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Zwei Konsuln sehen Vielfalt, die verbindet

Ostsee-Anrainerstaaten Zwei Konsuln sehen Vielfalt, die verbindet

Sie vertreten die Interessen von Dänemark und Estland als Honorarkonsuln in Kiel: Götz Bormann und Klaus-Hinrich Vater sind sich einig, dass den Ostseeraum nichts trennt, sondern die kulturelle Vielfalt zurzeit fast alle Nationen eher verbindet.

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Götz Bormann und Klaus-Hinrich Vater kennen die einende und verbindende Kraft der Ostsee.

Quelle: Cornelia Müller/Ulf Dahl

Kiel. Wer an der Ostseeküste steht, schaut nicht auf unüberwindbare Wassermassen. Allen Wellen und Wogen zum Trotz ist das baltische Meer ein befahrbarer Weg, der Millionen Menschen miteinander verbindet. „Insgesamt fühlen wir uns alle in der baltischen Region als in einem gemeinsamen Raum“, erklärt Götz Bormann. Der Vorstandsvorsitzende der Förde Sparkasse ist seit 2003 dänischer Honorarkonsul in Kiel und sieht im Zusammenleben zwischen den Ostseestaaten kaum „trennende Elemente“.

Noch genauer macht es Klaus-Hinrich Vater, Präsident der IHK zu Kiel und Chef der Vater-Unternehmensgruppe: „Ich kann an der Ostsee überhaupt nichts Trennendes erkennen. Der Ostseeraum ist die wirtschaftsstärkste Region in Europa. Es wäre ein Widerspruch, das als trennend zu empfinden.“ Vater ist seit 2010 Honorarkonsul für Estland.

Kopenhagen: Attraktiv mit skandinavischer Lässigkeit

Auf der westlichen Seite der Ostsee liegt Dänemark, dieses 5,6 Millionen Einwohner zählende Land, das immer wieder in Befragungen als das glücklichste der Welt abschneidet. Die von skandinavischer Lässigkeit geprägte Hauptstadt Kopenhagen ist eine der beliebtesten Städte in Europa. Der unter der Ostsee geplante Fehmarnbelt-Tunnel würde sie von Deutschland aus noch schneller erreichbar machen. Gleichzeitig ist das dänische Landesinnere von Landwirtschaft geprägt. Über zwölf Millionen Schweine leben dort.

Millionen Zugriffe zählt auf der anderen Seeseite das Staatsportal eesti.ee in Estland. Dort können Ausweisdaten verwaltet und Anträge gestellt werden – alles online. Das baltische Land mit 1,3 Millionen Einwohnern ist trotz seiner Vergangenheit in der autoritären Sowjetunion Europas digitaler Vorreiter, wie es Vater beschreibt.

Was für eine Spannbreite. Bis zu 85 Millionen Menschen leben direkt an der baltischen See. Dabei ist das Meer mehr als gemeinsamer Wirtschaftsraum. „Die Ostsee ist das verbindende Element“, sagt Bormann, „Wir gucken alle auf die Ostsee und zum Nachbarn ist es nicht weit. Die Küsten unserer gegenüberliegenden Ostseeanrainerstaaten sind überwiegend 100 bis 150 Kilometer entfernt.“ Deswegen sei der Austausch auch so groß und die Mentalitätsunterschiede insgesamt relativ klein.

Um diese zu überbrücken, werden seit jeher Verbindungen gebaut, gepflegt und erweitert. „Natürlich gibt es aus der Historie heraus gut funktionierende Verbindungen und weniger gut funktionierende“, bilanziert Vater. „Zwischen Esten und Finnen gibt es beispielsweise einen sehr engen Austausch.“ Schließlich haben Finnen und Esten trotz 130 Kilometern Finnischem Meerbusen zwischen sich einen gemeinsamen sprachkulturellen Hintergrund, zählen zu den finnougrischen Völkern. Gleichzeitig kann Finnland geografisch zu Skandinavien gezählt werden.

Und alle kulturellen Gruppen um die Ostsee – seien es Skandinavier, Balten, Russen, Polen oder Deutsche können von den nebeneinander- und gegenüberliegenden Seiten etwas lernen. „Die baltischen Staaten können gerade im Punkt Digitalisierung deutliche Impulse setzen“, beschreibt Bormann. „Wir können von den Esten lernen, dass Datenschutz und Datensicherheit zwei verschiedene Dinge sind, die aber einander bedingen“, so IT-Experte Vater. Dort wisse der Bürger immer, wo seine Daten liegen. Diese Sicherheit schaffe Vertrauen und vereinfache Demokratie.

Lediglich in eine Richtung verengt sich die Ostsee zurzeit: „Natürlich ist es im Bezug auf Russland gerade etwas angespannt“, bedauert Vater die Folgen der politischen Eiszeit zwischen Europa und Russland. Wirtschaftssanktionen schwächten den gesamten Ostseeraum.

In eine Richtung verengt sich die Ostsee: nach Russland

Immer wieder kam es auch in den vergangenen Monaten zu militärischen Provokationen durch russische Einheiten in und über der Ostsee. In skandinavischen und baltischen Staaten wächst die Furcht vor Aggression aus dem Osten. Zuletzt überflog Anfang Juni eine Antonow-Transportmaschine estnischen Luftraum. Der russische Botschafter wurde in Tallinn einbestellt. Wenige Wochen später übernahm erstmals die estnische Marine die Führung des ständigen Nato-Minensuchverbands in der Ostsee. Allerdings planmäßig, und damit als Zeichen internationaler Zusammenarbeit.

Traditionellere Verbindungen prägen die östlichen Staaten am baltischen Meer seit dem Mittelalter: „Die baltischen Länder sind von Gründungen aus der Hansezeit geprägt“, so der Sparkassen-Chef: „Handelsbeziehungen sind in dieser Region traditionell verankert.“ Die Bevölkerung sei Europa zugewandt. Eine gemeinsame rechtliche und demokratische Wertegrundlage sieht er als Erfolgsrezept des Ostseeraums.

Baltische Staaten pflegen persönlichen Austausch

So können sich Ideen, Wissen und Handel im gemeinsamen Verkehr gegenseitig stärken. Bormann wünscht sich dafür noch mehr Jugend- und Bildungspartnerschaften, um andere Kulturen und Mentalitäten besser kennenzulernen: „In der digitalen Welt sollten wir auf diesen persönlichen Austausch Wert legen.“ Vater dagegen sieht nicht nur weniger Chancen auf Estnisch als auf Dänisch im schleswig-holsteinischen Lehrplan, sondern meint: „Der Austausch wächst von alleine – das muss man nicht künstlich ankurbeln.“

Die ihm so bekannten Esten seien ein „sympathisches und offenes Volk“, wie ihre kulturell verankerten öffentlichen Sängerfeste, „Balsam für die Seele“, belegten. Bormann betont die Offenheit der Dänen – dass Deutsche in Punkto Lockerheit und Gleichberechtigung noch einiges von ihnen lernen könnten: „Von Kiel aus liegt Kopenhagen nicht weiter weg als Hannover.“ In diesem Punkt sind sich die Honorarkonsuln einig: Die Ostsee eröffnet Chancen und verbindet Menschen – durch Annäherung und Vielfalt gleichermaßen.

Was ist eigentlich ein Honorarkonsul?

Honorarkonsuln führen ihre Tätigkeit – im Gegensatz zu Botschaftern oder Generalkonsuln – ehrenamtlich aus. Sie vertreten die Interessen des Landes, zu dessen Konsul sie ernannt werden. Zumeist sind sie aber Bürger des sogenannten Empfangsstaates, in dem sie tätig sind. Ein Honorarkonsul kann auch provisorische Passangelegenheiten für Bürger seines Vertretungslandes erledigen. Meist sind sie in größeren und Hauptstädten vertreten , vor allem, wenn ihr Vertretungsland in unmittelbarer Nähe liegt. Für alle Länder aus dem Ostseeraum existieren daher auch in der Landeshauptstadt Kiel eigene Honorarkonsulate: Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Russland, Schweden

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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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