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Wie Reittherapie hilft

Chrissi im Glück Wie Reittherapie hilft

Schon in der Antike wurde die wohltuende Wirkung des Reitens auf Menschen mit (körperlichen) Handicaps erkannt. Ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts setzte sich der therapeutische Einsatz von Pferden bei orthopädischen und neurologischen Erkrankungen nach und nach durch. 1970 wurde das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) gegründet. Wir besuchten eine Reittherapiestunde in Fargau.

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Chrissi klopft Nixe glücklich den Hals. In den Therapiestunden in Fargau kann das schwerst mehrfachbehinderte Mädchen sich entspannen.

Quelle: Jessica Bunjes

Fargau-Pratjau. Chrissi juchzt, reißt die Arme hoch, strahlt. Wie ein Indianermädchen hockt sie fest gepresst auf dem Rücken der Haflingerstute Nixe, die in bravem Galopp an der Longe der Ergo- und Reittherapeutin Petra Burgtorff (Schwentinental) Runde um Runde über den Reitplatz von Familie Buhmann in Fargau dreht. Am Rande der Bahn winkt lächelnd Chrissis Mutter Heike Grothe. Sie genießt sichtbar die Momente, in denen ihr die Verantwortung für ihre schwerst mehrfachbehinderte 17-jährige Tochter abgenommen wird. Christina Grothe hat seit ihrer Geburt eine Zerebralparese, einen schweren Hirnschaden, der einhergeht mit einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung, körperlich und geistig. Seit zehn Jahren nimmt die Schönbergerin Reittherapie-Stunden.

 Das DKThR unterscheidet die Bereiche heilpädagogisches Reiten (Reitpädagogik), heilpädagogisches Voltigieren und Hippotherapie. Die therapeutische Förderung mit dem Pferd umfasst die ergotherapeutische, logopädische und psychotherapeutische Therapie. Die umgangssprachlich als Reittherapie bezeichnete, aufs Pferd gestützte Maßnahme wird zunehmend in der Pädagogik, der Psychologie und der Psychiatrie eingesetzt. Sie ist so komplex und vielfältig wie das Reiten selbst.

 Für Chrissi spielt es keine Rolle, wie der Unterricht heißt, der sie seit zehn Jahren auf körperlicher, geistiger und sogar sprachlicher Ebene stabilisiert. Nixe schenkt ihr einmal in der Woche eine halbe Stunde Glück. „Es macht viel Spaß“, verkündet das Mädchen glucksend, das so viel jünger aussieht, als ihr Alter vermuten lässt. Chrissi lacht, als sie Nixe den Hals klopft, stolz, ein kleines Hindernis an der Longe überwunden zu haben. Sie mag die Wärme, die Nixe ihr gibt und die ihr just ins Gesicht pustet. „Und sie mag es, wenn es schnell wird“, erzählt die Ergotherapeutin Petra Burgtorff, deren zweites berufliches Standbein die Reittherapie ist und die sich auf die Arbeit mit Menschen mit Hirnschädigung spezialisiert hat. Neun Schüler hat sie in Fargau, zwischen vier und 40 Jahren. Stallchefin Christina Buhmann erklärt: „Wir haben vor Jahren befürchtet, unser damals ungeborenes Kind komme krank zur Welt. Das war zum Glück nicht so. Doch seither möchten wir etwas zurückgeben, bieten die Reittherapie an und geben den Eltern ein Zuhause.“

 „Die Reittherapie mit einem speziell ausgebildeten Pferd spricht den Menschen ganzheitlich an, wirkt sich bei motorischen, geistigen und psychischen Entwicklungsdefiziten sowie mangelnder sensorischer Wahrnehmung, Verhaltensauffälligkeiten und Körperbehinderungen positiv aus“, erläutert Therapeutin Petra Burgtorff. Kinder, Jugendliche und Erwachsene lernen, mit Angst und Frustration umzugehen. Ihr Selbstvertrauen, ihre Selbsteinschätzung und die Konzentration werden gestärkt, der Umgang mit Aggressionen und das soziale Verhalten positiv beeinflusst.

 Für sie und die schon 24 Jahre alte Nixe bedeuten die intensiven Stunden mit den kleinen und großen Patienten zuweilen, eine Menge Geduld aufbringen zu müssen. „In keiner anderen Therapie hat man einen vergleichbaren Partner. Das Pferd ist ehrlich und direkt, gibt eine klare Rückmeldung. Chrissi musste zum Beispiel lernen, zur Ruhe zu kommen. Wenn sie auf Nixe zustürmt, schreckt das Pony zurück.“ Ganz „tief ins Emotionale“ gehe die Beziehung zwischen Patient und Pferd, sagt Burgtorff, die jeweils individuelle Ziele setzt. Für Chrissi ist das, den in den vergangenen zehn Jahren erreichten Status quo zu halten. „Man muss realistisch sein, sie wird nie alleine reiten können.“ Mutter Heike Grothe lächelt. Für ihr Kind ist das, was sie mit Nixe hat, ganz, ganz viel.

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