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Mehr Selbstbestimmung geht nicht

Studentisches Wohnen Mehr Selbstbestimmung geht nicht

Das Abitur ist geschafft, der Studienplatz nach langer Qual der Wahl gefunden. Doch schon stehen viele junge Menschen direkt vor dem nächsten Problem: Zur Uni von den Eltern aus zwischenfahren oder den räumlichen Neuanfang wagen? Alleine wohnen, ein Zimmer im Wohnheim suchen oder in eine WG übersiedeln? Welche Wohnmöglichkeiten Studierende in Kiel haben, beleuchtet die Serie „Studentisches Wohnen“. Zum Abschluss: Alternatives Wohnen.

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Ein Leben für ein Zimmer im Zentrum Hansa 48: Lara Timm genießt die Mitbestimmung im alternativen Umfeld.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Nein, einen Winter habe sie hier noch nicht erlebt, sagt Lara Timm, während sie auf ihrem großen Bett mit knallrotem Spannbetttuch auf und ab wippt. Bange sei ihr trotz des offenen Treppenhauses davor nicht. Schließlich hingen die Heizungsrohre in ihrem Zimmer, wie sie augenzwinkernd anmerkt. Und so wischt die 28-Jährige, die an der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) Ur- und Frühgeschichte sowie Ethnologie studiert, schnell alle Bedenken beiseite, die irgendwem ob ihres Wohnorts kommen könnten. Lara lebt in der Hansastraße 48.

 Bei jedem kultur- oder partyinteressierten Kieler, zumal aus der links-alternativen Szene, klingelt es. Aktivisten besetzten das ehemalige Brauereigelände im Stadtteil Ravensberg vor 30 Jahren, kauften die Gebäude irgendwann und führen heute per Verein ein kulturelles Zentrum. Dass dort neben einer Druckerei, einem Kindergarten und einer Bar auch Menschen wohnen, ist vielen unbekannt. „Es wohnen so bummelig 30 Leute hier“, klärt Lara auf. Und die aufgeweckte Gettorferin mit den feurig gefärbten Haaren macht klar, wie sehr sie für das Lebenskonzept Hansa 48 entbrannt ist. Ihr wild eingerichtetes Zimmer mit der hohen Decke ist in eine 5er-Wohngemeinschaft eingebettet. Mitbewohner, Badezimmer und Küche sind über Stockwerke verteilt. „Ich brauche relativ viel Freiraum für mich“, beschreibt sie, „es ist wie eine WG hier, aber total abgeschieden.“ Und sie ergänzt verträumt: „Als ich einzog, war ein Feiertag und es war wie auf dem Land.“

 Das war im April und schnell war klar, dass hier einiges anders läuft als in Studentenwohnheimen: Lara mietet direkt beim Verein. „Jeder gibt, wieviel ihm das Zimmer wert ist, und wieviel er geben kann“, beschreibt sie die Flexibilität. Quadratmeterzahlen und Mietspiegel interessieren nicht. Schließlich zahlt sie noch eine ganz andere Währung: „Ich muss oder sollte mich einbringen“, beschreibt Lara, „ich bin gerne involviert. Man wird hier auch nicht gezwungen, sondern jeder findet seine Arbeit.“

 Für Künstler, die in der Bar auftreten, kümmert sie sich um ein ordentliches Gästezimmer. Überhaupt läuft in der Hansa-Kommune alles geordnet ab. Jeden Montagabend gibt es eine Versammlung, auf der auch sie sich vorstellen musste. So wird das Zusammenleben in der Backsteinbrauerei und dem grünen Innenhof geregelt.

 Dorthin ziehe es sie stets bei gutem Wetter, sagt Lara. Dennoch sei nicht alles eitel Sonnenschein. „Ich bin hier auch mit Menschen zusammen, mit denen ich nicht wohnen wollen würde,“ beschreibt sie, „aber die ich sehen möchte.“ Außerdem stelle sie hohe moralische Ansprüche an sich, die nicht alle vertreten. Ein Beispiel: Sie ernährt sich vegan, aber muss den steten Geruch von Grillfleisch aus dem Hof ertragen. Doch sie stellt klar: „Es ist schön, dass hier so ein großer Erfahrungsschatz ist.“ Jeder hilft mit im Kulturzentrum Hansa 48 und jeder hat seine Stimme im Verein. Lara inspiriert das für ihr weiteres Leben – selbst wenn sie sagt: „Ich weiß noch nicht, wo ich hinwill.“ Klar ist ihr aber schon jetzt: „Ich hoffe, dass es weiter Leute gibt, die ihren Wohnraum mitbestimmen wollen.“ Eines ist entscheidend für die Alternativen: Alternativen.

Ravensberg: Stadtteil der Uni?

Der Kieler Stadtteil Ravensberg beheimatet die Christian-Albrechts-Universität seit der Nachkriegszeit. Doch beheimatet er auch die Studierenden? Ein Blick in die Kieler Zahlen legt das nahe und schürt gleichzeitig Zweifel. 12047 Menschen waren laut offiziellen Angaben der Landeshauptstadt am 30. Juni in Ravensberg registriert. Mit 4610 (38 Prozent) sind die meisten unter ihnen zwischen 20 und 30 Jahren alt. Doch diese Altersgruppe führt in vielen Stadtteilen. Das Durchschnittsalter der Ravensberger liegt bei 36,1 Jahren, so niedrig wie in fast keinem anderen Stadtteil. Aber könnten das nicht auch viele Kinder senken? Auch der Blick auf die Haushalte bringt keine Klarheit: „Sonstige Mehrpersonen-Haushalte“ wie Wohnprojekte oder WG stellen lediglich drei Prozent. Ravensberg, Stadtteil der Studenten? Das muss leider offen bleiben.

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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

15. November 2017 - Christoph Harke in Campus

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