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Plötzlich saß sie im Parlament

Ehemaligentreffen: Irene Fröhlich Plötzlich saß sie im Parlament

„Grün“ und „Fröhlich“, das gehört über Jahre zusammen, wird zum „Markenzeichen“ der Ökopartei. Wenn sie heute über die alten Zeiten spricht, erinnert Irene Fröhlich immer noch an die Ur-Grüne, die sie verkörpert hat: freundlich, engagiert, resolut, manchmal ein wenig gutgläubig.

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Bis heute ein Sozialliberaler

Immer noch mit ganzem Herzen dabei: Auch nach ihrer Zeit als Landespolitikerin engagiert sich Irene Fröhlich für soziale Projekte.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Mit ihr als Spitzenkandidatin schafft die Partei 1996 nach langem Warten den Sprung ins Parlament – und tritt gleich in eine Regierungskoalition mit der SPD ein. Die Grünen müssen durch eine harte Schule, um in der Realpolitik anzukommen. „Wir waren auf der Straße und im nächsten Moment schon in der Regierung“, sagt die heute 71-Jährige.

 Von den Genossen werden die Neulinge nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Sie haben die Grünen hierzulande lange kleinhalten können, weil sie von Anfang an selbst mit an der Spitze der Bewegung für Umweltschutz und gegen Atomkraftwerke stehen. Jetzt ist die absolute Mehrheit der SPD gebrochen. Sie braucht die Ökopartei, um weiter regieren zu können – auch wenn Heide Simonis schimpft: „Ich küsse doch nicht jeden Frosch.“ Heute findet die Ex-Ministerpräsidentin versöhnlichere Worte: „Irene Fröhlich ist die einzige Politikerin, die ich kenne, die mit ihrer Art ihrem Namen alle Ehre macht.“

 Die sechs Neu-Parlamentarier ahnen 1996, dass das Regieren kein Spaziergang wird. „Das war eine Riesenverantwortung, die da auf uns zukam“, erinnert sich die ehemalige Spitzenfrau aus Husum. „Im Wahlkampf kann man reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist“, sagt sie. Nach der Wahl wird Fröhlich Fraktionschefin. Anders als auf der Straße gilt es im Landtag zu taktieren, jeder Satz muss durchdacht sein, die Fraktion steht unter Beobachtung der Presse – und natürlich ihrer alten Freunde, zum Beispiel der Atomkraftgegner. Sie demonstrieren jetzt vor dem Landeshaus und erwarten, dass Brokdorf, Brunsbüttel und Krümmel ganz schnell vom Netz gehen. War das nicht das gemeinsame Ziel? „Eine Art Entfremdung trat ein, wir verloren eine Menge Unterstützer, für mich war das fast so etwas wie ein Trauma“, erzählt Fröhlich.

 Sie versucht, Akzente auf ihrem ureigensten Gebiet – der Ausländer- und Flüchtlingspolitik – dagegenzusetzen. Auf Initiative der Grünen führt der Landtag einen Flüchtlingsbeauftragten ein. Und frühzeitig wird in Schleswig-Holstein eine Härtefallkommission für Ausländer, deren Aufenthaltsrecht abläuft, ins Leben gerufen. Dennoch, die Neuen können nicht Fuß fassen. 1998 macht ihnen eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen im Fall „Pallas“ zu schaffen. Der Holzfrachter ist vor Amrum gestrandet und gerät in Brand, dem zuständigen – grünen – Umweltminister Rainder Steenblock wird „schlechtes Krisenmanagement“ vorgeworfen.

 Und natürlich versucht die Opposition, sich die Unerfahrenheit der kleinen Fraktion zunutze zu machen und aus den Widersprüchen im Regierungslager – ob bei Atomkraftwerken oder A20 – Honig zu saugen. Hilfe kommt ausgerechnet von Wirtschaftsminister Peer Steinbrück, mit dem die Grünen intern über Kreuz liegen. „Er war ein ganz harter Hund“, sagt Fröhlich. „Aber im Landtag hat er zur Koalition wie eine Eins gestanden und die Argumente von CDU und FDP mit kaltem Spott auseinandergenommen.“

 Die gelernte Erzieherin ist schon lange vor ihrer Landtagszeit politisch aktiv. Sie zählt zu den Mitbegründern der Grünen Liste Schleswig-Holstein, einer Vorläuferorganisation der Grünen, und sammelt später Erfahrungen in der Kommunalpolitik. Zur Landtagswahl 2000 wird sie wie schon 1996 Spitzenkandidatin. Aber die Grünen rutschen von 8,1 auf 6,2 Prozent ab. Fröhlich – gesundheitlich angeschlagen – gibt entnervt den Fraktionsvorsitz auf, als ein Parteifreund in einer Zeitung anonym mit der Forderung zitiert wird: „Die Zicken müssen weg.“ Bis 2005 bleibt sie Abgeordnete im Landtag.

 Danach wird ihr Leben etwas ruhiger. Heute ist die Grüne als Schöffin tätig, arbeitet für den Husumer „Pole Poppenspäler Förderkreis“, der sich für den Erhalt des Figurenspiels als Theaterform einsetzt. Und sie bearbeitet wieder das Feld, das ihr seit eh und je am Herzen liegt. Als Vorsitzende des „Bündnisses eine Welt“ in Schleswig-Holstein, einem Dachverband von rund 80 Gruppen, kümmert sich Fröhlich um die Probleme der Menschen in Entwicklungsländern. Dazu passt ihr Engagement in dem tansanisch-deutschen Chor „Punda milia“, was übersetzt „Zebra“ heißt. Ihr Elan scheint ungebrochen. Ihr neuestes Ziel: ein Wohnprojekt für Jung und Alt in einer früheren Schule in Husum.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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