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Heilung im heimischen Hexenkessel

THW Kiel Heilung im heimischen Hexenkessel

Hier der THW Kiel, da der FC Barcelona. Zwei Mannschaften in Handball-Europa, die eine bittersüße Hassliebe verbindet. Das wurde am Sonntagabend beim mitreißenden 27:27-Unentschieden wieder einmal deutlich.

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Handball-Champions-League: Der THW Kiel traf am Sonntag auf FC Barcelona.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Die Zebras durchlebten während der 60 Minuten einen heilsamen Reinigungsprozess. Und die Spanier wurden nicht nur an das Viertelfinal-Aus vor einem Jahr erinnert, sondern kamen zudem in den Genuss eines Vorgeschmacks auf das, was sie in der Runde der letzten Acht erwarten wird. Beide Seiten lieben das Vergnügen, das die deutsch-spanischen Duelle für alle Beteiligten (und die Zuschauer) bereithalten. So schnell wiedersehen möchte man sich dann aber doch nicht.

Handball ohne Tricks

THW-Trainer Alfed Gislason schätzt, was er sah am Sonntag. „Die Spanier haben eine super Mannschaft, spielen Handball ohne Tricks. Das macht Spaß“, sagt der Isländer, der noch keinen Gedanken an das Viertelfinale gegen die Katalanen verschwendet, das nur noch eine sensationelle Barca-Heimniederlage im letzten Gruppenspiel gegen Wisla Plock abzuwenden vermag. Kaum denkbar, blieb doch das Team von Coach Xavi Pascual im eigenen Land seit dem 18. Mai 2013 in 110 Pflichtspielen ohne Punktverlust. Vor dem Viertel- muss der THW Kiel jedoch zuerst das Achtelfinale gegen einen der möglichen Gegner Pick Szeged, Meshkov Brest, Rhein-Neckar Löwen oder KS Vive Kielce überstehen. „Alles starke Gegner, ich bin gespannt, wer es wird“, so Gislason.

Handball, keine Tricks. Haken und Ösen ja – auf Seiten des Gastgebers ein weite Kreise ziehender, haltender, hechtender, robuster René Toft Hansen beispielsweise. Oder Routinier Cedric Sorhaindo im Dress der Katalanen, der im Abwehr-Mittelblock den (vergleichsweise) anständigen Abräumer gab. Fair geht vor im Handball-„Classico“, also erkundigte sich Filip Jicha nach einem (ungewollten) Schlag ins Gesicht beim gefoulten Patrick Wiencek, eilte Keeper Gonzalo Perez de Vargas zu Hilfe, als es Marko Vujin mit einem Krampf zu Boden zog. Vujin ersparte sich so die ärztliche Behandlung auf dem Feld (und damit verbundene, drei Angriffe währende Bank-Auszeit) und konnte prompt zunächst Wiencek zum 19:20 (41.) bedienen und dann mit seinem famosen Torfestival in Halbzeit zwei fortfahren.

"Denen haben wir's gezeigt"

Am Ende trennte man sich mit einem „fairen Ergebnis“ und im Falle von Victor Tomás mit der Hoffnung, „dass wir uns in dieser Saison nicht wiedersehen“. Der FC-Rechtsaußen versah diese Aussage mit einem Grinsen, denn so recht wünschte er den Zebras natürlich nicht das Ausscheiden im Achtelfinale. Oder doch? Der Wunsch könnte schwer werden, denn die krisengeschüttelten Kieler nahmen aus den kurzweiligen und dennoch selten fehlerfreien 60 Minuten mit einer Weltklasse-Abwehrleistung (auf beiden Seiten) und vielen Fehlern im Tempospiel nicht nur den einen Zähler in der Gruppe A mit, sondern darüber hinaus viel Gefühl. Nach dem Motto „denen haben wir’s gezeigt“ sagte der überragende Vujin nach dem Schlusspfiff als Statement in Richtung Konkurrenz: „Ab heute werden wir solche engen Spiele auch wieder gewinnen.“

Glaubt man dem Serben sofort, denn im Hexenkessel Sparkassen-Arena sah der Heilungsprozess des angeknockten Rekordmeisters so aus, dass er schlecht begann, sich aufrappelte, Schwächephasen durchschritt, aber nie einbrach. Oder wie Kapitän Domagoj Duvnjak es ausdrückt: „Die Mannschaft hat ihren großen Charakter gezeigt.“ Ausdrücklich meinte der Kroate damit auch Nikola Bilyk und Lukas Nilsson, die ihn mit zunehmender Spieldauer im Rückraum ersetzten. „Sie sind erst 20, das dürfen die Leute bitte nicht vergessen. Aber heute waren sie super.“ Das ist auch Alfred Gislason nicht entgangen: „Beide haben ihre Sache sehr gut gemacht. Auch das ist ein Effekt dieses Spiels: Die Mannschaft hat gesehen, dass sie auch ohne Dule (Duvnjak, d. Red.) gut spielen kann.“

Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Ein Punktgewinn, der sich wie ein Sieg anfühlt, jedenfalls für THW-Torwart Andreas Wolff, der am 3. März vor dem Spiel seinen 26. Geburtstag gefeiert hatte: „Wir haben unser Potenzial gezeigt. Und wir haben gezeigt, dass wir in den entscheidenden Situationen nicht versagen, sondern kühlen Kopf bewahren können.“

Paris oder Barcelona, das sei, so Wolff, wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Doch vor dem Viertelfinale wartet ohnehin noch viel Arbeit auf die Zebras, ist nicht alles Gold, was glänzt. Schließlich brachte sich der THW mit allzu vielen Fehlern sogar um einen Sieg. Es hapert an der Abstimmung im Rückraum zwischen Christian Dissinger und seinen Nebenleuten, die Linksaußen bereiten ihrem Coach Sorgen. Fortsetzung folgt.

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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