15 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Bronze war für den DSV Gold wert

Segel-Bilanz in Rio Bronze war für den DSV Gold wert

Bis tief in die Nacht feierten nicht nur die Kieler Erik Heil und Thomas Plößel ihre Bronzemedaille. Das ganze Segelteam war angerückt im Deutschen Haus, wo sie es – angetrieben von den Pacemakern der Hockey-Männer – ordentlich krachen ließen.

Voriger Artikel
„Milan“ zuerst in Kopenhagen
Nächster Artikel
„Diese Regatta hatte alles zu bieten“

Drei strahlende 49er-Duos bei der Siegerehrung: Thomas Plößel und Erik Heil freuen sich mit den Neuseeländern Blair Tuke/Peter Burling sowie den Australiern Iain Jensen/Nathan Outteridge (von rechts) über ihre Medaillen.

Quelle: Nic Bothma/dpa

Rio de Janeiro. Aus gutem Grund: Die schlechteste Segel-Olympiabilanz seit zwölf Jahren war um Haaresbreite abgewendet worden. „I go crazy“ dröhnte es aus den Boxen der Kellerdisko im Deutschen Haus, wo der harte Kern der Olympioniken und ihres Anhangs bis in die frühen Morgenstunden abrockte. Beachvolleyball-Queen Laura Ludwig hätte immer noch schreien können vor Glück, aber auch die Hockeysieger des kleinen Finales waren letztlich zufrieden und ließen ihre Bronzemedaillen im Schein der Diskolichter funkeln.

Die besten deutschen Segler waren gegen halb neun eingetroffen und genauso frenetisch empfangen worden wie alle, die zuvor auf dem Podium standen. Ein Interview jagte das nächste. „Wir trauern Silber schon noch nach“, sagten Heil und Plößel, „aber Hauptsache Treppchen.“ Nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung zählen eben fast nur Medaillen, sonst wenig. „Wir können über einen Förderzeitraum auch mal die Augen zudrücken und den Aufbau neuer Erfolgsstrukturen beobachten“, sagt DOSB-Präsident Alfons Hörmann, „aber irgendwann muss ein Fachverband dann auch liefern.“

Zielwettkampf war immer Rio

Insofern war das 49er-Bronze für den Deutschen Segler-Verband (DSV) Gold wert. Das schon vor London 2012 gegründete Sailing Team Germany hatte nach den medaillenlosen Spielen dort immer erklärt, Zielwettkampf sei Rio. Doch hier drohte bis vorgestern der Absturz. Nur RS:X-Surfer Toni Wilhelm als Sechster und die Kieler 49er-FX-Crew Victoria Jurczok/Annika Lorenz im Medalrace lagen halbwegs im Soll.

Alle anderen verpassten die sogenannte Endlaufchance, was vor den Spielen Qualifikationskriterium ist. „Das war schon enttäuschend“, gibt Chefcoach David Howlett zu, „da haben wir mehr erwartet.“ Dass zum Beispiel der Münchener Ferdinand Gerz mit neuen Vorschoter Oliver Szymanski (Kiel) bei seinem zweiten Olympia-Start nicht über Platz elf hinausgekommen sei, war „zu wenig“. Howlett: „Er hatte sein Freispiel in Weymouth vor vier Jahren und hätte die Erfahrung nutzen sollen.“

Gleichwohl mahnt der Brite zu Geduld. „Bei uns in Großbritannien hat es zehn bis zwölf Jahre gedauert, bis wir an der Weltspitze waren.“ Davon ist Deutschland indes weiter meilenweit entfernt. Nur Rang 15 in der Nationenwertung von Rio.

Hoffen auf Tokio 2020

Trotzdem hofft Howlett, dass die meisten Aktiven jetzt weitermachen bis Tokio 2020, obwohl der Trainingsaufwand logistisch und finanziell ein noch größerer werden wird. „Die Sieger haben alle viele Wochen auf dem Olympiarevier trainiert“, weiß Howlett, „den Weg müssen wir auch gehen.“

Erik Heil und Thomas Plößel wollen ihre Zukunft in Ruhe besprechen. „Ich glaube schon, dass wir weitermachen“, sagt der Steuermann, „es gibt ja noch andere Edelmetallfarben als Ziel.“ Auch der Wahl-Kieler Philipp Buhl hat seinen 14. Platz inzwischen verdaut und richtet den Blick sportlich nach vorn.

Dabei erscheint die weitere Förderung noch ziemlich ungewiss. Der Vertrag zwischen dem Sailing Team Germany und dem DSV läuft Ende des Jahres aus. Die Konzeptwerft um Oliver Schwall hat die Nationalmannschaft vermarktet und mit Audi und SAP potente Sponsoren besorgt. Die werden nicht zwingend abspringen, aber ein konkretes Sponsoringgesuch liegt in Ingolstadt angeblich noch nicht vor.

Nur mit öffentlichen Mitteln, wie es früher war, dürfte der Weg nach Japan steinig werden. Wenn das Bundesinnenministerium und der DOSB die Sportförderung auf den Prüfstand stellen, bedeutet das selten für die Fachverbände mehr Geld.

DSV-Präsident Andi Lochbrunner und der neue Generalsekretär Goetz-Ulf Jungmichel haben mit dem Umzug der Leistungssportabteilung von Hamburg nach Kiel schon Weichen gestellt. Jetzt sind sie gefragt, die kommende Olympiade finanziell abzusichern. Mehr noch, sie werden den Sportlern auch helfen müssen, frühzeitig Perspektiven für die Zeit nach der aktiven Karriere zu finden. Sonst drohen hoffnungsvolle Kandidaten, wie 2012 die Surferin Moana Delle und Laser-Segler Simon Grotelüschen den Sport frühzeitig an den Nagel zu hängen, um sich dem Berufsleben zu widmen.

Von Andreas Kling

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

Bei SmartBets findest du alle Wettquoten und Buchmacher der 1. Bundesliga.
Mehr zum Artikel
Olympia in Rio
Foto: Jubelnde Fäuste für Bronze: Erik Heil (links) und Thomas Plößel holen als deutsche 49er-Segler die Medaille.

Die erste deutsche Segelmedaille seit acht Jahren geht nach Kiel. In einem Herzschlag-Finale holten sich Erik Heil und Thomas Plößel am Donnerstagabend in Rio „Bronze“ in der 49er-Klasse.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Segelsport-News 2/3