11 ° / 6 ° Regen

Navigation:
Eine Sache der Freiwilligkeit

Uni-Anwesenheitspflicht Eine Sache der Freiwilligkeit

Das neue Hochschulgesetz hat im Dezember vergangenen Jahres Wellen geschlagen. Vor allem die geplante Abschaffung der Anwesenheitspflicht erhitzt bis heute die Gemüter.

Voriger Artikel
Kleines Haus mit großer Gemeinschaft
Nächster Artikel
Tauchgang auf einem Frachter

Wird es in den Hörsälen und Seminarräumen der Uni bald so aussehen? Mancher Professor fürchtet, dass mit der Abschaffung der Anwesenheitspflicht nur noch die ersten Reihen gut gefüllt sind, die hinteren aber frei bleiben.

Quelle: Uni Kiel

Kiel. Prof. Ilka Parchmann, Vizepräsidentin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, macht ihre Bedenken an drei Punkten fest: „Erstens ist es die Botschaft, man könne auch erfolgreich studieren, ohne in die Lehrveranstaltungen zu gehen“, sagt sie. „Das Zweite ist unser Verständnis vom Studieren. Es gibt sehr viele Lehrveranstaltungen, die Lehre in dem Sinne verstehen, dass man über Themen diskutiert, gemeinsam wissenschaftliches Denken kennenlernt, und die Studierenden lernen, sich mit einer Problematik auseinanderzusetzen. Das geht nur, wenn man auch gemeinsam anwesend ist.“ Als letzten Aspekt verweist sie auf Hinweise aus anderen Bundesländern, dass ohne Anwesenheitspflicht viele Studierende ausbleiben und die Leistungen nicht mehr so gut sind. Ihr Fazit: „Wir können nicht mehr garantieren, viele Studierende zu einem Abschluss zu führen, wenn sie an den Veranstaltungen nicht teilnehmen.“

"Seelenstriptease" vermeiden

Der Allgemeine Studierendenausschuss der Kieler Uni (Asta) sieht dagegen keine Gefahr, die Hörsäle könnten ohne Anwesenheitspflicht leergefegt sein. Paulina Spiess, Vorsitzende des Asta, betont die Freiwilligkeit und das Interesse am Studium. „Wir glauben, dass es ein viel positiveres Klima und einen viel fruchtbareren Austausch gibt, wenn von beiden Seiten Freiwilligkeit vorhanden ist“, betont sie. „Wir wollen eigenständige, verantwortungsbewusste Studierende, die sich kritisch mit Themen auseinandersetzen.“ Auch die Wahrung der Vielfalt und Inklusion innerhalb der Studierendenschaft sei von Relevanz. Sie ist überzeugt, dass die neue Regelung vor allem Studierende, die Kinder haben, Angehörige pflegen oder körperlich oder psychisch beeinträchtigt sind, entlasten könnte.

Wer bisher mehr als zweimal fehlt, muss dies mit den Dozierenden regeln oder sich vor einem Prüfungsausschuss rechtfertigen. „Genau diesen Seelenstriptease zu vermeiden, ist ein ganz wichtiger Punkt,“ fügt Tilmann Schade, ebenfalls aus dem Asta, hinzu. Parchmann gibt jedoch zu bedenken, die einzelnen Sitzungen einer Veranstaltung konsekutiv aufeinander aufbauten. Studierenden, die nur jedes dritte oder vierte Mal erschienen, verpassten entscheidende Bausteine.

Studierende sind sich nicht einig

Auch unter den Studierenden gehen die Meinungen zu dem Thema auseinander. „Ich finde das für die ohnehin schon schwächeren Studierenden nicht gut. Dann schreiben alle schlechtere Klausuren und die Standards werden insgesamt herabgesetzt“, kritisiert die 22-jährige Lehramtsstudentin Ann-Katrin. Lena, ebenfalls 22, ist für die Abschaffung. „Das Studium sollte selbstbestimmt sein. Man hat sich den Studiengang frei nach Interesse ausgesucht, deshalb glaube ich nicht, dass alle Studierenden auf einmal zu Hause bleiben.“ Alica, 23, formuliert das noch konkreter: „Die Leute, die wirklich studieren und etwas aus sich machen wollen, werden es auch ohne Anwesenheitspflicht zu etwas bringen.“

Trotz der Meinungsunterschiede stehen sich an der Uni keine verfeindeten Lager aus Studierenden und Präsidium gegenüber – auch wenn dies vor allem während der Diskussionen um den Gesetzesentwurf so gewirkt haben mag. „Unser Ziel war es nicht, zu sagen, Studierende kommen nur noch unter Zwang, weil die Lehre so schlecht ist“, bedauert Spiess. „Bei vielen ist das aber so angekommen.“ Aus diesem Grund arbeiten der Asta und das Präsidium beim anstehenden „Thementag der Lehre“ am 14. April eng zusammen.

Von Maline Kotetzki

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Bildungspolitik
Foto: Es war heftig umstritten, aber die Koalition hat das neue Hochschulgesetz durchgepaukt.

Die Regierungskoalition hat ihre umstrittene Hochschulreform nach einer nochmaligen Korrektur im Landtag durchgepaukt. SPD, Grüne und SSW räumten zwar Mängel in der Kommunikation ein, verteidigten aber „eines der modernsten Hochschulgesetze“ der Republik.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Uni Kiel 2/3