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Warum ist Mathe ein Angstfach?

Interview Warum ist Mathe ein Angstfach?

Eine der bedeutendsten deutschen Einrichtungen zur Bildungsforschung feiert in dieser Woche ein rundes Jubiläum: das Kieler Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) besteht seit 50 Jahren.

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Prof. Olaf Köller, geschäftsführender wissenschaftlicher Direktor, nimmt das Jubiläum seines Instituts zum Anlass für eine mitunter kritische Bilanz.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Zum runden Geburtstag lädt das Institut am 4. März zu einem festlichen Empfang an der Uni ein. Das Datum ist für IPN-Direktor Prof. Olaf Köller aber auch Anlass zu einer mitunter kritischen Bilanz.

Das IPN bemüht sich seit vielen Jahren um eine Verbesserung des Unterrichts in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Nun hat aber gerade erst eine Bertelsmann-Studie wieder gezeigt: Bei der Schüler-Nachhilfe wird mit Abstand das meiste Geld in Mathe-Förderung investiert. Heißt das, die Bemühungen des IPN waren fruchtlos?

Das kann man natürlich so nicht sagen. Zunächst lag ja auch der Schwerpunkt auf den Naturwissenschaften. Vor der Gründung des IPN gab es in Deutschland gar keine Lehrpläne für die naturwissenschaftlichen Fächer. Heute sind die Inhalte und Ziele naturwissenschaftlichen Lernens bundesweit systematisiert. Mit Erfolg, wie es auch die Pisa-Studien belegen. Das ist mit ein Verdienst des IPN. Von Kiel gingen wichtige Impulse aus für die Unterrichtentwicklung in ganz Deutschland.

Trotzdem ist Mathematik ein „Angstfach“ geblieben. Wie ist das zu erklären?

Ein frühes Problem mag darin liegen, dass in Grundschulen Mathematik zu oft fachfremd unterrichtet wird. Lehrkräfte ohne fundierte mathematische Ausbildung, erreichen im Mittel auf Seiten der Schüler geringere Lernstände, Denkfehler treten gehäuft auf. Geringere Lernstände führen in in der Folge dazu, dass das Lernen neuer Inhalte und Kompetenzen schwerer wird und Misserfolge wahrscheinlicher sind. Den Kindern Erfolge sichtbar zu machen, ist daher eine Aufgabe, die Angst reduzierend ist. Sie gelingt Lehrern umso besser, je besser sie ausgebildet sind.

Solche Denkfehler verfestigen sich bei den Schülern offenbar im Laufe ihrer Schullaufbahn. So beklagen zum Beispiel die Universitäten bei immer mehr Studienanfängern erhebliche mathematische Defizite. Was läuft hier schief?

Nach meiner Einschätzung liegt die Messlatte im Fach Mathematik in den Gymnasien zu hoch, gleiches gilt für die Erwartungen der Professoren an Universitäten. Fakt ist: Zwei Drittel der Oberstufenschüler erreichen die Lernziele im Fach Mathematik nicht. Die Folgen davon sind unter anderem hohe Studienabbrecherquoten. In den Ingenieurswissenschaften liegt die Quote über 40, in Physik oder Chemie bei rund 35 Prozent.

Und welchen Schluss ziehen Sie daraus?

Außer einer Verbesserung von Methodik und Didaktik an Gymnasien könnte es zum Beispiel auch sinnvoll sein, die mathematischen Lernziele der Realität anzupassen und abzusenken.

Dagegen würde der Philologenverband aber heftig protestieren. Und die Studienanfänger wären zudem noch schlechter vorbereitet.

Die Realität ist aber doch so, dass die Schulmathematik mit der an Mathematik an Universitäten wenig gemeinsam hat. Das alltagsnahe Arbeiten mit der Mathematik in der Schule wird abgelöst durch ein abstraktes, formales Eintauchen in die Welt der Mathematik an der Universität. Die Lösung liegt meines Erachtens eher in Vorbereitungskursen an Universitäten oder ganzen Vorbereitungssemestern vor Studienbeginn.

Wo sieht das IPN angesichts dieser Lage nun Handlungsbedarf?

Den sehen wir vor allem in den Oberstufen. Wir wissen extrem wenig über die Qualität des Unterrichts dort. Der Zugang zu den Schulen ist für uns Forscher in der gymnasialen Oberstufe aber nicht leicht. Oft heißt es, Abiturienten dürften nicht in ihrer Vorbereitung gestört werden. Die Studien wie Lisa in Schleswig-Holstein zeigen aber, dass in der Oberstufe Handlungsbedarf besteht. Wir müssen den Gymnasien allerdings auch zugute halten, dass sie viel verkraften mussten: so die G8-Reform oder die Öffnung für sehr viel mehr Schüler. Trotzdem würden wir diese Baustelle gern umgehend beseitigen.

Interview: Jürgen Küppers

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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