcoach zur kurzen Verschnaufpause. Für Khedira ist die EM vorbei. Auch Mario Gomez musste mit muskulären Beschwerden gegen Italien vorzeitig runter und bangt um den Einsatz in Marseille. Hummels könnte nach seiner Gelb-Sperre erst wieder im Endspiel am Sonntag aktiv eingreifen. Löw muss damit neue Lösungen finden.

„Dieses Spiel kann noch einmal einen Schub geben“, hob trotz der Sorgen Hector hervor. „Ich habe das Herz in die Hand genommen“, sagte der Kölner über sein Heldenstück gegen Torwart-Legende Gianluigi Buffon. „Wir waren über 120 Minuten die bessere Mannschaft“, urteilte Hector, „und dann haben wir mit ein bisschen Dusel gewonnen.“

Normal an diesem Elfmeterschießen in 18 Akten war nur, dass Neuer, der „Riesengigant“, wie Teammanager Oliver Bierhoff schwärmte, zwei Schüsse von Leonardo Bonucci und Matteo Darmian hielt. „Wir haben ganz Fußball-Deutschland ein bisschen zittern lassen“, untertrieb der bärenstark verteidigende Schalker Benedikt Höwedes.

„So was habe ich noch nicht erlebt“, sagte Neuer, der beim Jubel vor der deutschen Fankurve im Muskelshirt immer wieder seine mächtigen Oberarme in die Höhe reckte: „Das war ein wirkliches Drama.“ Den erfahrenen Weltmeistern Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger versagten die Nerven, die unerfahrenen Turnierdebütanten Hector und Joshua Kimmich behielten sie und trafen. „Es war ein Nervenkrieg“, stöhnte Neuer geschafft. In der regulären Spielzeit hatte ihn Bonucci noch mit einem Handelfmeter bezwungen (78. Minute), nachdem Meut Özil Deutschland zuvor verdient in Führung geschossen hatte (65.).

Elfmeterschießen bleibt eine deutsche Spezialdisziplin, auch wenn es beim sechsten Erfolg im siebten Turnier-Shootout deutsch-untypisch verlaufen war. „Wir haben es nach 90 Minuten nicht geschafft, Italien zu bezwingen. Wir haben es nach 120 Minuten nicht geschafft. Dann hat einfach dieses Elfmeterschießen - so wie es abgelaufen ist - zu dem Duell Italien gegen Deutschland gepasst“, resümierte Neuer.

Es war der erste Erfolg im neunten Kräftemessen mit dem Angstgegner bei einem Turnier. „Wir hatten es einfach verdient“, meinte Khedira, den Schweinsteiger früh ersetzte. 105 Minuten musste der Kapitän gehen, nicht voran, aber helfend. „Bastian hat sich sehr gut ins Spiel hineingearbeitet. Es war schon wichtig, dass ein so erfahrener Spieler auf dem Platz stand“, lobte Löw den Teamsenior.

Löw war mit Schweinsteiger ein Wagnis eingegangen, so wie mit dem Systemwechsel zur Dreierkette, die ihre Turnierpremiere feierte. Mit Höwedes, Boateng und Hummels stand der Weltmeister stabil. Für den Bundestrainer war die Veränderung „dringend notwendig“, weil Italien mit zwei hohen Außen und zwei zentralen Stürmern agiert. „Vier gegen vier zu spielen, ist gegen sie gefährlich. Deswegen mussten wir das Zentrum zumachen“, begründete Löw.

„Jogi ist schon ein extremer Taktikfuchs“, lobte Khedira den Chef. „Ich bin mir sicher, die Franzosen, die Portugiesen und alle, die noch im Turnier sind, hätten gerne gesehen, wenn die Deutschen nach Hause fahren“, sagte Müller.

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