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Grenzgänger zwischen zwei Welten

Handball Grenzgänger zwischen zwei Welten

Es gab Zeiten, da war es verpönt, zum Landesrivalen zu wechseln. Wer sich nichtsdestotrotz traute, zum Grenzgänger zwischen den Handball-Welten, zwischen dem THW Kiel und der SG Weiche-Handewitt, später SG Flensburg-Handewitt, zu werden, musste mit dem Schlimmsten rechnen.

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Seitenwechsler zwischen Kiel und Flensburg: Der eine (Steffen Weinhold, li.) kam, der andere (Rasmus Lauge) ging. Und Flensburgs Tobias Karlsson (re.) war auch mal ein Zebra.

Quelle: imago/August/Beckmann

Kiel/Flensburg. Pfiffe, Anfeindungen – Spieler wie Horst Wiemann, Michael Menzel, Morten Bjerre wurden zur Reizfigur in dieser handballerischen Schusslinie zweier Mannschaften, die heute zur Crème de la Crème der Sportart gehören. Aber wie war das eigentlich damals? Was ist heute anders? Wieso geschah der Seitenwechsel von Steffen Weinhold vergleichsweise geräuschlos?

 Tillmann Loch (56) kam irgendwie weit herum in Schleswig-Holstein. Der ehemalige Hans-Geiger-Schüler galt als Riesen-Abwehrtalent, schaffte es damals auf die Titelseite der „Handballwoche“, stoppte von 1980 bis 1987 im Dress des THW Kiel in der Bundesliga die gegnerischen Spieler und wechselte dann 1987 zur SG Weiche-Handewitt. Dort blieb der 56-Jährige, der mittlerweile als renommierter Urologe die Urologische Klinik am Diakonissenkrankenhaus in Flensburg leitet, zwei Jahre, ehe es ihn für zwei weitere Jahre zum VfL Bad Schwartau an die Seite des legendären Erhard Wunderlich zog. Kiel, Flensburg, Bad Schwartau – Loch sieht sich selbst in einer ganz speziellen Situation und lacht: „Ich habe den Luxus, dass ich zu jedem halten kann und mir stets wünsche, dass die bessere Mannschaft gewinnt. In seinem Büro hängen Trikots (die eigenen) und Schals (Geschenke von Fans) aller drei Teams. Loch erinnert sich: „Man hat sich gekannt, respektiert, es war immer eine gesunde Rivalität unter Spielern, die damals ja zu noch viel größeren Teilen als heute aus der Region stammten. In den Spielen kannte man allerdings kein Pardon.“ Als Reizfigur allerdings empfand sich Loch nicht, auch wenn er wohl nach dem Wechsel „eine besondere Aufmerksamkeit“ genoss. Ein Nordderby hat sich Tillmann Loch, der in 145 Spielen für die Zebras auf dem Feld stand, lange nicht live angesehen. Und das, obwohl Ehefrau Annemie drängelt. „Sie will unbedingt einmal zu einem dieser Höllenderbys in Flensburg gehen“, so Loch. „Vielleicht machen wir das demnächst einmal.“

 Thorsten Storm (52) schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Er hatte eine Flensburger Vergangenheit und wechselte dann nach Kiel, wo der ehemalige Rechtsaußen heute seit November 2014 Geschäftsführer beim THW Kiel ist. Eine Kehrtwende, die Storm gleich zweimal vollzog. Als Spieler begann seine Handball-Laufbahn beim MTV Leck und bei Rot-Weiß Niebüll. „Aus Nordfriesland zur SG Weiche-Handewitt zu wechseln und Bundesliga zu spielen, war damals für mich ein Jugendtraum, für den ich alles gemacht habe“, erinnert sich Storm. Von 1985 bis 1989 spielte er für die SG Weiche-Handewitt. „Als dann die Anfrage aus Kiel kam, habe ich das gemacht, wollte das unbedingt ausprobieren, auch wenn meine Freunde das nicht verstanden haben. Ausgepfiffen wurde ich aber nicht, dafür war ich als Spieler aber auch nicht zentral genug.“ Es wurde nur ein Jahr in Kiel, ehe Storm seine Karriere beendete, dem THW als Marketingchef erhalten blieb und schließlich die „Rolle rückwärts“ zurück nach Flensburg machte. Er heuerte bei der SG Flensburg-Handewitt als Geschäftsführer an (2002 bis 2006) und landete in eben diesem Amt über den Umweg Rhein-Neckar Löwen dann doch wieder in Kiel. Storm kennt das Land, die Strukturen, die Vereine, die Rivalität wie seine Westentasche. „Bis heute sind Wechsel zwischen Kiel und Flensburg etwas Besonderes“, sagt er darum. Und doch habe sich einiges geändert. „Steffen Weinhold und Rasmus Lauge sind doch gute Beispiele dafür, wie es funktionieren kann. Beide haben sich nichts zu schulden kommen lassen.“

Als Verräter beschimpft

 Michael Menzel (48) wechselte indes alles andere als geräuschlos von der SG Flensburg-Handewitt an die Kieler Förde. Nach fünf Jahren zwischen 1989 und 1994 an der dänischen Grenze wollte „Memel“ Menzel – heute Betreuer der Zebras im Stab von Coach Alfred Gislason – eine neue Herausforderung und eine berufliche Zukunft. Die Nachricht vom Wechsel sickerte durch. „Damals waren Wechsel noch verpönt, und auf einmal waren alle gegen mich. Fans und Ordner, die mich vorher bejubelt hatten, pfiffen mich gnadenlos aus.“ Rechtsaußen Menzel ging, machte in Kiel eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, wurde in seiner Zeit beim THW Kiel (1994 bis 2000) fünfmal deutscher Meister, EHF-Pokalsieger und musste sich für die Derbys gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber ein dickes Fell zulegen: „Nach meinem Wechsel wurde ich in den Derbys übel als Judas oder Verräter beschimpft. Die SG hatte ihrerseits auch einiges gesteuert, das Gerücht in den Umlauf gebracht, mir sei es nur ums Geld gegangen, dabei stimmte das nicht. Ich muss aber auch sagen, dass die Jahre in Flensburg eine schöne Zeit waren.“

 Steffen Weinhold (30) machte den Spagat von der SG (2012 bis 2014) zum THW geräuschlos. So ganz ließ auch ihn aber im Vorwege die Rivalität der beiden Klubs nicht ruhig schlafen. „Natürlich habe ich vor meinem Wechsel auch über die Rivalität nachgedacht, verschiedene Punkte abgewogen und in der Situation entschieden, nach Kiel zu gehen.“ Gleich das erste Bundesliga-Heimspiel Weinholds bei den Zebras war dann ausgerechnet das Nordderby (30:26 für Kiel, d. Red.). „Das war seltsam“, erinnert sich Weinhold, „auf einmal auf der anderen Seite zu stehen und die Jungs, mit denen ich eben noch jeden Tag verbracht habe, als Gegner zu haben. Aber daran habe ich mich schnell gewöhnt.“ Zur Reizfigur wurde Weinhold nicht, wurde nicht ausgepfiffen, nicht angepöbelt. „Die Fans lieben ihre SG. Aber wahrscheinlich waren sie nicht so böse, weil sie gesehen haben, dass ich bis zum letzten Spiel alles für die SG gegeben habe.“

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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