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Uni Kiel Vom Hörsaal ins Handwerk
Uni Kiel Vom Hörsaal ins Handwerk
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20:31 15.11.2016
Von Martina Drexler
Marvin Steffen begann nach einer Kursänderung eine Ausbildung zum Tischler bei „Kubus“ in Eckernförde. Quelle: hfr

Die Handwerkskammern Schleswig-Holsteins (Flensburg und Lübeck) bieten Abbrechern Ausbildungsplätze an – auch in der Hoffnung, künftige Führungskräfte für die Nachfolge im Betrieb zu begeistern.

 Es gibt viele Gründe, warum junge Männer und Frauen nicht bis zum Abschluss studieren: Oft sind es falsche Erwartungen an ein Fach mit der häufigen Konsequenz, die Anforderungen nicht erfüllen zu können. Dazu kommen fehlende Motivation, Probleme mit der Finanzierung, mit Prüfungen oder eine neue berufliche Orientierung. Nur sieben Prozent führen familiäre Schwierigkeiten etwa mit der Kinderbetreuung oder Krankheit an. Litten Studienabbrecher früher noch oft unter dem Stigma des Versagens, hat sich dies durch den demografischen und gesellschaftlichen Wandel mit ständig neuen Anforderungen verändert: 40 Jahre lang im gleichen Beruf, womöglich noch im selben Unternehmen, wird es künftig kaum noch geben.

 Im Handwerk, das große Nachwuchsprobleme hat, sind Studienabbrecher gefragt. „Ältere Auszubildende haben eher eine Vorstellung davon, was sie wollen. Schließlich haben sie schon festgestellt, was sie nicht wollen. Sie haben Lebenserfahrung und bringen Ideen ein“, sagt etwa Matthias Jacquet, Inhaber der Tischlerei „Kubus“ in Eckernförde. Bei ihm arbeitet Marvin Steffen seit August 2015 als Tischler-Azubi. Der 28-Jährige studierte Psychologie in Chemnitz und Kiel, bis ein Motorradunfall und weitere Schicksalsschläge zum Studienabbruch führten. Steffen, der neben der Lehre im Blocksystem Betriebswirtschaft studiert, hat viel vor: Er plant, auch den Meister zu machen, danach sein Psychologiestudium wieder aufzunehmen und abzuschließen. Sein Traum ist es, das „Handwerk als Therapeut mit Geisteswissenschaften verbinden zu können.“ Holz zuzuschneiden, Möbel zu bauen, Fenster und Türen herzustellen – nach Jahren der Theorie macht es ihm „Spaß, die Fähigkeiten im Handwerk zu erlernen“, auch wenn er zugibt, dass die Umgewöhnung nicht leicht war: Denn auch das höhere Alter schützt einen Auszubildenden nicht davor, während der drei Lehrjahre im Betrieb „am Ende der Kette“ zu stehen. Und trotzdem: „Das Handwerk ist eine eigene Sparte“, sagt Steffen mit viel Anerkennung.

 Allein im Bereich der Handwerkskammer Flensburg, die den Norden Schleswig-Holsteins erfasst, haben derzeit 470 Auszubildende ein Abitur oder eine Fachhochschulreife. Jeder Vierte, so schätzt die Kammer, hat bereits einige Semester studiert. Im Rahmen des Projekts „Kursänderung“ ließen sich seit dem Start Februar 2015 landesweit insgesamt 92 Männer und wenige Frauen nach dem Studienabbruch über Perspektiven im Handwerk beraten. 21 davon haben Ausbildungsverträge unterschrieben.

 Während ihre früheren Studiengänge vom Lehramt bis zur Archäologie völlig unterschiedlich ausfielen, ist für die meisten der Tischler-Beruf der klare Favorit. Vermittelt wurden nach Angaben von Beraterin Iris Mainusch (Kammer Flensburg) unter anderem auch Ausbildungen im Hochbau, Maschinenelektronik, Metallbau, Anlagenmechanik und Informationselektronik. „Ein Studium zu beenden, sollte nicht als Scheitern begriffen werden. Es zeigt nur, es ist für mich nicht der richtige Weg. Ich muss nach links oder rechts abbiegen“, sagt Mainusch. Das Handwerk biete sehr gute Aufstiegsmöglichkeiten, besitze eine hohe Durchlässigkeit, große Karrierechancen und bringe bereits als Geselle fast so viel Gehalt wie nach einem Bachelorabschluss. Mainusch (53) weiß, wovon sie spricht: Nach einer Lehre als Großhandelskauffrau und einem Studienabbruch arbeitete sie zehn Jahre in verschiedenen Bereichen unter anderem als Werbetexterin, bis sie im zweiten Anlauf ein anderes Studium in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften erfolgreich absolvierte.

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