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„Das ist alles nicht mehr lustig“

Segler Kröger vor Paralympics „Das ist alles nicht mehr lustig“

Im September geht es für die Segler vor Rio zum letzten Mal um paralympische Medaillen, für 2020 wurde das Segeln aus dem Programm gestrichen. Heiko Kröger im 2.4mR sowie Lasse Klötzing, Siegmund Mainka und Jens Kroker im Sonar kämpfen um einen goldenen Abschluss.

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Gut sichtbar ist der Kiel des 2.4mR im sauberen Wasser der Kieler Förde, in Rio sieht das anders aus: Paralympics-Segler Heiko Kröger prangert seit Jahren die Verhältnisse in der Guanabara Bay an, in der massenhaft Abfälle und Schlimmeres schwimmen.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Doch der Ärger über das Revier schwebt über den Spielen. „Wenn man das Wasser austauschen würde, wäre das ein tolles Revier“, sagt Kröger, der am 26. Juni seinen neunten Kieler-Woche-Sieg und den vierten internationalen deutschen Meistertitel einfuhr, über die Guanabara Bay vor Rio de Janeiro. Doch genau das Wasser ist das Problem: Multiresistente Keime, Abfälle, menschliche Überreste schwimmen in der 380 Quadratkilometer großen Bucht. „Die Wahrscheinlichkeit, während der Regatta krank zu werden, liegt im zweistelligen Prozentbereich“, sagt der Paralympicssieger von 2000. „Anderswo sind es vielleicht 0,5 Prozent.“ Da wiegt es noch schwerer, dass die 2.4mR-Segler quasi auf Höhe der Wasserlinie segeln, regelmäßig Wasser ins Gesicht bekommen. Kröger hat schon lange gegen das Revier Position bezogen, gilt in Deutschland ohnehin als Stimme des Segelns. Knapp einen Monat vor Olympia und zwei vor den Paralympics ist die Zeit, ihn zu erhören, abgelaufen. „Jetzt ist es zu spät, aber die Entwicklung war abzusehen – und zwar seit Jahren“, sagt er.

 Viel haben Brasilien, Rio und der Segelweltverband versprochen, wenig bisher gehalten. Auf seinem Besuch während der Kieler Woche erneuerte Andy Hunt, CEO von World Sailing, die Zusage, das Revier mit speziellen Schiffen zu reinigen. „Aber die sind auch nicht das Wahre: zu klein und an den falschen Stellen, wenn sie überhaupt mal fahren“, erklärt Kröger. Das bestätigte auch DSV-Headcoach David Howlett: „Da liegen 13 Boote an Land, weil es kein Benzin gibt.“

 Der Staat Brasilien ist in arge Schieflage geraten, hat kaum noch Geld, um derartige Aktionen zu finanzieren. Das ist auch ein Grund für die hohe Kriminalitätsrate in Rio. „Die Leute bekommen keine Sozialleistungen mehr, da ist es doch klar, dass die mal ans Wasser kommen und die Segler und Touristen darum bitten, das eine oder andere auszuhändigen – mit Waffengewalt“, sagt Kröger. „Das ist alles nicht mehr lustig. Überfälle auf Sportler, Schießereien, Zika-Virus, das Wasser. Das tut dem Segelsport insgesamt nicht gut“, so der 50-Jährige. Neben Zika ist auch das Denguefieber ein Problem, die Sportler werden in Deutschland dagegen geimpft.

 Die deutsche Sonar-Crew unterstützt Krögers Meinung. „Die Situation mit dem Wasser ist sehr, sehr traurig“, sagt Jens Kroker. Der 47-jährige Paralympicssieger von 2008 lebte fast fünf Jahre in Brasilien. „Das Geld, das für die Säuberung des Reviers da war, ist irgendwo versackt“, sagt er. „Ein Regime wie das in China kann dann die Fischer verpflichten, Algen zu sammeln, das macht Brasilien nicht.“ In China sei vor den Spielen außerdem viel Chemie eingesetzt worden, auch nicht gerade erstrebenswert. „Als unser Boot wieder in Deutschland war, habe ich etwas davon auf den Arm bekommen – ich hatte ein halbes Jahr lang eine Entzündung“, beschreibt Kroker.

 Anders als in Kiel – Kröger: „Hier kann man das Wasser trinken, das mach ich jederzeit!“ – bangen die Segler darum, gesund durch die Wettkämpfe zu kommen. Sowohl im 2.4mR als auch im Sonar soll dann eine Medaille her. Während Kröger seit fast zwei Jahrzehnten in der Weltspitze segelt, müssen sich Klötzing, Kroker und Mainka erst noch finden. Denn Klötzing, zuvor Krögers Konkurrent um das Paralympics-Ticket im 2.4mR, stieg erst Ende April beim Weltcup vor Hyères dazu, ersetzte den erkrankten Robert Prem. „Die Kommunikation an Bord läuft noch alles andere als flüssig“, sagt Klötzing. Kroker räumte seinen Posten als Steuermann zu Gunsten Klötzings, muss sich jetzt etwas zurückhalten, „aber ich kann mich dadurch endlich auf die Taktik konzentrieren.“ Für Siegmund Mainka, den dritten Mann an Bord, nicht immer leicht: „Ich bin die Crew und habe zwei Steuerleute!“, beschreibt er die Situation lachend. Ganz lassen sich die Athleten den Spaß am Segeln trotz der Umstände eben nicht verderben.

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Ein Artikel von
Niklas Schomburg
Sportredaktion

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