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Einer, der eine Lücke hinterließ

Ehemaligentreffen: Lothar Hay Einer, der eine Lücke hinterließ

Sie haben in den vergangenen 20 Jahren die Politik in Schleswig-Holstein mit geprägt, waren Abgeordnete, Fraktionschefs, Landtagspräsidenten, Minister, Parteivorsitzende. Die Kieler Nachrichten treffen die „Ehemaligen“. Was trieb sie in der Politik an? Was waren die Höhe- und die Tiefpunkte ihrer Karriere? Und was machen sie heute? Zum Beispiel: Lothar Hay (SPD).

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Lothar Hay wurde in Hattstedt (Nordfriesland) geboren und lebt in Flensburg. Schnell gelangte der Sozialdemokrat in Führungspositionen. Als noch während der Regierungszeit von Heide Simonis innerparteilich über ihre Nachfolge spekuliert wurde, fiel sein Name immer wieder. Doch er versuchte, allen Gerüchten schnell ein Ende zu machen. Der ehemalige Lehrer gehörte 20 Jahre lang dem Landtag an. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. In seinen zwei Jahrzehnten als Abgeordneter, SPD-Fraktionschef und Innenminister hat er jede Menge Krisen, Scharmützel und unterschiedlichste Regierungskonstellationen miterlebt: absolute SPD-Mehrheit, Rot-Grün, Große Koalition, Schwarz-Gelb. Immer gilt Lothar Hay als der ruhende Pol in der Landespolitik, als Integrationsfigur schlechthin. „Ich war nie der typische Machtpolitiker“, sagt der heute 64-Jährige über sich.

 Doch gegen Ende seiner Abgeordneten-Zeit platzt ihm ausgerechnet wegen eines innerparteilichen Konflikts der Kragen. Der Sozialdemokrat kündigt an, zur Landtagswahl 2012 nicht noch einmal anzutreten – und rechnet mit dem damaligen Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig und Landeschef Ralf Stegner ab. Von Albig sei er „enttäuscht“, von Stegner habe er den „Rücktritt“ erwartet, teilt er der Fraktion mit.

 Es ist die Zeit nach dem SPD-Mitgliederentscheid im Frühjahr 2011: Hunderte sind zu jeder Veranstaltung geströmt, um den Kampf der Giganten um die nächste Spitzenkandidatur hautnah mitzuerleben. Albig, Hoffnungsträger der Parteibasis, siegt in der Abstimmung haushoch. Stegner – nicht nur für viele Bürger, sondern auch für viele Genossen das Enfant terrible – fährt eine krachende Niederlage ein. Sein politisches Schicksal scheint besiegelt, bis zum nächsten Tag.

 Albig übt den Schulterschluss mit dem ehemaligen Erzrivalen, empfiehlt ihn zur Wiederwahl als Landeschef. Die Anhänger des Gewinners sind frustriert, auch Hay. „Albig hätte der Partei niemals solche Vorgaben machen dürfen, sondern sie frei entscheiden lassen müssen“, sagt er heute. „Ihr seinen Willen aufzudrängen, widerspricht meinem Demokratieverständnis.“

 Der frühere Lehrer und Flensburger Stadtpräsident zieht 1992 in den Landtag ein. 1993 stürzt Björn Engholm wegen seines (Mit-) Wissens in der Barschel-Pfeiffer-Affäre. Ein Riss geht durch Partei und Fraktion. Hay gehört zu einer Minderheit, die auch die Rolle der SPD-Oberen kritisch bewertet. „Sozialdemokraten müssen sich der Mitverantwortung für die Fehler, die sie gemacht haben, stellen“, erklärt er. 1996 wird der SPD-Politiker Vorsitzender des Finanzausschusses, 1998 Chef der größten Regierungsfraktion. In seine zehnjährige Amtszeit fällt der tiefe Fall von Heide Simonis. Auch Hay glaubt, dass ein Genosse der Abweichler ist. Am Abend des 17. März 2005 erklärt er erschüttert: „Das ist einer der schwärzesten Tage der Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein.“

 Anfang 2008 gibt er den Fraktionsvorsitz auf, tauscht mit dem damaligen Innenminister Stegner den Job, weil der auf Druck der CDU das Kabinett verlassen muss. Innenminister bleibt Hay bis zum Ende der Großen Koalition 2009, danach – bis zur Landtagswahl 2012 – ist er „nur“ noch Abgeordneter.

 Ihrem alten Vorsitzenden trauern viele SPD-Abgeordnete noch lange nach. Dass Hay damals den Weg für Stegner aus Parteiräson hat freimachen müssen, geht ihnen mächtig gegen den Strich. Kaum ein anderer Fraktionschef ist in den eigenen Reihen so beliebt und über die Parteigrenzen im Landtag hinweg so respektiert wie er. FDP-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Kubicki, vor dessen Spott eigentlich weder Freund noch Feind sicher sind, sagt über ihn anerkennend: „Er war ein im Umgang sehr angenehmer Kollege, in der Sache hart, aber nie kompromisslos.“

 Die Fähigkeit zu integrieren, ist noch heute in Hays politischen Ämtern gefragt. Als Vorsitzender des Medienrats, des Aufsichtsgremiums der Landesmedienanstalt Hamburg und Schleswig-Holstein, wacht Hay seit 2012 mit seinen 13 Mitstreitern über das Programm des Privatfunks, kümmert sich um die Förderung von Medienkompetenz in den Schulen und vergibt – ganz aktuell – die Lizenzen für die fünf geplanten Lokalradios.

 Das Engagement im ADS-Grenzfriedensbund ist für ihn hingegen schon lange Ehrensache. Seit 30 Jahren setzt sich der Flensburger für das friedliche Miteinander der Kulturen und Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland ein. Seit 2008 ist er Vorsitzender der Organisation, die aus zwei – in der Nachkriegszeit entstandenen – konkurrierenden Verbänden hervorgegangen ist. Natürlich sei der Grenzfriedensbund eine politische Organisation und habe zum Beispiel die von der schwarzen-gelben Koalition beschlossenen Kürzungen an den dänischen Schulen heftig kritisiert. Zum Für oder Wider der Regierungsbeteiligung des SSW will er aber nichts sagen: „Da halten wir uns raus.“

 Am nächsten Montag lesen Sie: Emil Schmalfuß (parteilos).

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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