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Kieler Tatort: Zwei Männer, ein Lebenskampf
Tatort Kiel

„Borowski und das Fest des Nordens“ Kieler Tatort: Zwei Männer, ein Lebenskampf

Der 30. Kieler Tatort „Borowski und das Fest des Nordens“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) will mehr sein als ein Krimi. Keiner ist stabil in diesem „Tatort“, alle handeln irrational, und das Fest des Nordens 2015 sorgt nur als dünne, reale Rummel-Kulisse für eine permanent überreizte Stimmung.

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Axel Milberg auf der Kieler Woche

Nach einem Brand in seiner Wohnung schleppt sich Borowski (Axel Milberg, li.) auf die Straße. Die Kollegen tippen auf einen Molotov-Cocktail, den jemand in seiner Wohnung entzündet hat.

Quelle: NDR/Christine Schroeder

Kiel. Ein Mann geht durch eine Wohnung, vielleicht seine, und die Handkamera folgt ihm auf Schritt und Tritt. Der Mann ist blass, unrasiert. Dann lärmt es an der Wohnungstür. Ein Mädchen, ein Junge und ihre Mutter kommen nach Hause. Sehen den Mann, erstarren. „Papa, was machst du denn hier?“ Er umarmt beide Kinder, sie zögern. Das Gesicht der Mutter spiegelt puren Schrecken. Im Flur stellt sie ihn zur Rede. „Was willst du hier?!“ Sein Blick wird hart. „Meine Kinder sehen.“ Sie schreit: „Du warst ein halbes Jahr nicht da!!“ Er könnte sofort zuschlagen, hält sich zurück. Ihr Schreien ist Angst, seines Wut.

Der Mann läuft durch Kiel, die Handkamera folgt ihm. Er trinkt. Raucht. Verlässt die trübe Kneipe. Draußen ist es nicht viel heller. Ein paar bunt Verkleidete: Ach ja, Kieler Woche. Das Fest des Nordens. Nichts ist festlich in diesem Kieler „Tatort“ Nummer 30, außer einer Beerdigung, der friedlichsten Szene des Films und eine der wenigen, in denen Jakob Beurle (Kamera) auf Handkamera verzichtet hat. Das Drehbuch von Markus Busch entstand nach einer Vorlage von Henning Mankell für den NDR. Der schwedische Romanautor („Kommissar Wallander“) starb 2015. Im gleichen Jahr, während der Kieler Woche, wurde „Borowski und das Fest des Nordens“ gedreht.

30. Kieler Tatort - ein humorfreier Krimi

Dass dieser humorfreie „Tatort“ mehr sein will als ein Krimi, fühlt man schnell. Im Zentrum steht Roman Eggers, 41, ein explosiver, zur Gewalttätigkeit neigender Typ, differenziert und überzeugend dargestellt von Misel Maticevic. Seit einem Jahr ohne feste Adresse, irrlichtert der arbeitslose Assistent eines Sprengmeisters durch Kiel. Ein Zerstörungsprofi. Ein Mann im Krieg, auch mit sich selbst. Dort, wo er zeitweise wohnt, erschlägt er seine Geliebte Maren, weil sie ihn mit Küssen überschüttet und nicht von ihm ablässt. Dann weint er.

Er hat Schlag bei Frauen, sie lassen ihn kalt. Einzig seine drei Kinder von zwei Frauen wecken Zärtlichkeit und Sanftmut in ihm. Er träumt davon, mit ihnen wegzugehen. Doch Schritt für Schritt manövriert er sein von Schulden und wachsender Schuld verletztes Männerleben in die Ausweglosigkeit.

„Und? Wie geht es Ihnen?“ fragt Klaus Borowski (Axel Milberg) seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli). „Hitze und Kieler Woche – beschissen“, antwortet sie. Schon am Tatort geraten beide aneinander, als Borowski mit kaltem Blick auf Maren Reeses Leichnam das Tat-Motiv erklärt: „Sie hat ihn genervt, und er hat ihr das Licht ausgeknipst.“ Später wird Borowski Brandt anbrüllen: „Ich könnte Sie auch dreimal am Tag in die Förde werfen – das macht noch keinen Mörder aus mir! Dann glauben Sie doch daran, dass dies ’ne Bombe ist, Sie blöde Kuh!“ Kein Wunder eigentlich, dass die Figur Sarah Brandt mit diesem „Tatort“ aussteigt, auch wenn sich die Entscheidung dafür, wie Sibel Kekilli sagt, erst nach den Dreharbeiten konkretisiert habe.

Borowski trinkt, raucht und randaliert

Keiner ist stabil in diesem „Tatort“, alle handeln irrational, und das Fest des Nordens 2015 sorgt nur als dünne, reale Rummel-Kulisse für eine permanent überreizte Stimmung. Brandt nimmt neue Anti-Epileptika, Borowski trinkt, raucht und randaliert, der Täter berauscht sich, andere auch. Als Betrunkene unter Sarah Brandts Wohnung auf der Straße grölen, geht sie mit einem Golfschläger schreiend auf die Gruppe los.

Bisweilen wirken die offenen Szenen und abgebrochenen Dialoge, als habe die Macher des „Tatort“ die Banalität einer Mordermittlung gelangweilt. Was sie, falls es so war, stattdessen tun, tun sie konsequent. Problematisch aber ist, wie Drehbuch und Regie die Charaktere Borowski und Brandt demolieren. Dem Ermittler-Duo wird beinahe jede Professionalität genommen und an deren Stelle die extreme Emotionalität eines Pärchens im Geschlechterkampf gesetzt. In manchen Szenen wirken Milberg und Kekilli, als ob sie das nur spielen, weil sie mussten, nicht aus Überzeugung. Ganz anders Misel Maticevic und Lilly Barshy, Darstellerin seiner zwölfjährigen Film-Tochter Luisa, die es beide souverän schaffen, die innere Wahrheit ihrer Figuren zu beschwören.

Hier geht es zum Trailer.

30. Kieler Tatort

Kieler Tatort: „Borowski und das Fest des Nordens“

„Borowski und das Fest des Nordens“ ist am 18. Juni, 20.15 Uhr, im Ersten und in Kiel synchron im Studio-Filmtheater zu sehen.

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