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Zuerst überhastet, dann überragend

THW Kiel - SG Flensburg Zuerst überhastet, dann überragend

Nordderby – das war der 89. Streich, der 90. folgt (am Sonntag) sogleich. Das 89. Aufeinandertreffen der Handball-Riesen THW Kiel und SG Flensburg-Handewitt war eines mit Signalwirkung, mit Nachhall für die gesamte Bundesliga.

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In der Tabelle liegt der THW Kiel (20:2) jetzt hauchdünn vor den Füchsen Berlin (19:3), Flensburg und Titelverteidiger Rhein-Neckar Löwen (beide 18:2) an der Spitze.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Eines mit Haken und Ösen, geführt von Kämpfern, die sich aus dem Effeff kennen. Matchwinner Andreas Wolff ließ sich nach dem 24:23-Sieg der Zebras sogar zu einem verbalen Ausrufezeichen hinreißen: „Wir werden Meister!“ Bämm! Ein typischer Wolff.

 Der 25-Jährige schien nach dem Sieg vor Selbstbewusstsein fast zu platzen, hatte 25 Bälle und damit jeden zweiten des Gegners entschärft, seine Gegner von Angesicht zu Angesicht fast aufgefressen. „Da bekommen die Gegenspieler beinahe Angst, wenn sie seinen Gesichtsausdruck sehen“, sagte THW-Trainer Alfred Gislason nach der One-Man-Show seines Keepers. Der zeigte sich berauscht von der „elektrisierenden Stimmung in diesem wichtigsten Spiel des Jahres“, die es sowieso nirgendwo auf der Welt in dieser Form gebe. Und dann sagte Wolff noch mit weit aufgerissenen Augen: „Gut, dass wir die SG auf unser Punkteniveau heruntergeholt haben.“

THW Kiel führt Tabelle an

 In der Tabelle liegt der THW Kiel (20:2) jetzt hauchdünn vor den Füchsen Berlin (19:3), Flensburg und Titelverteidiger Rhein-Neckar Löwen (beide 18:2) an der Spitze, und die Verantwortlichen bemühten sich nach dem Sprung auf Platz eins redlich, die Aufmerksamkeit weg von den noch folgenden Derbys Nummer 90 (Sonntag) und 91 (Mittwoch, 23. November) zu lenken.

 „Jetzt geht es erst einmal mit dem Bus nach Flensburg, dann spielen wir gegen Balingen, und dann sehen wir uns in einer Woche wieder“, sagte SG-Manager Dierk Schmäschke, während Alfred Gislason am Montag um 10 Uhr im Training zuallererst die wichtigste Lektion auf die Tagesordnung setzte: „Unser Spiel am Mittwoch (20.15 Uhr, d. Red.) in Coburg wird extrem gefährlich. Ich habe darum sofort damit angefangen, den Spielern zu vermitteln, dass sie sich nur auf Coburg konzentrieren sollen“, sagte der Isländer.

 Doch was elektrisierte, war einzig das Nordderby. 10285 in der Sparkassen-Arena waren schier aus dem Häuschen, 430000 verfolgten das Spiel live auf Sport1, 1,5 Millionen schalteten die ARD-Sportschau ein, in der Ausschnitte gezeigt wurden. „Im nächsten Derby müssen wir unsere Fehler von Anfang an abstellen“, sagte Kreisläufer Patrick Wiencek.

Unmögliche Aktionen sind gelungen

 Der 27-Jährige machte ein überragendes Spiel in der Deckung, ihm gelangen unmögliche Aktionen in der Offensive. Dann schlich sich allerdings auch einer dieser fast schon obligatorischen, über das gegnerische Tor katapultierten Tempogegenstöße ein. „Wir wollen das abstellen, arbeiten im Training hart daran“, so Wiencek. „Aber es stehen eben auch Torhüter im Tor, die auch Video gucken, auf uns vorbereitet sind.“

 Rechtsaußen Niclas Ekberg verlebte einen über weite Strecken beschäftigungslosen Tag – um dann in Halbzeit zwei sofort hellwach und da zu sein. „Das ist Alltag eines Außen. Wir wollen natürlich breiter spielen. Aber in der ersten Halbzeit lief es nicht, und dann gehen die Spieler im Rückraum eher mal auf Nummer sicher, machen das Spiel eng in der Mitte.“

 Ein ähnliches Bild auf der linken Seite, wo Rune Dahmke und Raul Santos aus sieben Versuchen nur einen Treffer machten. „Beide waren lange angeschlagen oder verletzt“, sagte Gislason und sieht beide momentan nicht ganz auf der Höhe: „Rune ist noch weit weg von seiner Fitness, Raul lernt gerade, wie es bei uns abgeht.“

Youngster müssen Liga kennenlernen

 Eine ähnliche Einschätzung galt den Youngstern Lukas Nilsson und Nikola Bilyk. Beide leisteten am Sonntag einen wichtigen Beitrag zum Sieg, tun sich nach einem sensationellen Saisonstart jedoch zusehends schwerer. Gislason: „Für 19-Jährige ist es nicht normal, in einem solchen Derby zu spielen. Es haben schon erfahrenere Leute als die beiden im ersten Jahr bei uns Probleme gehabt. Obwohl: Ich würde es nicht einmal ,Probleme’ nennen, Nikola und Lukas lernen eben die Liga kennen.“

 Der Rest, der vom Derby übrig blieb, waren Selbstkritik und Gefühl. Selbstkritik eines in der zweiten Halbzeit überragenden Zebra-Kapitäns Domagoj Duvnjak: „Ich weiß, dass ich besser spielen kann und muss, aber es zählt jetzt nur der Derbysieg. Ich bin einfach sehr stolz. Diese Mannschaft, dieses Spiel, diese Halle – Wahnsinn!“ Und ein Gefühl, das THW-Geschäftsführer Thorsten Storm beschrieb: „Das Gefühl, dass man es gegen so eine Mannschaft, die als Favorit gehandelt wurde, schaffen kann. Ein wichtiger Moment für unser junges Team.“

 Das war der 89. Streich – der 90. folgt sogleich.

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion

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