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Uni Kiel Von den Toten das Heilen lernen
Uni Kiel Von den Toten das Heilen lernen
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08:55 06.07.2016
Von Martina Drexler
Niklas Thießen, Svea Seehafer und Paula Kettenberger (von links) gehören zu dem studentischen Organisationsteam, das die Gedenkfeier in der Universitätskirche gestaltet. Quelle: Thomas Eisenkrätzer

 Es gibt unzählige Lehrbücher, Plastikmodelle und längst virtuelle 3D-Seziertische zum Üben. Doch trotz aller Simulationsmöglichkeiten „führt kein Weg daran vorbei, die Anatomie am echten Modell zu lernen“, sagt Prof. Thilo Wedel, Direktor der Anatomie. Nur so erhielten die Studierenden die Gelegenheit, alle komplexen Strukturen und räumlichen Gegebenheiten des menschlichen Körpers im Wortsinn wirklich zu begreifen. „Das so erworbene Wissen über den Körperaufbau ist unverzichtbar für alle diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen und gehört somit zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche ärztliche Tätigkeit,“ heißt es auf der Internet-Plattform des Instituts. Das gilt auch nach dem Studienabschluss: Immer wieder erlernen und trainieren schon lange praktizierende Mediziner an Leichnamen neue, schonendere Techniken, um besser heilen zu können.

 Selber zu präparieren, den Körper eines Verstorbenen aufzuschneiden und ihn in- und auswendig kennenzulernen – auch Studierende finden, es gebe keine bessere Methode, um ihnen zu zeigen, wie sie ihre anatomischen Kenntnissee später im Klinikalltag umsetzen können. Vor den Übungen am echten Körper im Vorklinikum hätte sie nie gedacht, „was genau sich unter der Haut befindet“, sagt Paula Kettenberger. Sie ist wie Svea Seehafer (20) und Niklas Thießen (21) Medizinstudierende des vierten Semesters. Doch es ist nicht nur die fachliche Ebene, die die jungen Menschen berührt. Zum ersten Mal kommen sie mit existenziellen Themen wie Sterben und Tod in Berührung, was jeden einzelnen von ihnen eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Berufswunsch, aber auch mit dem eigenen Leben abverlangt.

Keine Selbstverständlichkeit

 Umso dankbarer sind die drei dafür, dass es Menschen gibt, die ihren Leichnam zur Verfügung stellen, damit sie lernen und sich vorbereiten können. Keine Selbstverständlichkeit sei das. „Für uns ist es etwas unglaublich Wertvolles und eine große Ehre, mit den Körpern arbeiten zu dürfen“, versucht Svea in Worte zu fassen, was sie bewegt. Steht Paula am Seziertisch, sieht sie dem Toten immer wieder ins Gesicht, während sich ihr Fragen aufdrängen: „Was hatte dieser Mensch für ein Leben, wie war er, hatte er Kinder, und warum hatte er sich zu diesem Schritt entschieden?“

 Da sie den Spendern selbst nicht mehr danken können, wollen die etwa 250 Studierenden des Semesters deren Angehörigen „etwas zurückgeben“: Mit einer von Arbeitsgruppen mit viel Musik, Reden und Gedichten gestalteten Gedenkfeier geben sie Freunden und Verwandten so auch die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Denn zu erfahren, dass sich die Mutter oder der Vater entschlossen hat, den Leichnam der Wissenschaft zu spenden und anonym auf dem Friedhof Eichhof im Ehrengrab der Universität bestattet zu werden, ist für Verwandte und Freunde oft nur schwer nachzuvollziehen. Dazu kommt, dass sie lange auf das Abschiednehmen warten müssen: Denn die Körperspender bekommen nach dem Tod ein formalinhaltiges Konservierungsmittel injiziert und lagern dann zunächst für einige Monate in einer Alkohollösung, bis die Medizinstudenten an ihnen lernen dürfen.

 Seit Jahren liegt die Zahl der Körperspenden für die Kieler Anatomie bei circa 70 im Jahr. Rund 1000 Euro muss der Spender an Selbstkosten übernehmen – das entspricht dem ehemaligen Sterbegeld. Alles andere zahlt die Universität. Für so manchen habe sicher auch ein finanzielles Motiv eine Rolle gespielt, seinen Körper dem Institut zu vermachen, da eine normale Beerdigung viel teurer komme, so Wedel. Doch das „Bedürfnis, auch nach dem Tod einen sinnvollen Beitrag dafür zu leisten, dass die Aus- und Weiterbildung von Ärzten auf dem hohen Niveau bleibt“, ist nach Beobachtung des Direktors ein weiterer Grund.

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