2 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Wolff zieht Schweden den Zahn

Handball-EM Wolff zieht Schweden den Zahn

Unglaublich! Was war denn da in Breslau los? Die deutschen Handballer haben bei der Europameisterschaft in Polen das zweite Gruppenspiel gegen Schweden dank einer wahnsinnigen Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit mit 27:26 (13:17) gewonnen.

Voriger Artikel
Duell mit dem Statistik-Freak
Nächster Artikel
Post aus Polen: Rolf ist wieder da

 Der Matchwinner: Der deutsche Torhüter Andreas Wolff ballt nach einer seiner Paraden die Faust.

Quelle: Sascha Klahn

Breslau. Die Tür zur Hauptrunde steht weit offen. Im ersten Spiel des Abends in der Gruppe C hatte Slowenien den favorisierten Spaniern ein überraschendes 24:24-Unentschieden abgetrotzt.

Es ist ein Trip an die Grenzen, von Beginn an. Bundestrainer Dagur Sigurdsson schickt seinen Stamm-Rückraum auf das Feld: Steffen Fäth in der Mitte, die Kieler Christian Dissinger (links) und Steffen Weinhold auf den Halbpositionen. Doch der schwedische Rekord-Europameister (1994, 1998, 2000, 2002) agiert in einer robusten 6:0-Deckung. Die Deutschen kommen schlecht in die Würfe, das Aufbauspiel mutet pomadig, statisch an. Dissinger muss nach drei Fehlversuchen vom Feld, es ist kaum ein Durchkommen. Auch weil Tobias Karlsson – ist er der beste Abwehrspieler der Welt? – die Abwehr der „Tre Kronor“ führt wie ein Dirigent sein Orchester. Wenn die feinen Spitzen auf den Halbpositionen nicht fruchten, lässt Karlsson die groben Pauken aufbrausen. Bis zum 6:8 (11.) bekommt Deutschland vier Siebenmeter zugesprochen, Tobias Reichmann zeigt sich nervenstark.

Dann wiederholt sich die noch so junge EM-Geschichte. Waren es im Spiel gegen Spanien verflixte sieben Minuten, die dem deutschen Nationalteam das Genick brachen, sind es jetzt immerhin fünf, die Schweden auf 14:10 davonziehen lassen (23.). Einfache Fehler, schlechte Entscheidungen, es ist ein Trip an die Grenzen. Solche, die der magische Mattias Andersson setzt. Rune Dahmke scheitert bis zur 27. Minute gleich dreimal in Folge. Und auf der anderen Seite? Carsten Lichtlein enttäuscht schon wieder. Dann ist er da: Andreas Wolff kommt auf das Feld (10.), kommt besser ins Spiel. Ganz anders als Christian Dissinger, als Steffen Weinhold, der trotz Gehirnerschütterung spielt. Die defensive Deckung versinkt in Ratlosigkeit, muss tatenlos den Treffern vom halbrechten Flensburger Johan Jakobsson zusehen. Der blutjunge Rückraum mit Jesper Konradsson (Jahrgang 1994), Viktor Östlund (1992) und später Lukas Nilsson (1996), dessen Transfer zum THW Kiel – laut schwedischen Medien schon in diesem Sommer – nach Informationen unserer Zeitung am Dienstag bekannt gegeben werden soll, zieht sein Ding durch.

Niclas Pieczkowski kommt auf der Mitte, dann Fabian Wiede, Martin Strobel. Sigurdsson muss sein ganzes Repertoire ausschöpfen. Mit einer 17:13-Führung gehen die Schweden in die Kabine, die blau-gelben Fans in der fast vollen Jahrhunderthalle von Breslau flippen aus. Und was passiert dann in der Kabine? Die zweiten 30 Minuten zeigen das zweite Gesicht der deutschen Mannschaft. Als hätten sich alle nur einmal kräftig geschüttelt, kommt Kapitän Steffen Weinhold, der Leader, zurück, trifft viermal in kurzer Zeit, kurbelt an. Jetzt gibt er den Ton vor. Er macht die erste Führung (21:20; 41.), bis zum 24:20 (45.) gelingt den Schweden nicht mehr viel. Deutschland bringt den Gegner vollkommen aus dem Konzept, stellt auf eine 4:2-Deckung mit offensiven Außen um: der überragend auftretende Tobias Reichmann rechts, der starke Rune Dahmke links. Und der Held des Abends? Andreas Wolff. Es könnte die EM des 24-Jährigen werden, der jetzt Paraden wie Fließbandware abliefert. Gegen Niclas Ekberg (36.), gegen Lukas Nilsson (49.), dem er auch den vielleicht entscheidenden Ball abkauft (58.), als die Partie nach einer Roten Karte gegen Christian Dissinger doch zu kippen droht, Finn Lemke einen Gegenstoß, den vermeintlich entscheidenden Ball, weit über das Tor drischt. Doch der Wolff hetzt die Schweden, raubt ihnen den Nerv. Unglaublich! Deutschland ist zurück im Turnier.

Stimmen

Dagur Sigurdsson, Bundestrainer: „Das war ein heißes Spiel, die Jungs haben großartig gekämpft und Mut gezeigt. Ich bin erleichtert und stolz, werde jetzt aber nicht den Taschenrechner herausholen. Dieser Sieg soll positiv wirken, und wir wollen Slowenien jetzt auch schlagen. Andreas Wolff war einfach stark."

Steffen Weinhold, Kapitän: „Dass wir dieses Spiel gekippt haben, ist wichtig für das Selbstvertrauen. Das war eine echte Charakterleistung. Aber darauf können wir uns nicht immer verlassen, müssen diesen Charakter von Anfang zeigen."

Rune Dahmke, Linksaußen:  „Unsere Umstellung auf die 4:2-Deckung hat die Schweden durcheinander gebracht. Jeder hat heute noch einmal fünf bis zehn Prozent draufgelegt."

Bob Hanning, DHB-Vizepräsident: „Ich habe in der Halbzeitpause in der Kabine gespürt, dass die Mannschaft dieses Spiel drehen will. Es war toll zu sehen, wie Steffen Weinhold danach noch mehr Verantwortung an sich gerissen, die Mannschaft als Leader geführt hat."

Tobias Karlsson, schwedischer Abwehrchef: „Die offensive Deckung der Deutschen und Andreas Wolff haben uns völlig aus dem Konzept gebracht – und die Deutschen zurück ins Spiel."

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Handball EM 2016 Polen
Handball EM 2016 Polen
Foto: Kann seinen EM-Turnierauftakt am Sonnabend kaum erwarten: DHB- und THW-Akteur Steffen Weinhold.

Deutschland steht im Halbfinale: Was vor dem Turnier unglaublich erschien, hat sich die deutsche Mannschaft durch ihren unbändigen Auftritt erarbeitet. Nun geht es am Freitagabend (18.30 Uhr) gegen den Ersten der Hauptrundengruppe 1, Norwegen. Und danach wissen wir mehr.mehr

Mehr aus Handball-EM 2/3