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Vision vom Mare Balticum ist noch nicht am Ende

Björn Engholm Vision vom Mare Balticum ist noch nicht am Ende

Björn Engholm (76), von 1988 bis 1993 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, gilt als Initiator der Ostseekooperation. Im Interview sagt der Sozialdemokrat, warum die Vision vom Mare Balticum als Meer des Friedens trotz der Spannungen mit Russland noch lange nicht am Ende ist.

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Der Konflikt mit Russland hat der „grandiosen Idee“ der Ostseekooperation den Wind aus den Segeln genommen, sagt Björn Engholm. Die Vision vom Mare Balticum als Meer des Friedens sei damit jedoch noch lange nicht gescheitert.

Quelle: Ulf Dahl

Das Mare Balticum sollte zum Meer des Friedens werden. Frustriert es Sie, dass von der Vision nichts übrig geblieben ist?

 Björn Engholm: Aus der Vision ist eine ganze Menge geworden. Als wir die Idee hatten – das war ja schon Mitte der 80er Jahre – wollten wir die „Neue Hanse“ gründen. Dieser Begriff wandelte sich dann in „Ostseekooperation“ oder „Mare Balticum“, weil „Hanse“ bei einigen nordischen Ländern nicht nur einen positiven Klang hatte. Diese Idee, die ja für Schleswig-Holstein eine naturgeborene Idee war, haben wir dann umgesetzt in zahlreichen Initiativen, durch Reisen, durch Besuche bei Regierungen – und haben festgestellt: Das hat unglaublich viele Menschen erreicht. Das war eine Entwicklungsperspektive, die die Menschen bis dato nicht im Kopf hatten. Und für Schleswig-Holstein war es eine der großen Chancen. Wir waren eine Grenzregion. Über Schleswig-Holstein sprach man damals in der Republik und auch außerhalb nur sehr selten. Mit dieser Idee waren wir Motor einer Entwicklung und standen mittendrin.

Aber statt friedlichen Miteinanders erleben wir militärische Muskelspiele und Handelssanktionen.

 Die Großwetterlage hat der grandiosen Idee erheblich Wind aus den Segeln genommen. Das Schöne ist aber: Die vielen Netzwerke – von der Union der baltischen Städte und Universitäten bis zur Vereinigung der Ostsee-Handelskammern – die funktionieren weiter. Meine Perspektive ist daher, nicht frustriert zu sein, sondern mit Hilfe dieser lebendigen Organisationen die Großwetterlage zu unterlaufen. Wir müssen einfach unterhalb dieser dunklen Wolkendecke weiter praktisch arbeiten. Das heißt: die Büros, die Schleswig-Holstein inzwischen in allen Hauptstädten der Ostseeregion hat, weiter am Leben halten und Kooperation befördern.

Was kann Schleswig-Holstein tun, um die Ostseekooperation mit neuem Leben zu füllen?

Europa erlebt zurzeit einen Trend zur Renationalisierung. Man muss diese Tendenzen unterlaufen durch das Prinzip der Interregionalität, das wir damals begründet haben. In Schleswig Holstein funktioniert dieses Prinzip sehr gut, wie die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Süden Dänemarks zeigt.

Sehen Sie die Gefahr, dass durch das Thema Flüchtlinge eine neue Welle der Abschottung entsteht?

 Wo immer ich hinkomme: Fast alle Menschen, auch die, die sich sehr engagieren in der Flüchtlingshilfe, haben die Befürchtung, dass wir es nicht schaffen, wenn der Zustrom von Flüchtlingen wieder die Dimension des vergangenen Jahres annimmt. Was ich bemerke, ist zweierlei. Das eine finde ich bedrohlich für die deutsche Demokratie: Uns läuft in aller Stille ein großer Teil der Bevölkerung von der Fahne. Und damit meine ich nicht die ganz Rechten. Es wundert mich sehr, dass die Politik das nicht intensiver registriert. Und das zweite ist: Die Flüchtlingsfrage ist nach wie vor dabei, Europa aus den Angeln zu heben. Und wenn wir eines Tages feststellen, 50 Prozent der Bevölkerung sind mit der Migrationspolitik der Regierung nicht mehr einverstanden, und wenn dann noch Europa kaputtgeht, dann brauchen wir nicht mehr über Interregionalität oder Kooperation zu reden. Dann brauchen wir auch über Asyl nicht mehr zu reden, denn wenn eine Hälfte der Gesellschaft Migrationsfragen nicht mehr mitträgt, dann ist Asyl kaputt.

Warum sollte sich ein bodenständiger Schleswig-Holsteiner für Ostseekooperation begeistern?

 Ich glaube, es gibt so etwas wie eine Identität im Ostseeraum. Die Leute haben ähnliche mentale Grundlagen. Sie haben auch kulturell ähnliche Muster. Nils Holgersson ist mir zum Beispiel immer näher gewesen als Pinocchio. Es gibt im Ostseeraum einfach viele Identifikationsmerkmale, die es den Menschen eigentlich erleichtern sollte, zu sagen: Das ist eine Region, zu der ich gehöre. Ich würde mich auch nicht scheuen, von einer Ostseefamilie zu sprechen. Für die muss man sich nicht begeistern. Aber man sollte verstehen, dass diese Zusammengehörigkeit substanziell ist für den Frieden in der Region – aber auch für die wirtschaftliche Entwicklung.

Was muss passieren, um das Familiengefühl neu zu beleben?

 Ich glaube, da hängt vieles von Personen, von Vorbildern ab. Wenn die regelmäßig ihre Nordorientierung bekunden würden – ein Uni-Präsident, ein Landespolitiker, ein Kammer-Präses, ein Unternehmenschef – dann würde das etwas bewegen.

 Sehen Sie solche Köpfe?

 Anke Spoorendonk als deutsch-dänische Mittlerin, die gehört sicher dazu. Torsten Albig hat inzwischen auch einen Riecher für die Ostsee entwickelt. Und in den IHKs, in einigen Hochschulpräsidien, bei Gewerkschaften oder der Academia Baltica ist die nördliche Dimension fest verankert. Gut, mehr Leidenschaft für die und weniger Routine in der Ostseekooperation wären wünschenswert. Aber alles in allem ist aus unserer frühen Idee ein ansehnliches, praktisches, nordeuropäisches Netzwerk entstanden.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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