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Erdsiek-Rave: Endlich ohne Druck

Ehemaligentreffen: Ute Erdsiek-Rave Erdsiek-Rave: Endlich ohne Druck

Sie haben in den vergangenen 20 Jahren die Politik in Schleswig-Holstein mit geprägt, waren Abgeordnete, Fraktionschefs, Landtagspräsidenten, Minister, Parteivorsitzende. Die Kieler Nachrichten treffen die „Ehemaligen“. Was trieb sie in der Politik an? Was waren die Höhe- und die Tiefpunkte ihrer Karriere? Und was machen sie heute? Zum Beispiel: Ute Erdsiek-Rave (SPD).

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Ute Erdsiek-Rave (68) gehörte nach ihrem Einzug in den Landtag 1987 schon bald zum Führungskreis in der SPD Schleswig-Holstein. Lange war sie als mögliche Nachfolgerin der Ministerpräsidentin Heide Simonis im Gespräch. Erdsiek-Rave wurde in Heide geboren und lebt in Kronshagen. Von Beruf ist die ehemalige Bildungsministerin Lehrerin. Sie hat einen Sohn und ist mit dem Juristen Klaus Rave verheiratet.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Sie ist wieder ganz die Alte. Wenn Ute Erdsiek-Rave Anekdoten aus ihrem politischen Leben erzählt, spielt wie früher ein spöttisches Lächeln um ihre Mundwinkel. Sie ist offenbar im Reinen mit sich, mit dem Erreichten zufrieden – trotz des bitteren Endes ihrer Karriere. „Das war sicher das Negativste in meiner Amtszeit“, stellt sie nüchtern fest.

 Als der Landtag im Hochsommer 2009 zu einer Sondersitzung zusammenkommt, spielen sich dramatische Szenen ab. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen stellt die Vertrauensfrage, die Entlassung der vier SPD-Minister steht unmittelbar bevor, die Große Koalition ist zerbrochen. Im Foyer machen die Sozialdemokraten ihrem Ärger Luft. Mitten im Getümmel: die Bildungsministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin. In der Regel wirkt sie etwas distanziert, jetzt ist sie völlig aufgelöst. „Er setzt sich ins Unrecht. Er ist nicht mehr Herr des Verfahrens. Er lässt sich dermaßen von den eigenen Leuten unter Druck setzen“, klagt die Sozialdemokratin über Carstensen, mit dem sie – trotz aller Querelen zwischen CDU und SPD – vier Jahre lang so gut zusammengearbeitet hat. Sie verspüre eine „tiefe menschliche Enttäuschung“.

 Diese Enttäuschung rührt wohl auch daher, dass Erdsiek-Rave selbst im schwarz-roten Bündnis immer auf ein faires Miteinander gesetzt hat. Wo SPD-Fraktionschef Ralf Stegner polarisiert und attackiert, sucht sie den Ausgleich. „Ich halte eine Große Koalition nicht für das Nonplusultra“, sagt die 68-Jährige rückblickend. „Aber wenn man sie eingeht, kann man sie nicht ständig in Frage stellen.“ Im Landeshaus weiß jeder um die tiefe Abneigung, die sie und ihren Ex-Staatssekretär Stegner schon seit Langem verbindet. Heute sagt sie nur soviel zu dem Thema: „Wir haben nach wie vor ein Unverhältnis.“

 Mit dem Ende der Großen Koalition wird der Schlussstrich unter eine lange politische Karriere der ehemaligen Lehrerin gezogen: seit 1987 Landtagsabgeordnete aus Rendsburg-Eckernförde, von 1992 bis 1996 Landtagspräsidentin, von 1996 bis 1998 SPD-Fraktionschefin. Dann bekommt Erdsiek-Rave ihren Traumjob, in dem sie – erst unter Heide Simonis, dann eben unter Carstensen – elf Jahre die Bildungslandschaft im Land maßgeblich mitgestaltet.

 Ausgerechnet Schwarz-Rot, nicht etwa Rot-Grün gilt als ihre erfolgreichste Zeit. Die Sozialdemokraten setzen 2005 in den Koalitionsverhandlungen ihr bisher größtes Reformvorhaben durch: die Gemeinschaftsschule, die in den kommenden Monaten das Regierungsbündnis immer wieder vor die Zerreißprobe stellen wird.

 Das längere gemeinsame Lernen – und die Inklusion – sind für Erdsiek-Rave eine Herzensangelegenheit. Heute ist die Gemeinschaftsschule etabliert. Damals scheint es eine tollkühne Idee der SPD-Oberen zu sein, damit in den Wahlkampf zu ziehen. Noch mehr verwundert 2005 viele die Entschlossenheit der sonst so vorsichtigen Bildungsministerin. Sie selbst sagt dazu: „Wir hatten in Umfragen eine Mehrheit für das längere gemeinsame Lernen. Und es war offensichtlich, dass die Hauptschule – trotz aller Bemühungen, sie zu stärken – auslaufen würde.“

 Ein Weggefährte Erdsiek-Raves, der Bildungsexperte, Landtagsabgeordnete und Kieler SPD-Kreisvorsitzende Jürgen Weber, schildert seine Erfahrungen: „In der Simonis-Regierung bis 2005 hat sie die Strukturreform der Schulen eher defensiv betrieben. Mit unserem Wahlprogramm im Rücken hat sie seit Beginn der Großen Koalition die Gemeinschaftsschule mit unglaublicher Energie und Akribie zum Erfolg geführt.“

 Erdsiek-Rave ist ihren Themen auch im Ruhestand treu geblieben. Sie leitet das Netzwerk Bildung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und ist Vorsitzende des Expertenkreises „Inklusive Bildung“ der deutschen Unesco-Kommission. „Bei der Inklusion geht es nicht allein um Kinder mit Behinderungen, sondern um ein Gegenbild zu einer Gesellschaft, die immer weiter auseinanderfällt“, begründet sie ihr Engagement. Dabei sieht sie – trotz aller Schwierigkeiten in der Umsetzung – Schleswig-Holstein auf einem guten Weg. Hier habe man schließlich mit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 auf lange Erfahrungen mit der Integration an den Schulen anknüpfen können.

 Trotz Reisen, Vorträgen, langen Sitzungstagen, im Ruhestand ist das Arbeitstempo längst nicht mehr so hoch. Sie sei seit 2009 so oft im Theater, in der Oper und in Museen gewesen wie in den ganzen 20 Jahren zuvor nicht, sagt Erdsiek-Rave. Natürlich habe sie ihre Jobs geliebt, aber da sei auch immer ein Korsett gewesen. „Jetzt ist der Druck von mir abgefallen.“

 Am kommenden Montag lesen Sie: Günter Neugebauer (SPD).

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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