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Milberg-Interview Borowski kann auch anders

Der Schauspieler Axel Milberg (59) hat sich einem ungewöhnlichen Projekt gewidmet und einen Dokumentarfilm über Moorlandschaften eingesprochen. Der Film „Magie der Moore“ kommt am Donnerstag in die Kinos. Milberg schildert seine Erfahrungen im Interview.

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Die Schauspieler Lars Eidinger, Sibel Kekilli und Axel Milberg (von links) in der Kieler „Tatort“-Folge „Borowski und der stille Gast“: Die Fortsetzung läuft am 2. Oktober auf dem Filmfest Hamburg und am 3. Januar im Ersten.

Quelle: Georg Wendt

Kiel. Fünf Jahre Drehzeit hat der bayerische Geologe und Biologe Jan Haft als Regisseur in den rund anderthalbstündigen Film investiert. Das brachte ihm Milbergs Respekt ein, wie der Schauspieler und „Tatort“-Kommissar agt.

 Wie sind Sie zu dem Projekt gekommen? Es ist ja thematisch einigermaßen ungewöhnlich …

 Absolut. Aber ich habe sofort gesagt: Das interessiert mich. Ein Naturfilm über Moore — im Kino? Das ist aber mutig. Die Truppe, die diesen Film über fünf Jahre gemacht hat, hatte sofort meine Sympathie. Aber der Film ist eine Sensation. Ungeheuer opulent und bunt. Aber Jan Haft, der Regisseur, und sein Team sind Idealisten, die das, was vor unserer Türe ist, liebevoll über Jahre an 500 Drehtagen porträtiert haben und uns dazu einladen. Das hatte für mich so viele Sympathiepunkte, weil das vollkommen verrückt ist — auch kaufmännisch.

  Ist es eine große Herausforderung für Sie, wenn Sie Ihrer Gestik und Mimik beraubt werden und nur mit Ihrer Stimme arbeiten können?

 Es fällt mir sogar leichter, weil ich als Körper sozusagen unbeobachtet da rumfläzen kann vor dem Mikro und meine Stimme verschmilzt mit dem, was ich da sehe. Das mag ich wahnsinnig gerne, und ich lerne bei solchen Projekten immer so viel, zum Beispiel, als ich für Arte eine Dokumentation über Winston Churchill gesprochen habe.

  Was hat Sie bei all den Informationen über Moore am meisten überrascht?

 Dass die so bedroht sind. Ich dachte, die glucksen so vor sich hin, sind da und werden – zumindest in Europa – nicht weggemacht. Es gibt ja genug urbanisierte Landschaft drumrum. Ich war schon erschrocken, zu hören, dass nur noch ein Prozent der Moorlandschaft in Deutschland wirklich intakt ist.

 Ist das Moor für Sie ein mystischer Ort?

 Ja. Das erste Drittel des Films spielt mit dem düsteren Image des Moores. Das Moor ist ja so ein bisschen wie die Rumpelkammer im Haus, von der man die Tür ungern aufmacht. Da spukt es, da sind Spinnenweben und da kann man versinken. Bei Edgar Wallace, Edgar Allan Poe und so weiter spielt das ja auch eine Rolle. Ich als Kieler hab zum ersten Mal Moorleichen gesehen im Schloss Gottorf. Da liegen diese schwarzen Skelette zum Teil noch mit ihrer Lederkleidung und haben manchen ahnungslosen Schüler traumatisiert. Es ist doch faszinierend, dass es inmitten unserer landwirtschaftlich kultivierten Umgebung heute noch diese schwarzen Löcher gibt, Urlandschaften, die heute noch so aussehen wie seit der letzten Eiszeit. Es ist wichtig, dass wir das Interesse an den Landschaften, die uns umgeben, nicht verlieren. Auch da gibt es Schönheit und Drama.

  In Film und Fernsehen scheint heute alles immer schneller gehen zu müssen. Wie hat sich eigentlich die Arbeit am „Tatort“ verändert?

 Wir haben ein, zwei Drehtage weniger als vor zehn Jahren, das erfordert einen gewissen sportlichen Ehrgeiz beim Drehen. Wichtig sind dabei aber eine gute Vorbereitung und vor allem ein Drehbuch, das top sein muss. Das ist manchmal schwierig…

  … weil die Vorlagen nicht genug durchdacht sind?

 Ja, so viele gute Drehbuchautoren scheint es nicht zu geben in Deutschland, und die guten sind auf Jahre ausgebucht. Außerdem werden inzwischen ja Hunderte von Krimis gedreht. Das heißt, das Gelände ist total vermint. Man kann ja kaum mehr irgendeine individuelle Geschichte erzählen, die nicht schon 34-mal vorgekommen ist. Jede Zeitungsnotiz scheint heute verblüffender als ein aufwendig gedrehter Krimi. Vor dem Hintergrund ist der unsichtbare Teil der Vorbereitung, das, was vor den Dreharbeiten passiert, heute sehr viel wichtiger geworden.

 Gerade mit Ihrem Kieler „Tatort“ und dem „stillen Gast“ haben Sie das Verblüffende allerdings geschafft, als Lars Eidinger als Mörder davonkam. Am 3. Januar 2016 kommt jetzt die Fortsetzung. Nehmen Sie diesen Verblüffungs-Effekt damit nicht zurück?

 Wir hatten gar nicht vor, einen zweiten Teil zu drehen, aber Deutschland war in Aufruhr. Es gab Schlagzeilen in der „Bild“ nach dem Motto „Wer ist dieser fiese Mörder“ und „Warum schafft die Polizei es Sonntagabend nicht mehr, Verbrecher festzunehmen?“ Wir wollten eigentlich gar nicht darauf reagieren, aber dann haben wir uns irgendwann doch zusammengesetzt und nach einer Möglichkeit gesucht, das Ding zu toppen. Also: Mal schauen… Der Film läuft am 2. Oktober in Hamburg auf dem Filmfest und am 3. Januar in der ARD.

  Ein anderes Projekt, an dem Sie kürzlich beteiligt waren, ist ein Film über Beate Zschäpe und den NSU-Prozess. Warum machen Sie da mit?

 Ich bin vorsichtig mit dem Genre des Doku-Dramas, weil es oft so didaktisch und oft auch so ein bisschen dröge zu werden droht – aber nicht bei dem Regisseur Raymond Ley. Der verwebt die Ebenen so geschickt, dass es eine Freude ist. Das ist das eine. Das andere: Kaum ein Vorgang in Deutschland ist so relevant zu erzählen wie die Morde der rechtsextremen NSU-Bande. Damit verbacken ist das Versagen des Verfassungsschutzes und der Ermittler. Schrecklich! Ein düsteres Kapitel. Da hat sich Deutschland nicht mit Ruhm bekleckert.

 Interview: Britta Schultejans

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