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Kleines Haus mit großer Gemeinschaft

Freiligrathstraße Kleines Haus mit großer Gemeinschaft

Das rote Haus in der Freiligrathstraße nahe dem Schrevenpark hat eine besondere Geschichte: Das erste gemischte Kieler Studentenwohnheim wird von der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft betrieben, die in diesem Jahr 60 Jahre alt wird.

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Student Lukas Fröhlich (22) genießt das Leben im Ferdinand-Tönnies-Haus seit drei Semestern.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Benannt ist sie nach dem Gründer der Soziologie, dessen 80. Todestag sich im April jährt. 2016 ist auch ein Schicksalsjahr für Dr. Uwe Carstens: Der 66-Jährige scheidet nach 24 Jahren als wissenschaftlicher Referent, Geschäftsführer und Heimleiter aus.

130 Mitglieder zählt die Tönnies-Gesellschaft, die sich nicht nur der Erforschung des geistigen Erbes von Ferdinand Tönnies verschrieben hat, sondern auch der sozialen Verantwortung, Studierenden über Beiträge und Spenden ein bezahlbares Dach über dem Kopf zu verschaffen. 1962 gründete sie das Heim als linkes Korrektiv in Zeiten, wo Verbindungen oft eher rechts gesinnte Studenten aufnahmen. Die 35 Plätze werden aber unabhängig von Religion oder politischer Gesinnung vergeben, versichert Carstens. Nur „ein ganz rechter Vogel“ käme wohl auch heute nicht als Mieter in Frage.

Die 13 oder 16 Quadratmeter großen Zimmer mit eigenen Kochzeilen kosten zwischen 195 und 205 Euro warm, inklusive Strom. Pro Flur gibt es eine Dusche. Die Räume sind vor allem wegen der Nähe zur Universität beliebt. Es sei ein freundschaftliches Zusammenleben, erzählt Politik- und Soziologie-Student Lukas, mit 22 Jahren frisch zum Senior, also Mittler zwischen Bewohnern und dem Vermieter, gewählt. „Ich finde es ganz cool, auf verschiedene Kulturen zu treffen.“ Etwa die Hälfte der Bewohner stammt aus Asien, Afrika oder osteuropäischen Ländern. Ein Billard-Tisch im Gemeinschaftsraum, eine Tischtennis-Platte im Garten, auch Grillfeste und gemeinsames Spielen verbinden. Ein kleines, überschaubares Heim mit „großer Gemeinschaft“, erzählt der Hausmeister und frühere Werft-Schlosser Helmut Gerstl (58), der die Semesterferien zum Einbau neuer Kochzeilen nutzt. „Hier ist immer was los“, sagt er und grinst, als sein Blick auf einen ungewöhnlichen Bettgenossen im Raum einer Studentin fällt: Auf der Matratze ruht ein Skelett.

"Alle kennen sich im Haus"

Sie alle nennen sich „Tönnsianer“, die Bewohner und Mitglieder der Tönnies-Gesellschaft, die ein Sammelbecken bekannter Kieler Sozialdemokraten wie Alt-Oberbürgermeister Norbert Gansel und Staatssekretär Rolf Fischer ist. Der kürzlich verstorbene SPD-Sozialpolitiker Eckhard Raupach lernte als Student seine Frau in dem Haus kennen und lieben. Und was macht einen „Tönnsianer“ aus? „Alle kennen sich im Haus. Wenn etwas schiefläuft, reden wir darüber“, sagt Carstens, der einräumt, als Wohnheim-„Tönnsianer“ mit einem weinenden und lachenden Auge von Bord zu gehen, um einen Generationswechsel zu ermöglichen: „Ich muss mich neu sortieren.“ Es habe immer so viel Spaß gemacht. Wer habe schon einen Job, der das gesamte Spektrum vom Kümmern um den umgestürzten Baum im Garten, Seelentröster für die Bewohner bis hin zur Organisation von wissenschaftlichen Symposien, Veröffentlichungen und die Herausgabe von Tönnies-Büchern umfasst?

Tönnies, Befürworter der Arbeiterbewegung und Nazi-Kritiker, fasziniert Uwe Carstens bis heute: „Er besaß die Gradlinigkeit, lieber in Armut zu leben, als sich anzubiedern.“ Dank jahrelanger Suche und Zähigkeit war es Carstens 2013 gelungen, dessen verschollen geglaubten Manuskripte für das Buch „Geist der Neuzeit“ über viele Umwege im Bundesarchiv aufzustöbern.

Zusammen mit seiner Frau Bärbel machte sich der Wissenschaftler daran, die zahlreichen handschriftlichen Korrekturen und die Sütterlin-Schrift zu entziffern. Alles sehr mühsam, jetzt naht die Drucklegung für die Herausgabe des Buches am 12. April: Es ist der Tag, an dem Carstens seine Ämter niederlegt und sein Nachfolger gewählt wird. Auch wenn sich der 66-Jährige dann stärker seinen Hobbys wie dem Schreiben von Gedichten und Theaterstücken widmen wird, so bleibt er doch vermutlich bis zum Lebensende eins: ein Tönnies-Forscher.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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