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Willkommen im Containerdorf

Flüchtlinge in Kiel Willkommen im Containerdorf

Es ist Dienstag gegen 13 Uhr. „Willkommen“ steht auf dem Plakat, das Helfer aufgehängt haben. Zaun und Wohncontainer erinnern entfernt an eine Großbaustelle. Wir treffen den Kieler Ratsherrn Çetin Yıldırım von Pickardt (CDU) vor der bisher einzigen Erstaufnahme für Flüchtlinge in Kiel auf dem Nordmarksportfeld.

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Auch in Kiels Erstaufnahmeeinrichtung am Nordmarksportfeld reisen immer mehr Flüchtlinge an.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. 640 Menschen sollen hier laut Innenministerium Platz finden. Sie stammen aus Krisenregionen wie Syrien, Irak oder Afghanistan, aber auch aus vermeintlich sicheren Ländern wie Albanien, Kosovo und Serbien.

Mit bis zu 60000 Flüchtlingen im Jahr 2015 für ganz Schleswig-Holstein rechnet von Pickardt, CDU-Fraktionssprecher für Migration. Im Vorjahr wurden nur rund 7600 Asylanträge gestellt. Die Zahlen des Innenministeriums bekräftigen die Prognose des Ratsherrn: Allein im September und Oktober kamen rund 19000 Flüchtlinge ins Land.

Drei bis sechs Wochen in der Erstaufnahme

Nach ihrer Ankunft kommen die Asylbewerber zunächst in eine Erstaufnahmeeinrichtung, wo sie rund drei bis sechs Wochen wohnen. In der Zeit stellt das Landesamt für Ausländerangelegenheit die Identität der Flüchtlinge fest und nimmt ihre Asylanträge auf. Die Ankommenden werden versorgt, ärztlich untersucht und erhalten erste Sprachkurse.

Zwischen 320 und 2250 Flüchtlinge leben in den Einrichtungen zusammen, die räumlichen Verhältnisse sind eng. Auch die Verständigung zwischen den Flüchtlingen ist wegen der vielen unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen nicht einfach. So kommt es zu Auseinandersetzungen. Manchmal muss die Polizei einschreiten. Neben der polizeilichen Präsenz ist zudem rund um die Uhr ein privater Sicherheitsdienst vor Ort, um dazu beizutragen, fremdenfeindliche Angriffe auf die Flüchtlinge zu verhindern. Die Wachleute achten darauf, wer in den inneren Bereich des Containerdorfes kommt. „Das gebietet die Schutzpflicht des Staates“, erinnert von Pickardt. Komme es trotz der Maßnahmen zu Übergriffen, dürfe es kein Pardon für die Täter geben.

Die Plätze klingen nur viel

Landesweit stehen derzeit rund 11000 Erstaufnahmeplätze in zwölf verschiedenen Einrichtungen bereit. Das klingt viel, reicht aber nicht aus, um den Flüchtlingsansturm künftig zu bewältigen. Deshalb sucht das Land laufend neue Standorte oder bemüht sich, bestehende Erstaufnahmeeinrichtungen zu vergrößern.

Die Suche nach neuen Standorten ist schwierig. Das Angebot an ehemaligen Gebäuden der Bundeswehr, die für eine Unterbringung von Flüchtlingen in Frage kommen, ist scheinbar erschöpft. Der Neubau von Gebäuden verspricht wegen der langen Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeit keinen kurzfristigen Erfolg. Wohncontainer sind eine Option, wie das Nordmarksportfeld zeigt. Allerdings hat die gestiegene Nachfrage den Preis für Container in die Höhe schnellen lassen. Von Pickardt berichtet: „Wohncontainer, die im Sommer für etwa 7000 bis 9000 Euro zu haben gewesen sind, kosten inzwischen fast 15000 Euro, wenn sie denn überhaupt noch am Markt verfügbar sind.“

Innenministerium kauft weiter Container

Eine Unterbringung der Flüchtlinge in Zelten kommt wegen der bevorstehenden Wintermonate allenfalls als vorübergehende Notlösung in Betracht, sofern alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Jüngst vermeldete das Innenministerium, man habe eine große Zahl weiterer Wohncontainer eingekauft. Damit könnte die Zeltlösung jedenfalls für diesen Winter vom Tisch sein. Unsere wiederholte Interview-Anfrage ließ das Innenministerium unbeantwortet.

Die Mindestanforderungen an die Größe und Lage einer Erstaufnahmeeinrichtung erschweren die Suche nach geeigneten Standorten. 500 bis 600 Plätze müssen zur Verfügung stehen; der Flächenbedarf für Wohnen, Sanitär, medizinische Versorgung, Kinderbetreuung, Verwaltung, Polizei und Sicherheitsdienst wird auf 15000 bis 18000 Quadratmeter angesetzt. Von Pickardt versichert zwar, dass die Städte und Gemeinden mit Hochdruck daran arbeiten, alle Flüchtlinge angemessen unterzubringen. Während die Erstaufnahmeeinrichtungen aber nur Durchgangsstationen für einige Wochen sind, müssen die Kommunen für die Flüchtlinge dauerhafte Lösungen finden.

Von Sarah Platthoff (14), Anna Möller (15), Finja Edborg (15), Majvi Jörn (14) und Zeynep Kayali (14)

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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