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Wie gut verstehen wir uns?

Deutsch-Dänische Nachbarschaft Wie gut verstehen wir uns?

Einfach ist sie nie gewesen, die Freundschaft zwischen Dänen und Deutschen. Eine Freundschaft, die aus einer tiefen und blutigen Feindschaft entstanden ist. So genügen vergleichsweise harmlose Reibungen, um alte Wunden aufzureißen.

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Dannebrog überall: 24 Stunden lang ist eine jährlich wechselnde Südschleswiger Stadt zum Jahrestreffen, am Tag der Minderheit, stets fest in dänischer Hand.

Quelle: imago

Kiel. Wie 2010, als die CDU-geführte Landesregierung unter Peter-Harry Carstensen ankündigte, die Förderung für Schulen der dänischen Minderheit zu kürzen. Die Einführung von Grenzkontrollen als Antwort auf den Zustrom von Flüchtlingen und verbale Provokationen dänischer Rechtspopulisten hatten zuletzt auf deutscher Seite Irritationen ausgelöst. Und die Dänen fragen sich, warum in Schleswig-Holstein der Bau des Fehmarnbelt-Tunnels hakt.

Europaweit gilt das Zusammenleben in der deutsch-dänischen Grenzregion als vorbildlich – auch für den respektvollen Umgang mit Minderheiten. Doch wie gut verstehen wir uns wirklich? Vielleicht ist es so, wie in einer langjährigen Beziehung, die auch manches Gezänk verkraftet. Steffen Höder, Professor am Institut für Skandinavistik an der Uni Kiel, macht sich um die gute Nachbarschaft keine Sorgen: „Auch in den Diskussionen um den Fehmarnbelt sehe ich keine grundsätzliche Trübung des nachbarschaftlichen Verhältnisses.“ Von „wohlwollender Verständnislosigkeit“ auf dänischer Seite gegenüber den komplexen Verfahrensregeln in Deutschland spricht der Wissenschaftler. „Das nervt, aber man nimmt das als typisch deutsch hin.“ Insgesamt hätten in den vergangenen Jahrzehnten die Projekte konkreter Zusammenarbeit deutlich zugenommen. „Das ist politisch gewollt und ist auch im Bewusstsein der Menschen in den Grenzregionen inzwischen verankert.“

Konkrete Zusammenarbeit, trotz Behinderungen im Alltag

Dennoch gibt es Entwicklungen, die das Zusammenleben im Alltag behindern. Allen voran die Grenzkontrollen, die Dänemark Anfang 2016 eingeführt hat, um Flüchtlinge kontrollieren, aber wohl auch abschrecken zu können. In diesem Punkt gingen die dänische Politik und die schleswig-holsteinische klar auseinander.

Und wie steht es mit der Forderung von Søren Espersen, die Grenze bis an die Eider zu verschieben und damit die Verhältnisse vor 1864 wiederherzustellen? In einem TV-Interview hatte der Vize-Chef der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei (DVP) gesagt: „Ein Dänemark bis zur Eider ist Hoffnung und Traum zugleich. Selbstverständlich. Das muss auch die Idee der dänischen Minderheit sein, sonst verstehe ich gar nichts.“ Zwar hatte Espersen versucht, die Äußerung abzuschwächen, doch für Höder hat der erfahrene Außenpolitiker die Karte der Wiedervereinigung bewusst gespielt. „Das war ein politisches Manöver, das man ernst nehmen muss. Der Begriff der Wiedervereinigung ist sehr emotional besetzt. Der Verlust des südlichen Landesteiles 1864 ist ein nationales Trauma, das 1920 teilweise geheilt wurde.“

Das deutsch-dänische Verhältnis sei heute allerdings so gut wie nie zuvor, so Hinrich Jürgensen, Vorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger. „Gerade deshalb wünsche ich mir, dass noch viel mehr Inhalt in die grenzüberschreitende Zusammenarbeit kommt.“

Wer dänische Kitas besucht, solle auch Dänisch sprechen

Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein ist im dänischen Bewusstsein viel stärker präsent als umgekehrt, so Skandinavist Höder. „Auch wenn für die Mehrheit die Nachbarschaft gut läuft, wird Espersen bei jenen auf positive Resonanz stoßen, die auf nationalistische Töne anspringen.“ Und es ist nicht die einzige Verbalattacke auf Schleswig-Holstein: Die DVP hat auch die Diskussion entfacht, ob dänische Sprache mit ethnischer Identität verknüpft sein muss. Das richtet sich gegen all jene Schleswig-Holsteiner, deren Kinder eine der 55 dänischen Kitas oder 46 Schulen besuchen. Einrichtungen also, die aus Kopenhagen mitfinanziert werden. Im Gegenzug, so meinen die DVP-Politiker, muss diese Gruppe aber bitte schön auch Dänisch sprechen und die dänische Kultur leben.

Schleswig-Holsteins Europaministerin Anke Spoorendonk, Mitglied des Südschleswigschen Wählerverbandes, bezeichnet zwar die Grenzkontrollen als „Wermutstropfen“, hat aber keine Zweifel am Bestand einer guten Nachbarschaft: „Die deutsch-dänische Zusammenarbeit ist schneller und weiter vorangekommen, als ich es mir vor meinem Amtsantritt erträumt hätte.“ Die in Dänemark geborene und in Schleswig-Holstein lebende Künstlerin Hanne Nagel-Axelsen sagt es so: „Die Dänen lieben die Deutschen nicht, haben aber Respekt vor ihren Leistungen. Und die Deutschen mögen die Dänen und verzeihen ihren Hang zur Selbstgefälligkeit, weil sie ein kleines Land sind.“

Von Heike Stüben und Niklas Wieczorek

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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