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So lebten die ersten Ostsee-Bürger

Serie: Mein Meer: die Ostsee So lebten die ersten Ostsee-Bürger

Nachdem die Ostsee vor etwa 8000 Jahren seine heutige Gestalt annahm, tauchten erste Jäger und Sammler im Norden auf. Viele ihrer Wohnplätze liegen nach Landsenkung und Wasseranstieg heute auf dem Meeresgrund. Aktuell wartet eine Fundstelle vor Bülk auf Erkundung.

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Mit Aalstecher am Langsee: Für unsere Ostsee-Seite stellte Experimentalarchäologe Harm Paulsen mit Repliken der Mittelsteinzeit eine Fischfangszene nach.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. . Die Ostsee ist schön. Das fand auch schon der prähistorische Mensch. Nachdem das Meer vor etwa 8000 Jahren seine heutige Gestalt annahm, tauchten erste Jäger und Sammler im Norden auf. Gegen Ende der Mittelsteinzeit nahm die Besiedlung der Küsten von Jütland bis Polen zu, zwischen 5500 und 4100 v. Chr. hatten die Träger der Ertebølle-Ellerbek-Kultur den südwestlichen Ostseeraum komplett erobert. Viele ihrer Wohnplätze liegen nach Landsenkung und Wasseranstieg heute auf dem Meeresgrund. Zur Sondierung solcher Fundplätze ließen sich viele Archäologen zu Tauchern ausbilden. Aktuell wartet eine Fundstelle vor Bülk auf Erkundung.

 Wer denkt, Archäologie sei staubige Wissenschaft, sollte einmal eine Meerforelle fangen und sie nach einem 6500 Jahre alten Fischrezept kochen. Steinzeitexperte Dr. Sönke Hartz (61) schrieb eines auf. „Ein Spätsommertag 4472 v. Chr.: Im großen Spitzbodentopf, der zwischen Steinen in der Glut steht, gart die Mutter (28) in einer Brühe aus Meerbinsen, Stranddreizack und Erzengelwurz einige in Meerkohl eingewickelte Forellenstücke.“ Ganz genau beschreibt der Kurator für Steinzeit am Archäologischen Landesmuseum in Schleswig die Zubereitung in „Ein Tag im Leben einer Ertebølle-Familie“, den Hartz rekonstruierte.

 Wie kann der Wissenschaftler das alles so genau wissen – sogar die Zutaten einer Fischsuppe? Jeder Fund, sagt er, erzähle seine Geschichte, die große Reuse aus Kiel-Schlüsbek ebenso wie der kleine Hundekopf aus Kiel-Ellerbek. Und jedes weitere Artefakt von 60 kartierten Fundorten an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins sowie 30 im Inland ergänzt das große Steinzeitpuzzle, an dem schon seit Jahrzehnten interdisziplinär gearbeitet wird. Die meisten Funde stammen aus dem Abfall.

 Müllberge sind für Archäologen oft wahre Goldgruben. So war es auch, als Ende des 19. Jahrhunderts in Ertebølle am dänischen Limfjord uralte Strandwälle (also Küchenabfallhaufen) untersucht wurden. Zwischen abertausenden Austern- und Schneckenschalen fand man Flintabschläge, Dolche und Beile, Hirschgeweih und eine Spitzbodenkeramik, die heute Leitform der Ertebølle-Kultur ist. In Kiel-Ellerbek tauchten beim Auskoffern des Marinehafens für den Ausbau der Kaiserlichen Werft (1876-1903) ganz ähnliche Artefakte auf. An den versunkenen Wohnplätzen nahe der Schwentinemündung hatte sich Vieles erhalten: hölzerne Netzschwimmer und Geräte aus Hirschgeweih.

 Und woher stammt das alte Fischrezept? Vor allem die gute Erhaltung organischer Materialien ermöglichte bei den Forschungen in Ostholstein, im Oldenburger Graben sowie in der Wismarbucht um Poel und Rügen Einblicke in die Lebensumstände der Küstenbewohner. „Bei der Datierung und bei Aussagen über Klima, Vegetation, Nahrung oder Wanderung helfen uns Analysemethoden der Naturwissenschaften“, so Hartz.

 Viele Original-Funde entdeckt man in den Vitrinen auf Schloss Gottorf, ergänzt durch Repliken des Experimental-Archäologen Harm Paulsen. Schönheit und Funktionalität überraschen. Hatte man sich Steinzeit nicht viel primitiver vorgestellt? Stattdessen sieht der Besucher ausgeklügeltes Jagd- und Fischereiinventar, das in paradiesischer Natur zum Einsatz kam: „Der Vater (32) hatte die Forelle mit dem Fischspeer erlegt. Dafür war er mit seinem Sohn (13) im Einbaum die Küste entlanggefahren bis zur Bachmündung. Auf dem Rückweg legten sie noch eine Reuse mit D-förmigem Eingang am Fischzaun aus.“

 Nach vielen submarinen Grabungen hegt Archäologe und Taucher Sönke Hartz noch einen Wunsch: „Ein Siedlungsplatz oder eine Bestattung dieser Zeit wären mein Traum.“ Neugierig ist er auch, was aus dem kürzlich entdeckten Fundplatz vor Bülk wird. Eine Frage der Finanzierung.

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Ein Artikel von
Susanne Blechschmidt
Lokalredaktion Kiel/SH

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