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Wie die Ostsee geboren wurde

Unser Meer: Die Ostsee Wie die Ostsee geboren wurde

Große Findlinge und spektakuläre Steil- oder Kliffküsten wie die Kreidefelsen auf Rügen, die Caspar David Friedrich 1818 zu seinem berühmten Gemälde inspirierten, prägen neben Moränen als letzte Zeugen der Eiszeiten das Erscheinungsbild der Ostsee-Küsten. Wie das Meer entstand, erklärt Prof. Jan Harff.

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Landschaftsarchitekt Natur: Caspar David Friedrich malte 1818 Rügens Kreidefelsen.

Quelle: The Yorck Project

Kiel. Wie die Ostsee entstand? Ganz einfach, sagt Geologe Prof. Jan Harff.  „Die Ostsee ist ein Modellozean“, schildert der Experte die geologische Sicht – „ein Laboratorium, das von vielen Forschern genutzt wird“. Nirgendwo sonst könne man den „Badewanneneffekt“ von Regression (Zurückweichen des Meeres durch Landhebung) und Transgression (Vordringen des Meeres durch Landsenkung und Meeresspiegelanstieg) auf wenigen 100 Kilometern Abstand so gut studieren wie hier. Besagter Effekt tritt nicht nur bei Sturmfluten auf, sondern er beschreibt auch die langfristigen Ausgleichsgesetze bei der Hebung und Senkung von Landmassen. Während das Land an den südlichen und südwestlichen Ostsee-Küsten weiter absinkt, hebt sich Skandinavien seit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12000 Jahren kontinuierlich an – um neun Millimeter pro Jahr. Es ist das „Echo auf das Abtauen der Gletscherlast“, sagt Harff. In Skandinavien braucht man zur Untersuchung alter Küstenlinien deshalb nur gute Schuhe, im Süden Schiffe.

 Was also war geschehen, das uns noch heute so bewegt? Während der Weichselvereisung – der letzten Eiszeit im Norden – hatte das etwa drei Kilometer starke Inlandeis noch vor rund 15000 Jahren Skandinavien, das Gebiet der Ostsee sowie weite Teile der norddeutschen und polnischen Ebenen und des Baltikums fest im Griff. Das Eis transportierte wie ein riesiges Förderband Sand und Steine – die Geschiebe – von Nord nach Süd und schürfte dabei das Ostseebecken rund 50 Meter tiefer. Harff: „Es entstanden Kaskaden von Becken mit Tiefen von 25 Metern in der Mecklenburger Bucht bis zu 100 Metern bei Bornholm und sogar 250 Metern im östlichen Gotlandbecken.“

Baltischer Eisstausee entstand durch Schmelzwässer

 Als das Klima sich weiter erwärmte, sammelten sich Schmelzwässer vor der Stirn des Eises und bildeten den Baltischen Eisstausee, der sich weiter vergrößerte. „Über eine kurzzeitige Verbindung zu den Weltmeeren durch die mittelschwedische Senke entstand vor rund 11700 Jahren durch das Eindringen von Meerwasser aus dem Nordatlantik das Yoldia-Meer,“ erklärt der Geologe das Ur-Meer der Ostsee, dem die Kaltwassermuschel „Yoldia arctica“ seinen Namen gab. Gleichzeitig stieg durch den Schmelzprozess des Eises der globale Meeresspiegel rasch an. Vor etwa 10500 Jahren wurde durch die Hebung Skandinaviens die vorherige Verbindungen zum Atlantik „wie durch ein Ventil“, so Harff, wieder geschlossen. Damit war das kurze Stadium des Yoldia-Meeres bereits beendet.

 Das Brackwasser wurde wieder süß, angenehm für die Schnecke „Ancylus fluviatilis“, die Taufpatin des neuen Ostseestadiums, den Ancylussee. Dieser Schaukelprozess setzte sich fort und führte durch rapide steigenden Meerespiegel vor etwa 8000 Jahren zu einem dramatischen Wandel des Ökosystems. In kürzester Zeit stieg der Pegel um über 20 Meter und führte zu einem sintflutartigen Eindringen von Ozeanwasser in das Ostseebecken – der Littorina-Transgression. Sie gilt als Geburt der Ostsee. Durch sie wurden Landschaften überflutet, Küsten ertranken und mit ihnen viele frühe Siedlungen. Genau hier liegt die Schnittstelle zu den Nachbarwissenschaften, vor allem zur Archäologie. Die Geschichte der Ostsee? Die, sagt Prof Harff, „kann man nur interdisziplinär betrachten“.

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Ein Artikel von
Susanne Blechschmidt
Lokalredaktion Kiel/SH

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