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Koordinaten der Krise

THW Kiel Koordinaten der Krise

Wie geschlagene Hunde trotteten die Spieler vom THW Kiel am Mittwochabend in der Mannheimer SAP Arena in die Kabine. In der Saison 2016/2017 ist ihnen der Nimbus der Unantastbarkeit endgültig abhandengekommen.

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Was können wir tun? In der zweiten Halbzeit sah das Kieler Trainerteam mit Alfred Gislason (re.) und Jörn-Uwe Lommel ein Debakel.

Quelle: Marco Wolf

Mannheim. Paris, Lemgo, Leipzig, Mannheim heißen die Koordinaten der Kieler Krise. Beim 19:28 (10:11) ließen sich die Zebras am Mittwoch nach der Pause von den Rhein-Neckar Löwen vorführen, rollten den Badenern den roten Teppich für ihre spontane Meisterfeier aus.

 Um kurz vor elf – eine bemerkenswerte Geste – wollte Ex-Zebra Gudjon Valur Sigurdsson am Rande überbordender Emotionen, Champagner-Fontänen und „Ein Hoch auf uns“-Chören seinen Kieler Freunden einen Besuch abstatten, doch die Kabine war – früher als gewöhnlich – längst verlassen, der THW hatte irgendwie die Flucht ergriffen, deprimiert, geschlagen, ratlos. Einige hatten sich tapfer den Fragen gestellt. „Wir haben in der Saison viel Kraft gelassen. Die Löwen waren in der Abwehr überragend, Appelgren im Tor auch. Mit nur 19 Toren kannst du hier nicht gewinnen“, sagte Rechtsaußen Niclas Ekberg, der wie Routinier Blazenko Lackovic, der im Handball schon alles erlebt hat, nach Ursachen suchte. „Ich finde, dass wir in der ersten Halbzeit sehr gut waren, außer vielleicht phasenweise im Angriff“, erklärte der Kroate. „Jetzt ist es mir egal, dass die Löwen hier feiern und was sie feiern. Ich denke an den THW, und es tut mir sehr leid. Wir waren nach der Pause im Angriff zu statisch. Es hat einfach nicht gereicht. Leider.“

 Die Löwen hatten es nach der Pause meisterhaft angestellt, zuerst eine temporeiche Andy-Schmid-Show auf die Bretter gezaubert, den angeknockten Gegner dann defensiv kommen lassen, jeden Fehler bestraft, blitzschnell umgeschaltet und sofort erkannt, dass da nicht mehr viel war in der Kieler Deckung. Der THW, ohnehin personell überstrapaziert und dezimiert, brach auseinander wie schon so oft in dieser Saison. Zu allem Überfluss verletzte sich Rune Dahmke in Halbzeit eins an der Achillessehne, obendrein verließ Steffen Weinhold die Platte nach der Pause mit größeren Adduktorenproblemen, als er sie vor dem Spiel hatte. Es kam, wie man so schön sagt, wieder einmal dicke für das Team von Coach Alfred Gislason. Und dennoch mussten nach ernüchternden 60 Minuten kritische Worte von den Verantwortlichen kommen. Gislason zürnte ob der spielerischen Defizite: „Die erste Halbzeit war sehr gut. In der zweiten Halbzeit haben die Spieler geworfen wie die Idioten. 21 Aktionen von meinen Rechtshändern und nur vier Tore sprechen eine deutliche Sprache. Das war unter aller Sau.“

 Keiner seiner Rechtshänder im Rückraum, so der Isländer zu seinen Schützlingen Lackovic, Christian Dissinger, Nikola Bilyk oder Lukas Nilsson, habe an diesem Tag Bundesligaformat erreicht. Das musste auch THW-Geschäftsführer Thorsten Storm schmerzvoll einsehen: „So wie in der zweiten Halbzeit dürfen wir nicht auftreten. Glückwunsch an die Löwen, die sich sehr positiv entwickelt haben, mit zehn Spielern so stark durch die Saison gehen. Wir haben zum Glück weiterhin den Joker, liegen mit zwei Punkten vor den Füchsen, die anderen haben für uns gespielt. Darum zählt jetzt nur eins: dass wir die zwei Spiele, die wir noch haben, gewinnen, denn es geht nur um die Qualifikation für die Champions League.“ Zahlen wollte Storm nicht bestätigen, doch das Verpassen der Königsklasse, verbunden mit den Einnahmen durch eine weitgehend fast ausverkaufte Sparkassen-Arena sowie Preis- und Antrittsgelder, würde ein finanzielles Loch in Höhe von 1,5 bis zwei Millionen Euro in den Zebra-Etat sprengen. „Darum müssen jetzt alle alles tun und alles dem THW unterordnen.“

 Allein hinter dem Verletzungspech wollte sich Storm nach der krachenden Niederlage gegen den alten und neuen deutschen Meister indes nicht verstecken. „Es war bei uns heute keiner auf dem Feld, der ein Leader sein kann“, so Storm. „Ich mache mir die ganze Zeit Sorgen, auch nach dem Kraftakt Pokalsieg. Wir mussten danach in den meisten Spielen zittern. Eine Erklärung sind die verletzten Spieler. Ohne Toft Hansen und Duvnjak zu spielen, ist so, als würde man bei den Löwen Schmid und Pekeler rausnehmen“, ergänzte der Kieler Manager, sagte aber dazu: „Auch die anderen spielen nicht das, was sie vorher gespielt haben. Dissinger ist nach seiner Verletzung nicht mehr zu Form aufgelaufen. Weinhold schleppt sich durch die Saison. Wir haben zu wenig gesunde Spieler.“ Erlangen und Balingen heißen die letzten Gegner des THW in dieser Saison. Es ist noch nicht lange her, als es in Handball-Deutschland hieß: „Da kann nichts mehr schiefgehen.“

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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