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Unser Meer: Die Ostsee Das große Dorsch-Drama
Unser Meer: Die Ostsee Das große Dorsch-Drama
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21:56 08.08.2016
Von Sven Hornung
Ab welcher Größe sind die Tiere geschlechtsreif, gibt es schonendere Netze? Björn Fischer wäre bereit, mit den Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Quelle: Frank Peter

Noch etwa 30 Minuten, dann sticht er mit seinem Kutter SK14 wieder in See. Geduldig flickt Björn Fischer eine Reuse auf dem Steg im Möltenorter Hafen. Ein Zeitvertreib, den der 48-Jährige nicht dauerhaft ausüben möchte. Doch die Aussichten für die Berufsfischerei im Norden sind trüb. Nach einer Empfehlung des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) soll die Quote für den westlichen Dorsch im kommenden Jahr um 85 Prozent reduziert werden. Nach den Daten des ICES ist der Dorsch-Jahrgang 2015 nahezu komplett ausgefallen. „Seit 2009 war klar, dass die Gefahr sehr groß ist, dass der Nachwuchs ausbleibt, trotzdem ist man sehenden Auges in die Katastrophe gesteuert“, sagt Rainer Froese vom Kieler Institut Geomar. 2013 konnten die Berufsfischer sogar nur Zweidrittel der erlaubten Fänge an Land ziehen. „Für mich ist das ein Armutszeugnis des EU-Fischereimanagements“, meint der Fischereibiologe. Nach Schätzung des ICES leben noch etwa 19000 Tonnen Elterntiere in der westlichen Ostsee. „Sie müssen wir jetzt schützen, damit sie genügend Nachwuchs produzieren.“

 Helfen kann dabei ein neuer Ostseemanagementplan, der gerade von EU-Parlament und Rat verabschiedet wurde. Dadurch soll den Fischern in Krisensituationen schnell unter die Arme gegriffen werden. Und: Die Bestände sollen gar nicht mehr einbrechen. „Langfristig wollen wir den Fischern mehr Planungssicherheit bieten, aber vor allem müssen die EU-Minister künftig die wissenschaftlichen Empfehlungen für die Quoten umsetzen“, erläutert Ulrike Rodust (SPD), schleswig-holsteinische Fischereiexpertin im EU-Parlament. Sie steht mit Vertretern aus Politik, Fischerei und Forschung im Austausch, um „tragfähige Modelle zu entwickeln“, die die Fischer durch das Krisenjahr 2017 führen sollen. Dafür stellen EU und Bundesregierung vier Millionen Euro bereit.

Wie viel Dorsch wächst nach?

 Wie lange die Fischer auf dem Trockenen sitzen müssen, hängt vor allem von Qualität und Anzahl der Nachwuchsproduktion 2016 ab. Eine Aussage darüber können die Wissenschaftler frühestens Ende November treffen. „Ist der Wert gut, wird sich der Dorschbestand 2018 erholen, ist er schlecht, wird es länger dauern“, sagt Christopher Zimmermann, ICES-Mitglied und Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock. Anhand von Scholle, Kliesche und Flunder ließe sich erkennen, wie schnell ein Bestand im grünen Bereich landen kann.

 Während beim Hering die Fangmengen in den vergangenen Jahren reduziert wurden und der Bestand sich erholen konnte, gab es bei einzelnen Plattfischarten nur geringe Abweichungen. Die Bestände konnten sich trotzdem regenerieren, weil extrem viel Nachwuchs produziert wurde. Zimmermann: „Wir sollten beim Dorsch aber nicht auf einen guten Jahrgang spekulieren, die Fischerei muss strukturell komplett neu aufgestellt werden.“

Ein Dorsch pro Tag

 Björn Fischer geht davon aus, dass die 240 Berufs-Dorschfischer im Norden 2017 nur noch 360 Tonnen fangen dürfen. „Das wäre theoretisch ein Dorsch pro Tag“, sagt er. Auch die Anhebung der Herings- und Plattfisch-Quote könne den finanziellen Verlust nicht kompensieren. „Das ganze System bricht zusammen. Wenn jetzt auch noch einige Kollegen ihre Schiffe abwracken, wird es eng für unsere Genossenschaft Kieler Fischverwertung.“ Für Zimmermann ist es wichtig, dass die Fischerei nicht komplett geschlossen wird: „Sonst verlieren wir viel Wissen und Erfahrung.“ Und natürlich müssten auch die Hafenstrukturen mithilfe von Subventionen erhalten bleiben. „Die Fischerei kann nicht einfach ab- und plötzlich wieder eingeschaltet werden.“

 Helfen könnten in der Überbrückungszeit sogar die Freizeitangler. Sie fangen 2500 Tonnen Dorsch pro Jahr und würden 2017 der westlichen Ostsee achtmal so viel Dorsch entnehmen wie die Berufsfischer. Jürgen Stabicki, Prüfer für die Abnahme des Fischereischeins in Kiel, fährt einmal pro Woche mit seinem Motorboot raus auf die Ostsee. „Auch wir fangen deutlich weniger Dorsche“, sagt er. Gegen ein zeitlich begrenztes Fanglimit hätte er nichts einzuwenden, wenn sich alle daran hielten. „Aber wer soll das kontrollieren?“

 Björn Fischer glaubt nicht an eine rosige Zukunft. „Ulrike Rodust verspricht, dass alle Bestände in der Ostsee bis 2020 wieder gesund sein werden. Das mag ja sein, aber unser Beruf wird nie mehr so attraktiv sein, wie er einmal war“, sagt er. Rückwurfverbote, eine stärkere Überwachung – es werde immer komplizierter. Das Freiheitsgefühl, das er liebte, sei verloren gegangen.

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