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19 Stunden Busfahrt für 90 Minuten EM-Fußball

Fans aus Kiel in Lille 19 Stunden Busfahrt für 90 Minuten EM-Fußball

Immer der Löw-Elf auf den Fersen: Florian Jordan ist Regionalbetreuer für alle Mitglieder des DFB-Fanclubs Nationalmannschaft (FCN) im Norden. Der gebürtige Kieler organisiert ehrenamtlich zu nahezu jedem Pflichtspiel des Deutschen Teams eine Fanreise – natürlich auch zum EM-Auftakt gegen die Ukraine in Lille.

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Regionalbetreuer Florian Jordan (v. li.) mit den Kieler und Raisdorfer Fans Toby Federwisch, Frank Reinwald, Timo Federwisch, Oliver Braasch, Raimund Laudenbach und Dirk Naumann.

Quelle: Sven Hornung

Kiel/Lille. 19 Stunden Busfahrt für 90 Minuten Fußball: Wir haben den 28-Jährigen und andere Kieler und Raisdorfer Fans nach Frankreich begleitet.

49 FCN-Anhänger aus Schleswig-Holstein und Hamburg stehen pünktlich um 6.45 Uhr am Bussteig des Hamburger Zob, als Florian Jordan noch mit seinem Smartphone spielt. Sie haben Jutebeutel und Kühlboxen dabei, mit Bier, Schnaps, Softdrinks sowie Frikadellen und Brötchen. „Spiel 1/7 – Europameister werden“, postet der Regionalbetreuer bei Facebook. Noch eine kurze Begrüßung über den Lautsprecher, dann geht es los. 1350 Kilometer hin und zurück, ohne Übernachtung, liegen vor den Fans der DFB-Elf.

Über 50 Bus- und 20 Flugreisen hat Florian Jordan in den vergangenen sieben Jahren für den Fanclub Nationalmannschaft organisiert. Darunter eine dreiwöchige Rundreise bei der WM 2014 in Brasilien und Trips zu den Auswärtsspielen in Baku, Tiflis und auf den Färöer Inseln. Er und die anderen 15 Regionalbetreuer in Deutschland fungieren als Bindeglied zwischen der Fanszene und dem DFB, sind Ansprechpartner, bieten Reisen zu den Länderspielen an. Darüber informiert Jordan regelmäßig per E-Mail-Newsletter. 3000 FCN-Mitglieder aus dem Norden sind bei ihm registriert.

Krawalle sind das Gesprächsthema

Im Bus gibt es vorerst nur ein Gesprächsthema: die Ausschreitungen englischer und russischer Schlachtenbummler in Marseille. „Das extrem brutale Verhalten der Russen war heftig“, sagt der Hamburger Rolf Heeger. Ein Kumpel, der sich das Gruppenspiel im Stade Vélodrome live anschaute und zufällig Augenzeuge der Krawalle wurde, hat ihm Fotos und Videos geschickt, wie Heeger sie bei einem Länderspiel lange nicht mehr gesehen hat. „Menschen lagen minutenlang regungslos auf dem Boden. Total krank.“ Dirk Naumann aus Kiel meint: „Ich bin schockiert, dass so etwas bei einem so großen Turnier noch möglich ist.“

Kurz vor der niederländischen Grenze bittet die Polizei Busfahrer Andreas, ihr auf den nächsten Parkplatz zu folgen. „Ruhig bleiben“, sagt Florian Jordan übers Mikro an. „Die Beamten wollen nur unsere Persos checken. Auch wegen der Terrorgefahr.“ Jordan weiß, wovon er spricht. Er war im November 2015 selbst im Stade de France dabei, als während des Testspiels gegen Frankreich die Terroranschläge in der Pariser Innenstadt verübt wurden. „Das war das schlimmste Erlebnis, das mir bei einer Fußballtour passiert ist. Panik brach aus, Menschen stürmten in den Innenraum, Teile meiner Reisegruppe waren verschwunden“, erinnert sich der HSV- und HFC Falke-Fan. Erst im Hotel stellte sich heraus, dass alle unverletzt aus dem Stadion gekommen waren. Jordan hatte Sorge, jemanden aus seiner Reisegruppe zu verlieren. „Ich gebe zu, dass ich mit einem mulmigen Gefühl zum heutigen und den kommenden Spielen fahre. Das lässt mich nicht kalt, aber ich lasse mir mein Hobby auch nicht kaputt machen.“

Schlager an Bord

Erste Fangesänge werden im Bus angestimmt, ein Schlager nach dem anderen hallt aus der Musikbox. „Bon soir, Herr Kommissar, O-la la – Sie sind schon da. Frankreich, Frankreich.“ Der Song von den Bläck Fööss ist natürlich der Hit. Auch, weil die zweite Grenzkontrolle in Belgien nur Makulatur ist. Jordan führt seine Mannschaft mit Unterstützung der Busfahrer zügig bis in den französischen Norden. In Lille angekommen, ist sogar noch Zeit für einen Besuch der Altstadt, wo bereits Hunderte Deutsche die Kneipen um den Marktplatz bevölkern. Jordan schüttelt viele Hände. Man kennt sich. „Auswärtsfahrten schweißen zusammen“, weiß er.

Alle seine Planungen laufen darauf hinaus, dass er im Achtelfinale Lille wieder per Bus ansteuern wird. Dafür muss Deutschland Gruppenerster werden. Ansonsten würde es nach Saint-Étienne gehen, dorthin wäre eine Busreise schon grenzwertig. „Deshalb muss heute unbedingt ein Sieg her“, sagt Jordan. Er geht in Richtung Métro-Station. Die Nationalelf ruft, Meilenstein eins von sieben will er schnell abarbeiten.

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Ein Artikel von
Sven Hornung
Redakteur für besondere Aufgaben

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