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Die Klasse von 1984

Geburtsstunde des Nordderbys Die Klasse von 1984

Die Klasse von 1984, das erste Nordderby am 21. April 1984. Es war Ostern, und ein „Osterspaziergang“ wurde dieses Spiel in der zweiten Runde des DHB-Pokal für die Zebras des THW Kiel ganz bestimmt nicht.

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Klassentreffen in der Sparkassen-Arena. Die Helden des ersten Nordderbys am 21. April 1984, von links: Frank Dahmke, Klaus Elwardt, Holger Oertel, Dierk Berner, Uwe Schwenker.

Quelle: Frank Peter

Kiel. So titelten die Kieler Nachrichten damals, drei Tage später: „Kieler mußten in Handewitt nachsitzen“. Zweitligist SG Weiche-Handewitt wollte dem großen Nachbarn in der Wikinghalle ein Bein stellen. Die war so etwas die Ur-Hölle Nord. 1257 Zuschauer (ausverkauft) kamen, darunter 200 Kieler Fans, für die 56 Ordnungshüter angefordert wurden. Es blieb ruhig, keiner fiel „aus der Rolle“, das sollte bei den folgenden 88 Nordderbys nicht immer so bleiben. 20:20 nach 60 Minuten, Verlängerung! Dann setzte sich der Erstligist doch mit 24:21 durch. Wir haben fünf Zebras aus der Klasse von 1984 getroffen. Fünf, die an der Geburtsstunde dieses Handball-Klassikers mitwirkten.

 

Dierk Berner (59) trug von 1979 bis 1987 das Zebra-Trikot. Der heutige Coop-Vorstand erinnert sich an einen „heißen Kampf“. Aber das war eigentlich immer so gegen die SG Weiche-Handewitt (1974 gegründet, Zusammenschluss der Handballabteilungen von ETSV Weiche und Handewitter SV) oder später die SG Flensburg-Handewitt (1990; TSB Flensburg/Handewitter SV). Das rührte von schon zahlreichen hitzigen Duellen mit dem TSB Flensburg her. „Der THW war eben immer der große THW aus Kiel, den man in Flensburg gern ärgern wollte“, so Berner, der allerdings auch betont: „Viele Freundschaften, beispielsweise zu Jan Glöe oder Holger Thiesen, sind geblieben.“ In dem Pokal-Fight von 1984 hatte Berner nicht seinen besten Tag. KN-Redakteur Lothar Böttcher schrieb damals: „Dierk Berner blieb im Angriff auf Rechtsaußen ohne Wirkung.“

Fühlt sich an wie Klassentreffen. Sobald beim Treffen in der THW-Loge in der Sparkassen-Arena ein Stichwort in die Runde fällt, sprudeln die Anekdoten. Wie sollte es auch anders sein? Die Ostseehalle war für alle in einer Zeit ihres Lebens das zweite Zuhause. Hier sind die fünf Zebras gemeinsam durch dick und dünn gegangen.

 

Frank Dahmke (53) stand in seiner Zeit beim THW Kiel zwischen 1981 und 1991 insgesamt elfmal in einem Nordderby auf dem Feld. Eine Marke, die Sohn Rune (23) mit den beiden anstehenden Derbys in der Champions League ebenfalls erreichen wird. 1984 wurde dem „schlaksigen Frank Dahmke“ vom KN-Experten Böttcher attestiert: „Er warf sich mit viel Elan ins Getümmel und wird immer wertvoller für den THW.“ Dahmke, mittlerweile Geschäftsführer der Kieler Volksbank Immobilien GmbH, traf dreimal und findet, dass es „früher in den Spielen gegen Flensburg brutaler zur Sache“ ging.

 

Klaus Elwardt (60), von 1975 bis 1984 Spieler beim THW und 1984 gemeinsam mit Holger Oertel mit einem Spiel gegen die polnische Nationalmannschaft verabschiedet, hatte auch damals mit der robusten Gangart im Nordderby keine Probleme. Im Rückraum spielte er da, „wo ich gebraucht wurde“, erzielte 1984 in der Wikinghalle sieben Tore, war noch vor dem großen Marek Panas (6) bester Schütze und wollte, so die KN vom 23. April 1984, „in entscheidenden Momenten mit der Brechstange durch die Wand“.

Es sah nicht gut aus für die Zebras, die noch in der 44. Minute mit 14:16 hinten lagen. THW-Trainer Johann-Ingi Gunnarsson („Das war teilweise Handball, wie er sein soll. Beide Teams haben bis zum Umfallen gekämpft, aggressiv, aber nie unfair gespielt“) musste in die taktische Trickkiste greifen, ließ SG-Spielmacher Holger Thiesen von Horst Wiemann in Manndeckung nehmen, setzte noch mehr auf die Routine von Marek Panas, der mit dem 20:19 fast für die Entscheidung sorgte, ehe sich die Flensburger durch den Ex-Kieler Jan Glöe 18 Sekunden vor dem Ende doch noch irgendwie in die zweimal fünfminütige Verlängerung retteten. Auch auf der Torhüterposition hatte Coach Gunnarsson ein glückliches Händchen.

Holger Oertel (64) musste das Feld räumen, machte Platz für den 20-jährigen Michael Krieter, der in der zweiten Halbzeit und in der Verlängerung seinen Anteil daran hatte, dass es die „grausamsten zehn Minuten in der Geschichte der SG Weiche-Handewitt“ werden sollten. Lothar Böttcher beschrieb es in den Kieler Nachrichten damals so: „Kondition und Konzentration waren vom Winde verweht, Wildwest-Handball war Trumpf. Sie hatten alles gegeben, doch einem noch größeren psychologischen Druck waren die Flensburger nicht mehr gewachsen.“ Krieter spielte mit angebrochenem Zeh, hatte sich von Mannschaftsarzt Dr. Sievers „mit einer schmerzstillenden Spritze bedienen lassen“ müssen. „Die Rivalität war schon vorher bei den Duellen mit dem TSB Flensburg groß gewesen“, erinnert sich Holger Oertel. „Das war eben auch Flensburg gegen Kiel, immer schon brisant.“ Doch die Spieler hätten sich, so Oertel, hinter den Kulissen schon immer auch gut verstanden, Freundschaften gepflegt. „Je mehr sich die Spieler annäherten, desto schlimmer wurde es bei den Fans. Und ganz viel wurde auch von außen reingebracht“, so Oertel, der als THW-Trainer (1987-1992) oder bis zu seinem Ruhestand ab Sommer dieses Jahres als stellvertretender Schulleiter des handballbetonten Hans-Geiger-Gymnasiums und Lehrer beispielsweise von Rune Dahmke auch nach seiner aktiven Karriere noch so manche Handball-Spuren hinterließ. An das allererste Nordderby 1984 erinnert er sich wie seine ehemaligen Mitspieler nur noch dunkel. Es scheint jedenfalls, als hätten die Zebras nach den zweimal fünf Minuten Verlängerung in der Pokal-Schlacht möglichst schnell Reißaus nehmen wollen. Oertel: „Ich weiß noch ganz genau: Gegessen haben wir auf der Rückfahrt im Bus.“

Uwe Schwenker (57) begann in der „Mutter aller Nordderbys“ laut Kieler Nachrichten „wie ein Weltmeister“, erzielte in den ersten sieben Minuten drei seiner insgesamt fünf Tore, wurde dann allerdings von Holger Thiesen ausgeschaltet, und prompt sei es mit der „Schwenker-Herrlichkeit“ vorbei gewesen. Auch Schwenker erlebte elf Derbys als Linksaußen auf dem Feld, blieb den Zebras dann weitere 17 Jahre von 1992 bis 2009 als Manager treu. Der heutige Präsident der Handball-Bundesliga sah „mitten im Tempogegenstoß Kassenrollen durchs Tornetz aufs Feld fliegen“, erlebte, wie sich Rivalität Bahn brach und zwischenzeitlich sogar in fan-gelebte Handball-Feindschaft kippte. Aber auch, wie aus den beiden Top-Klubs Schleswig-Holsteins zwei Top-Vereine auf der europäischen Handball-Bühne wurden. „Ja, in Flensburg gibt es die Ultras, und die SG ist einer der wenigen Vereine mit einer Stehtribüne. Aber diese Rivalität und Emotionalität haben die beiden Vereine auch immer gepusht.“

Der 21. April 1984, der Anfang von allem. Der Anfang von bis heute 89 Nordderbys. Am Sonnntag und am Mittwoch folgen Nummer 90 und 91. Nur viermal trennten sich die Rivalen mit einem Unentschieden, 53-mal siegten die Zebras, 31-mal die SG. Als alles begann vor 32 Jahren, waren Dierk Berner, Frank Dahmke, Klaus Elwardt, Holger Oertel und Uwe Schwenker dabei. Ohne zu wissen, dass sie an der Geburtsstunde eines der größten Handball-Klassikers mitwirken.

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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