16 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Bis heute ein Sozialliberaler

Ehemaligentreffen: Jürgen Koppelin Bis heute ein Sozialliberaler

Wie alle „Ehemaligen“ legt er Wert auf die Feststellung, den heute noch Aktiven keine Ratschläge erteilen, nicht zu viel von alten Zeiten sprechen zu wollen. Denn sonst sage die junge Generation nur: „Opa erzählt wieder vom Krieg.“ Doch der Redefluss von Jürgen Koppelin ist kaum zu stoppen.

Voriger Artikel
Pragmatiker mit Überzeugung
Nächster Artikel
Plötzlich saß sie im Parlament

Jürgen Koppelin (69) wurde in Wesselburen in Dithmarschen geboren, lebt in Bad Bramstedt und St. Peter-Ording. Von 1990 bis 2013 gehörte er dem Bundestag an. Als Obmann im Haushaltsausschuss machte er Mittel für die dänischen Schulen locker, mit denen Kürzungen von Schwarz-Gelb im Land (2009 bis 2012) ausgeglichen werden konnten.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Kein Wunder, seine Entwicklung vom jungen Wilden zum Bundestagsabgeordneten und Landeschef der FDP bietet Stoff für viele Anekdoten.

 Es sind die 60er-Jahre, die Zeit von Notstandsgesetzen und Großer Koalition im Bund. Koppelin schließt sich den Jungdemokraten, der früheren Jugendorganisation der Liberalen, an. „Wir waren Revoluzzer“, sagt er. Auf Parteitagen legen sie sich mit dem Establishment an, provozieren. „Ich bin nach vorn gegangen und habe Mao Zedong zitiert: ,Hinter dem Rücken anderer Leute zu reden, ist eine Form des Liberalismus.’ Wobei für Mao ,Liberalismus’ natürlich ein Schimpfwort war.“

 Schon damals will er die FDP „umformen“, von konservativ zu sozialliberal. Ein Sozialliberaler ist er bis heute geblieben. „Unsere beste Koalition war die mit der SPD unter Helmut Schmidt“, schwärmt der 69-Jährige. Eine Tendenz zur Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten ist ihm offenbar in die Wiege gelegt: „Meine ganze Familie ist eher SPD.“ Der Name eines seiner Onkel ist in der Landeshauptstadt vielen bekannt: Gustav Schatz, erster Geschäftsführer der ehemals kommunalen Kieler Wohnungsbaugesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.

 Doch der FDP-Mann aus Bad Bramstedt fasst den Begriff „sozialliberal“ weiter, will ihn nicht als Festlegung auf Bündnisse mit der SPD verstanden wissen. Vor allem meint er damit Programmatik und Weltanschauung. Die Öffnung der Partei im Norden beginnt Anfang der 70er-Jahre mit Landeschef Uwe Ronneburger, Koppelins Vorbild und väterlichem Freund. Die FDP will nun staatliche Hilfen für Menschen, die sich selbst nicht helfen können, stellt sich später gegen den Bau des Kernkraftwerkes Brokdorf, geht schließlich voll auf atomkritischen Kurs. Und: Als die Liberalen 2009 nach 38 Jahren wieder in eine – schwarz-gelbe – Landesregierung eintreten können, ist ihnen der Zugriff auf das Sozialministerium wichtiger als das Wirtschaftsministerium.

 Koppelins beruflicher Weg ist nicht geradlinig. Er macht eine Banklehre, wird Zeitsoldat und landet schließlich als Vertriebs- und Promotionsmanager bei Philips/Polygram. Dort betreut er Künstler wie Nana Mouskouri, Didi Hallervorden und Elton John. Ein wenig Verwunderung über diesen Job klingt mit, wenn er sagt: „Außer Banknoten kannte ich doch gar keine Noten.“ Trotzdem, die Noten lassen ihn nicht los. 1981 wechselt er zum NDR in Kiel, baut das Musikprogramm mit auf und moderiert das „Notenlotto“. Neun Jahre später startet Koppelin politisch durch, kommt in den Bundestag, bleibt Abgeordneter bis 2013. Die Stationen: Fraktionsmanager, Mitglied der Parlamentarischen Kontrollkommission zur Überwachung der Geheimdienste, FDP-Obmann im Haushaltsausschuss. 1993 wird er Parteichef im Norden, steht bis 2011 an der Spitze des Verbandes.

 23 Jahre Bundestag hinterlassen Spuren: Projekte, die der Liberale (mit) angeschoben hat, treiben ihn auch im Ruhestand um. Er macht sich für den Erhalt von Denkmälern und Kirchen stark. Viel Zeit kostet sein Engagement für die Pflege der 150 Jahre alten Beziehungen zwischen Deutschland und Thailand. Koppelin unterstützt Prinzessin Sirindhorn – wegen ihres Fachwissens auch „Prinzessin der Technologie“ genannt – bei ihren sozialen, kulturellen und ökologischen Projekten, wirbt in Vorträgen für ein besseres gegenseitiges Verständnis. Und natürlich ist der FDP-Mann der Härtefall-Stiftung treu geblieben, sitzt ihrem Beirat vor. Sie kümmert sich um strahlengeschädigte Soldaten der früheren Nationalen Volksarmee und der Bundeswehr. Auch Soldaten, die von Auslandseinsätzen traumatisiert zurückkehren, können auf Hilfe zählen.

 Ein Wegbegleiter, der einstige SPD-Bundestagsabgeordnete und Kieler Oberbürgermeister Norbert Gansel, sagt über ihn: „Schon ein sozialliberales Urgestein, äußerlich früh verwittert, aber innerlich immer jung. Kreativ und innovativ. Kritisch und auch unbequem – ein richtig guter Parlamentarier. Klare Worte und auch laute. Aber es gibt auch den stillen Koppelin, zum Beispiel in seinem Engagement für das Jüdische Museum in Berlin und in der notwendigen und undankbaren – weil nicht öffentlichen – Kontrolle der Nachrichtendienste.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

Mehr zum Artikel
Serie Ehemaligentreffen: Claus Möller (SPD)
Foto: Claus Möller (73) wurde in Bornhöved geboren und lebt in Kiel. Dort war er Ordnungs- und Personaldezernent sowie erster Umweltdezernent, bevor er 1988 Sozialstaatssekretär wurde. Möller übernahm 1993 das Amt des Finanzministers mit dem Bereich Energie, den er immer als seine „Kür“ betrachtete, und blieb zehn Jahre Ressortchef. Von 2003 bis 2007 war er SPD-Landesvorsitzender. Möller ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Es soll der Abschluss seiner politischen Karriere sein: Der scheidende Finanzminister bringt im Frühjahr 2003 den Gesetzentwurf für die Fusion der Landesbanken von Hamburg und Schleswig-Holstein zur HSH Nordbank in den Landtag ein.  Doch kurz nach seiner letzten Landtagsrede beginnt sein zweites politisches Leben. Claus Möller (73) wird buchstäblich über Nacht Chef des krisengeschüttelten SPD-Landesverbandes.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr