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Die Lehren der Euro 2016

EM wie Michael Die Lehren der Euro 2016

Mitten in der jetzt zu Ende gehenden Fußball-Europameisterschaft hat Ewald Lienen sich zu Wort gemeldet. Der Trainer des Zweitligisten FC St. Pauli, ein bekennender Querdenker, ließ mit dem Satz aufhorchen: „Ich hätte gar keinen Bock, da zu spielen!“

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Fühlte der EM auf den Zahn: KN-Sportchef Michael Kluth.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Höchstleistungen seien von den Spitzenspielern am Schluss einer aufreibenden Saison mit 60, 70 Spielen gar nicht zu erwarten. Bei Ansicht der Vorrundenspiele sei er, Lienen, bisweilen eingenickt.

Die Anschauung ist nicht von der Hand zu weisen. Sportlich war diese Europameisterschaft einem Offenbarungseid näher als dem erhofften Saisonhöhepunkt. Wenige Matches bleiben über den Schlusspfiff hinaus in Erinnerung, wenige Spielzüge boten Gesprächsstoff über den Tag hinaus. Weltniveau liegt woanders. Kein Wunder, dass Euro-Euphorie nicht recht aufgekommen ist.

Die Aufblähung auf 24 Teilnehmer hat dazu beigetragen, dass die Euro 2016 sportlich im Mittelmaß steckengeblieben ist. Wenn fast die Hälfte der 55 Uefa-Mitgliedsverbände an dem Turnier teilnimmt, kann es schon deshalb kein Wettbewerb der Besten sein.

Die Ernüchterung schließt den Auftritt der deutschen Nationalmannschaft ein. Sie hat wohl den ansehnlichsten Fußball des Turniers gespielt, aber das Ziel des Spiels weitgehend verfehlt: Tore. Der Bundestrainer hat seine Mannschaft auf ein Niveau entwickelt, das in der deutschen Fußballgeschichte seinesgleichen sucht. Er hat Pressing mit Ballbesitzfußball vereint. Flexibel wie nie. Schön wie nie. So schön, dass Spieler und Trainer darüber vergessen haben, dass vorne einer die Dinger reinmachen muss.

Die Lehre dieses Turniers muss für den deutschen Fußball das Ende der „falschen Neun“ sein. Ein mitspielender Mittelfeldspieler ist eben kein Killer. Ein echter Sturmführer muss her, der gar nicht so sehr am Spiel teilnehmen muss, der auch gar nicht so gut Fußball spielen können muss, sondern der das schöne Spiel schnöde beendet: indem er den Ball ins Tor schießt. Darauf kommt es nämlich an. Mit Haltungsnoten wird man nicht Europameister.

Was bleibt sonst? Island ist auf die Landkarte der Fußballnationen getreten. „Huh“ ist in den Wortschatz der Fußballhymnen aufgenommen. Irische und nordirische Fans haben die Sympathiewerte Britanniens auf dem Kontinent gerettet. Und Antoine Griezmann hat Ewald Lienen Lügen gestraft: Am Schluss einer aufreibenden Saison, in der er 60, 70 Spiele für Atletico Madrid bestritten hat, ist mein aktueller Lieblingsspieler laufstark und gedankenschnell bester Spieler und absehbar Torschützenkönig des Turniers geworden. Geht doch.

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Ein Artikel von
Michael Kluth
Ressortleiter Sportredaktion

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