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Wie geht es dem Patienten Ostsee?

Auf Forschungsfahrt Wie geht es dem Patienten Ostsee?

Ein Forschungsschiff ist kein Kreuzfahrer. Wer mit der „Elisabeth Mann Borgese“ die Ostsee erkundet, weiß das. Die Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) zum Beispiel.

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Der Schadstoffgehalt in der Ostsee sinkt.

Quelle: imago

Helsinki. Sie kennen die Herausforderungen: Stürme, hoher Wellengang, Schlafstörungen, Magenprobleme. Meeresforschung ist harte Arbeit, betrieben von hochqualifizierten Chemikern, Physikern, Biologen und Geologen mit dem Auftrag: Den Zustand des der Ostsee erkunden.

 Michael Naumann ist so etwas wie Chef der elf Wissenschaftler, obwohl er sich nicht als solcher versteht. An Bord sind alle per Du. Der promovierte Geologe hat als Leiter die zweiwöchige Forschungsfahrt geplant. Er besitzt den Überblick über die Arbeitsabläufe, er hat Dienstpläne erstellt und die Kollegen in Schichtarbeit eingeteilt, denn auch wenn nach Mitternacht eine Messstation erreicht ist, beginnen die Untersuchungen nach einem festgelegten Plan: Den Computer hochfahren, der die Messsonde steuert, Wasser- und Bodenproben entnehmen, in den Laboren Sauerstoff- und Schadstoffgehalt und einiges mehr ermitteln.

 „Wir sind von der Helsinki-Kommission verpflichtet worden, den ökologischen Zustand der Ostsee zu kontrollieren“, umschreibt Naumann den Auftrag des IOW. Das Gebiet, das überwacht wird, reicht vom Kieler Leuchtturm bis zum Gotland-Becken. Seit einem halben Jahrhundert sammeln Forscher aus Warnemünde Daten, jedes Jahr auf fünf Forschungsfahrten.

 Die 120. Forschungsfahrt beginnt an einem Morgen kurz vor acht im Stadthafen in Rostock mit einem gemeinsamen Frühstück. Das Team wirkt entspannt, was sich im Verlauf einer solchen Reise naturgemäß ändert. Nächte mit nur vier Stunden Schlaf sind keine Seltenheit, das Programm ist straff, die Belastung hoch. „Die Müdigkeit nimmt stetig zu“, erzählt Naumann. Die Ostsee präsentiert sich an diesem Tag fast wie ein großer Binnensee. Das Schiff muss auf seinem westlichen Kurs weder gegen Wind noch Wellen ankämpfen. An Bord laufen die Vorbereitungen. Um 18.55 Uhr ist die erste Messstation erreicht, nordwestlich von Fehmarn, am Ausgang zum Großen Belt. Elektroingenieur Johann Ruickholt, mit 56 Jahren der Senior unter den Wissenschaftlern, hat seinen Computer hochgefahren, die Messsonde muss ins Wasser. Auftrag der 150000 Euro teuren Tiefsee-Sonde: Mit hochempfindlichen Sensoren Daten liefern über Wassertemperatur und -trübung, Salzgehalt, Chlorophyll. Ruickholt ist schon zu DDR-Zeiten als Ostseeforscher aktiv gewesen, er hat den Umbau des Forschungsschiffes, der früher bei der Marine in Kiel beheimateten „Schwedeneck“, koordiniert und auch das Kompensationsgerät für die Sonde entwickelt, das den Schiffshub ausgleicht. „Früher hatten wir nur analoge Geräte, jetzt ist alles digital“, erzählt der Hobbysegler, der seit 1992 bei der Warnemünde Woche den Ergebnisdienst leitet.

 Kurz vor Mitternacht der zweite Einsatz. Die westlichste Station ist erreicht, neun Seemeilen nordöstlich des Kieler Leuchtturms. Ruickholt steuert die Messsonde und überwacht an Monitoren, was deren hochauflösende Kameras zeigen. An Seesternen und Muscheln mangelt es in 17,90 Metern Tiefe bei einer Temperatur von 4,1 Grad nicht, an der Oberfläche werden 1,7 Grad gemessen. „Relativ warm für Januar“, kommentiert er. Die Wasserproben werden an Deck in Glaskugeln gefüllt. Nun beginnt die Arbeit der Chemielaborantinnen Ines Hand und Andrea Tschakste im Labor. Schadstoffe sollen ermittelt werden, die Nacht wird mal wieder kurz sein. Ein Ergebnis, dass die Ostseekontrolleure seit Jahren bereits feststellen: Durch den Bau zahlreicher Kläranlagen nach dem Fall des Eisernen Vorhanges ist die Schadstoffbelastung kontinuierlich zurückgegangen.

 14 Tage und 1478 Seemeilen später sind die Wissenschaftler zurück in Warnemünde. Sie haben 88 Messstationen abgefahren und die sauerstoffarmen oder komplett sauerstofffreien „Todeszonen“ in der tiefen Ostsee kontrolliert, in denen nur Mikroorganismen leben. Sie mussten zwei heftigen Stürmen trotzen, eine Kollegin wurde seekrank. Wer Ostseeforschung betreibt, sollte eben neben Leidenschaft auch über ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit verfügen.

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