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Neugebauers Leidenschaft ist geblieben

Ehemaligentreffen: Günter Neugebauer Neugebauers Leidenschaft ist geblieben

Sie haben in den vergangenen 20 Jahren die Politik in Schleswig-Holstein mit geprägt, waren Abgeordnete, Fraktionschefs, Landtagspräsidenten, Minister, Parteivorsitzende. Die Kieler Nachrichten treffen die „Ehemaligen“. Was trieb sie in der Politik an? Was waren die Höhe- und die Tiefpunkte ihrer Karriere? Und was machen sie heute? Zum Beispiel: Günter Neugebauer (SPD).

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Günter Neugebauer (66) gehört zu den sozialdemokratischen Urgesteinen.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Er ist schon seit 2009 „außer Dienst“. Aber wenn die Sprache auf den Landeshaushalt kommt, kann sich Günter Neugebauer immer noch ereifern, als stünde er im Plenarsaal am Rednerpult. Im Landtag hat der gelernte Betriebsprüfer der Steuerverwaltung genau 30 Jahre lang für den sparsamen Umgang mit öffentlichem Geld gekämpft. „Finanzpolitik war immer meine Leidenschaft“, bekennt der heute 66-Jährige.

 Die Beharrlichkeit, mit der er in seiner Abgeordneten-Zeit seine Themen verfolgt, macht ihn oft zur Zielscheibe liebevoller Spötteleien seiner eigenen Genossen. Denn Neugebauer lässt auch dann nicht locker, wenn er chancenlos ist, eine Mehrheit für seine Position zu finden. So rüttelt er ohne Aussicht auf Erfolg – zusammen mit einer kleinen Schar von Mitstreitern – regelmäßig zu den Haushaltsberatungen an einem Tabu: dem Kirchenstaatsvertrag, in dem die Leistungen des Landes an Kirchen und Religionsgemeinschaften geregelt sind. Er beklagt, dass allein die evangelisch-lutherische Kirche rund zwölf Millionen Euro im Jahr erhalte – trotz drastisch rückläufiger Mitgliederzahlen. Vor allem aber stößt er sich seit eh und je an der Ewigkeitsklausel, wonach der 1956 geschlossene Vertrag nicht kündbar ist. Das sei undemokratisch. Denn: „Weltliche Gesetze sind nicht für die Ewigkeit gedacht.“

 Neugebauer geht’s ums Prinzip – immer, nicht nur bei Zahlungen an die Kirchen. Als die erdrückende Mehrheit aus CDU und SPD während der letzten Haushaltsberatungen der Großen Koalition kurz mal die allgemeinen Ausgaben um knapp 30 Millionen Euro weiter erhöht, stellt er sich quer. Seinen Kollegen sei bekannt, dass er da eine „restriktivere Auffassung“ habe, gibt der Abgeordnete am Rednerpult zu Protokoll. Wenn es so weitergehe, werde das Land seine Handlungsfähigkeit verlieren.

 Der Steuerbeamte ist von 1974 bis 1988 Ratsherr in Rendsburg. Von 1979 bis 2009 gehört er ununterbrochen dem Landtag an, so lange wie bisher kein anderer. Von 1988 bis 1996 ist er parlamentarischer Vertreter des Wirtschaftsministers, von 1996 bis 2005 finanzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, danach bis zu seinem Ausscheiden Vorsitzender des Finanzausschusses. Den – „vormals schwarzen“ – Wahlkreis Rendsburg gewinnt er jedes Mal direkt. „Darauf bin ich ein bisschen stolz.“

 Ein Wegbegleiter und politischer Konkurrent, der CDU-Kreischef von Rendsburg-Eckernförde, frühere Landtagsfraktionsvorsitzende und heutige Bundestagsabgeordnete, Johann Wadephul, beschreibt den Sozialdemokraten so: „Der Steuerzahler konnte sich keinen sparsameren Anwalt im Parlament wünschen. Bei dieser „schottischen Mission“ war er auch von der eigenen Partei nicht zu beeinflussen. Immer geradeaus und nie hintenrum.“

 Neugebauers Beharrlichkeit ist wahrscheinlich auch in seiner langen Erfahrung begründet. Achtmal macht er einen Landtagswahlkampf mit. Er erlebt in seiner Laufbahn alle Höhen und Tiefen in der jüngeren Geschichte Schleswig-Holsteins hautnah.

 Als „ganz schlimm“ hat er die ersten Jahre in Erinnerung. Damals sitzen sich im Parlament Vertreter von zwei Landesverbänden gegenüber, die im CDU-Spektrum rechtsaußen und im SPD-Spektrum linksaußen angesiedelt sind. „Schleswig-Holstein war ein anderes Land, als ich mit 30 Jahren in den Landtag kam. Es war die Zeit der Polizei-Großeinsätze in Brokdorf, der NDR wurde als Rotfunk diffamiert, es gab keine parlamentarischen Minderheitenrechte“, erzählt Neugebauer. „Die Gräben waren tief. Im Plenarsaal haben wir uns gegenseitig beschimpft, außerhalb des Plenarsaals kein Wort miteinander gewechselt.“

 Die Jahre nach Uwe Barschel, der Machtwechsel zur SPD und Björn Engholm im Jahr 1988 kommen ihm vor wie ein „Befreiungsschlag“. Er sagt: „Die schönste Zeit war von 1988 bis 1992. Wir hatten alle Wahlkreise direkt gewonnen und konnten, ausgestattet mit einer absoluten Mehrheit, endlich die notwendigen Reformen umsetzen.“

 Jetzt im Ruhestand engagiert sich Neugebauer vor allem auf historischem Gebiet. Er gehört dem Vorstand der Gesellschaft für Rendsburger Stadt- und Kreisgeschichte an und ist Landessprecher der Organisation „Gegen Vergessen. Für Demokratie“, die sich mit „beiden deutschen Unrechtssystemen“ befasse. Und natürlich setzt sich der Sozialdemokrat auch akribisch mit der eigenen Geschichte und der des Landtags auseinander. Im Ruhestand hat er ein Buch geschrieben: „Das Wort hat der Abgeordnete Neugebauer“.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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Foto: Ute Erdsiek-Rave (68) gehörte nach ihrem Einzug in den Landtag 1987 schon bald zum Führungskreis in der SPD Schleswig-Holstein. Lange war sie als mögliche Nachfolgerin der Ministerpräsidentin Heide Simonis im Gespräch. Erdsiek-Rave wurde in Heide geboren und lebt in Kronshagen. Von Beruf ist die ehemalige Bildungsministerin Lehrerin. Sie hat einen Sohn und ist mit dem Juristen Klaus Rave verheiratet.

Sie haben in den vergangenen 20 Jahren die Politik in Schleswig-Holstein mit geprägt, waren Abgeordnete, Fraktionschefs, Landtagspräsidenten, Minister, Parteivorsitzende. Die Kieler Nachrichten treffen die „Ehemaligen“. Was trieb sie in der Politik an? Was waren die Höhe- und die Tiefpunkte ihrer Karriere? Und was machen sie heute? Zum Beispiel: Ute Erdsiek-Rave (SPD).

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