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Abendmahl mehr als Brot und Wein

Uni Kiel: Theologe will mehr Klarheit Abendmahl mehr als Brot und Wein

Im Jubiläumsjahr auf Entdeckungstour an der Kieler Uni: Um das gemeinsame Essen und Trinken unserer Vorfahren geht es in unserer heutigen Folge. Der Theologe Prof. Dieter Sänger hat in den vergangenen fünf Jahren versucht, mehr Klarheit ins Thema Abendmahl und in die Essgewohnheiten von Gläubigen zu bringen. Ein heißes Eisen, denn über kaum ein anderes Thema wird bei religiösen Menschen so viel gestritten und diskutiert, wie über das Abschiedsmahl von Jesu am Abend vor seiner Verhaftung.

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 Brot und Wein zum Abendmahl? Ach, wenn es nur so einfach wäre. Der Theologe Prof. Dieter Sänger forscht seit fünf Jahren zu diesem Thema, über das unter Gläubigen am heftigsten gestritten und diskutiert wird.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Eines vorweg: Dieter Sänger geht es nicht um eine endgültige Lösung, sondern eher um eine Art Bestandsaufnahme. Unter dem Motto „Think big“ hat sich der Theologe bei seinem Forschungsprojekt gleich 75 Wissenschaftler aus der ganzen Welt mit ins Boot geholt. Da ist die Fachfrau aus Amerika, die sich mit Opferritualen im frühen Judentum beschäftigt hat. Da ist der Kieler Kunsthistoriker, der 100 Bilder zusammengetragen hat, auf denen Essens-Szenen abgebildet sind. Und da ist der Archäologe aus Österreich, der die Grundrisse von Häusern reicher Menschen ausgegraben hat und große Speiseräume entdeckte.

„Als das Abendmahl nach dem Tod Jesu bei den Christen üblich wurde, war das völlig neu“, sagt der 66-jährige Theologe. „Erstmals waren Männer und Frauen, Arme und Reiche gleichberechtigt zum Mahl versammelt.“ Auf die übrige Bevölkerung hätte das mehr als befremdlich gewirkt. Frauen, Sklaven und kleine Leute seien in der Regel beim Essen nicht mit am Tisch gewesen. Genauso hätte das Austeilen von Brot und Wein als Zeichen für Leib und Blut Jesu Christi verwundert. „Sind das Kannibalen?“, hätte sich so mancher Außenstehender gefragt. Zudem hatte Jesus zu seinen Lebzeiten bei vielen nicht den allerbesten Ruf, so Dieter Sänger. Er sei als Fresser und Weintrinker verschrien gewesen.

Nach und nach verbreitete sich das Abendmahl aber und wurde zu einem Kennzeichen der Christen. „Man traf sich meist in Privathäusern“, so Dieter Sänger. Neben Brot und Wein sei häufig ein opulentes Mahl aufgetischt worden. Doch auch viele Fragen seien aufgetaucht. Darf jemand mit am Tisch sitzen, der nicht getauft ist? Kann Wein durch Traubensaft ersetzt werden? War das auf dem öffentlichen Markt gekaufte Essen vielleicht schon vorher einer heidnischen Gottheit geweiht?

Dieter Sänger ist das Abendmahl sehr vertraut. „Ich bin in der Nähe von Siegen aufgewachsen und besuchte regelmäßig den Gottesdienst“, erzählt er. Ein Pastor weckte in dem jungen Gymnasiasten die Begeisterung für theologische Fragen. Nach dem Studium in Wuppertal, Göttingen und Heidelberg war er zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann eine Zeit lang Gemeindepastor, bis es ihn nach der Habilitation erst an die Uni in Mainz, Gießen, Frankfurt und schließlich nach Kiel verschlug. Zusammen mit seiner Frau Christiane, einer Deutsch- und Religionslehrerin, lebt er in Gettorf und liebt es, Freunde zum Essen einzuladen. Das Größte ist aber, wenn Sohn Christoph, ein Jurist, mit seiner Familie aus Düsseldorf kommt. „Unsere zweijährige Enkelin Josephine macht richtig Spaß.“ Tischgebet zum Mittag, gemeinsames Singen am Abend – Rituale, die Gemeinschaft fördern. So wie beim Abendmahl.

Zurück zu seinem Projekt: Im August 2012 kamen die Wissenschaftler, die an dem Thema arbeiten, erstmals in Kiel zusammen. „Das war gar nicht so leicht, Gelder von Forschungsstiftungen einzuwerben, damit wir die Kollegen überall aus der Welt einfliegen lassen konnten“, erzählt Dieter Sänger. Fünf Tage lang wurde vorgetragen und diskutiert. Ein Jahr später traf man sich auf der griechischen Insel Lesbos wieder – diesmal hatten die Norweger eingeladen. „Da saßen wir morgens ab 8 Uhr unterm Feigenbaum und haben bis abends diskutiert“, sagt der Theologe. „Wir alle haben enorm viel gelernt.“

Dieter Sänger selbst hat für das Projekt einen jüdischen Roman („Joseph und Asenet“) aus der Antike analysiert, der damals äußerst populär war. Darin geht es um eine heidnische Priesterin, die sich in einen Juden verliebt. „In der Schrift ist alles drin – high society, sex and crime“, sagt der Wissenschaftler schmunzelnd. „Aber der Text macht auch deutlich, dass Heiden aus jüdischer Sicht Götzendiener waren und auf keinen Fall mit einem Juden an einem Tisch sitzen und essen durften.“

Inzwischen liegen die Beiträge (teils auf Englisch, teils auf Deutsch) der verschiedenen Forscher aus aller Welt druckfertig bereit. In Kürze werden drei Bände mit insgesamt rund 2000 Seiten veröffentlicht. Eine Bestandsaufnahme, wie Menschen von 800 vor Christus bis ins 7. Jahrhundert nach Christus gegessen und später das Abendmahl gefeiert haben. „Bis heute gibt es kein vergleichbar umfassend angelegtes Werk“, sagt der gebürtige Westfale nicht ohne Stolz und hofft, vielleicht schon bald mit seinen Mitautoren wieder zum gemeinsamen Mahl zusammenzukommen.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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